Roland Misteli
Solothurns «Mr. Lehrer»: «Lehrer-Klischees sind wohl nie totzukriegen»

Seit 20 Jahren gibt es den Solothurner Lehrerverband. Krisen, Sparmassnahmen und Reformstau waren lange prägend. Der Verband brachte 2000 Lehrer auf die Strasse und lancierte mehrere Initiativen. Wie steht es heute um den Berufsstand?

Sven Altermatt
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Roland Misteli ist seit 1997 Geschäftsführer des Verbandes Lehrerinnen und Lehrer Solothurn.

Roland Misteli ist seit 1997 Geschäftsführer des Verbandes Lehrerinnen und Lehrer Solothurn.

Hanspeter Bärtschi

Wer verstehen will, wie sich die Volksschule im Kanton Solothurn in den vergangenen Jahren entwickelt hat, der muss mit Roland Misteli sprechen. Der 59-jährige Lehrer und Sozialwissenschaftler ist vieles: Gewerkschafter, Rechtsberater, bildungspolitische Stimme. Vor allem aber ist er Geschäftsführer des Verbandes Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO), einem der grössten Berufsverbände des Kantons. Der LSO wurde vor 20 Jahren gegründet. Misteli führt seit dem dessen Geschicke.

Roland Misteli, vermissen sie die Zeit zur Jahrtausendwende manchmal?

Roland Misteli: Nein, eigentlich nicht (lacht). Es herrschte zweifellos ein anderes politisches Klima, ein raueres vor allem. Da mussten wir deutlich kämpferischer auftreten, das war schon interessant. Aber ich schätze es eher, wenn man konstruktiv mit seinen Partnern zusammenarbeiten kann.

Bei der Gründung Ihres Verbandes herrschte in Solothurn ein Spardiktat – erst recht nach dem Kantonalbank-Debakel. Die Lehrer mussten Einbussen hinnehmen, und Sie waren permanent in der Rolle des Gewerkschafters.

Die Volksschule, eine Reparaturwerkstatt der Gesellschaft?

Kleiderordnung. Handyverbot. Konfliktfälle. Die Themen hinter diesen und ähnlichen Schlagwörtern beschäftigen auch den Verband der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO) immer wieder. Die Volksschule ist ein Spiegel der Gesellschaft – aber ist sie deswegen auch deren Reparaturwerkstatt? Ein Vorwurf lautet, Eltern würden immer mehr Aufgaben der Erziehung an die Schulen delegieren. LSO-Geschäftsführer Roland Misteli sagt im Gespräch, die Schule sei nun mal ein Ort, wo das Zusammenleben geübt werden kann. Dazu gehöre auch die Vermittlung von Werten. «Gleichzeitig kann und soll die Schule nicht die Nacherziehung von auffälligen Schülern übernehmen.»
Der LSO berät seine Mitglieder bei rechtlichen Fragen und Problemen in ihrem Berufsalltag. Gerade Konflikte mit Eltern würden zunehmend zu einer Herausforderung, beobachtet Misteli. «Heute kommt es schneller zum Streit als noch vor ein paar Jahren.» Unterschiedliche Vorstellungen von einer «guten Schule», eine schlechte Benotung oder die vermeintliche Benachteiligung einzelner Kinder sind Ursachen dafür. Teilweise enden die Konflikte in juristischen Auseinandersetzungen. Für Misteli ist klar: Gefordert sind besonders die Schulleiter, die zwischen den Parteien vermitteln, sich wenn nötig aber auch schützend hinter ihre Lehrpersonen stellen sollten. Der Schweizer Lehrerverband hat reagiert und dieses Jahr ein Positionspapier für die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Eltern erarbeitet. Darin stellt der Verband sechs Forderungen. Zentral ist die Gründung einer unabhängigen Ombudsstelle, damit Konflikte nicht eskalieren und vor dem Richter enden. (sva)

Ein Sparpaket folgte auf das andere, die Stimmung war am Boden. In den Schulen mussten fast 10 Millionen Franken eingespart werden, das Antasten der Löhne war kein Tabu mehr. Wir waren unter anderem mit Reduktionen bei den Freifächern konfrontiert und mit einer Erhöhung der Klassengrössen. Die Schulen sowie die Lehrer und das Staatspersonal drohten zu den eigentlichen Opfern des «schlanken Staates» zu werden.

Der LSO galt damals als Gewerkschaft, wie sie im Lehrbuch steht: Er lancierte Initiativen, schlug markige Töne an, organisierte Demonstrationen. Waren Sie gerne an vorderster Front?

Wir machten, was wir konnten. Wenn es nicht anders ging, mussten wir eben zu härteren Mitteln greifen. Wie gesagt, das Gespräch ziehen wir immer vor.

Der LSO ging 1997 aus der Fusion des pädagogisch geprägten Lehrervereins und des eher gewerkschaftlichen Lehrerbundes hervor. Warum war der Zusammenschluss notwendig?

Obwohl die Verbände seit längerer Zeit kooperierten, lief vieles nicht ganz so effizient. Bisweilen gab es Doppelspurigkeiten und man merkte, dass den Lehrern eine starke Stimme fehlte. Gerade in diesen anspruchsvollen Zeiten.

Sie brachten 2000 Lehrer auf die Strasse, um gegen Sparmassnahmen an der Schule zu demonstrieren. Wäre so etwas heute noch möglich?

Ja klar. Die Lehrer sind kritische Menschen im Dienst der Gesellschaft, die für Ihre Vorstellungen und Ideen einstehen. Wenn nötig, gehen sie dafür auch auf die Strasse.
Später lancierten Sie eine Petition «Gegen den Bildungsabbau» und vier Volksinitiativen.

Warum diese geballte Ladung?

Um die Jahrtausendwende lag im Bildungswesen vieles im Argen, dringend nötige Reformen wurden nicht eingeleitet. Da wollten wir vorwärtsmachen. Wir forderten zeitgemässe Strukturen und Klarheit darüber, wer für was im Volksschulwesen zuständig ist. Der Kanton sollte seine bildungspolitische Verantwortung besser wahrnehmen.

An die Urne kamen schliesslich die Forderungen, den Kindergarten und die Musikschule in die Volksschule zu integrieren. Beide scheiterten deutlich.

Es war wohl noch zu früh dafür. Trotzdem haben wir etwas ausgelöst. Heute ist der Kindergarten selbstverständlich in die Volksschule integriert. Niemand käme mehr auf die Idee, das infrage zu stellen. Und was die Musikschulen angeht, gab es ebenfalls Verbesserungen. Ebenso führte eine unserer Initiativen via Gegenvorschlag letztlich dazu, dass es im Kanton nun geleitete Schulen gibt.

Man wolle dem Bildungsdepartement stärker Paroli bieten, hiess es bei der LSO-Gründung. Sie positionierten sich als Bollwerk der Lehrerschaft. Heute scheint es, Sie und die zuständigen Behörden verstünden sich prächtig. Täuscht dieser Eindruck?

Prächtig ist übertrieben. Heute haben wir aber ein recht gutes Einvernehmen mit dem kantonalen Bildungsdepartement, obwohl die Positionen manchmal unterschiedlich sind. Wir werden angehört, man setzt sich mit uns an einen Tisch und unsere Positionen werden teilweise aufgenommen. Gleichzeitig haben wir die grossen Reformen hinter uns, es sind ruhigere Zeiten eingekehrt.

Mit früheren Bildungsdirektoren führten Sie bisweilen öffentliche Wortgefechte. Der amtierende Departementschef Remo Ankli wurde an Lehrertagen zuletzt geradezu überschwänglich empfangen.

80 Prozent der Lehrer sind im Verband dabei

Der Verband Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO) entstand 1997 aus den Zusammenschluss des pädagogisch geprägten Lehrervereins (gegründet 1849) und des eher gewerkschaftlichen Lehrerbundes (seit 1894). Als Berufsverband vertritt der LSO die bildungspolitischen, personalpolitischen und pädagogischen Interessen der Lehrerschaft. Im LSO sind rund 80 Prozent der Lehrpersonen der Volksschule organisiert. Der LSO ist Partner des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) des Solothurner Staatspersonals. Gemeinsam mit anderen Personalverbänden hat er den GAV ausgehandelt. Als Präsidentin des LSO amtet Dagmar Rösler, die Geschäftsstelle führt Roland Misteli. (szr)

Wie man in den Wald ruft, so schallt es eben zurück. Bildungsdirektor Ankli hat eine offene Tür, hört uns an und pflegt den Dialog, wie schon sein Vorgänger Klaus Fischer. Gleichzeitig ist der LSO als Kraft positioniert, um die man nicht mehr herumkommt. Wir werden als «Stimme der Basis» respektiert. Es stimmt aber, gerade mit Ex-Bildungsdirektorin Ruth Gisi war die Zusammenarbeit sehr schwierig.

Ein Dauerbrenner sind die Löhne. 2005 wurde der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) des Kantons eingeführt – mit guten Bedingungen für Lehrer und Staatspersonal. Sie waren an den Verhandlungen beteiligt. Wie steht es heute um den GAV?

Bevor der GAV in Kraft trat, hatte Solothurn einen grossen Nachholbedarf bei den Löhnen. Dann hat der Kanton seine Hausaufgaben gemacht, das hat sich ausbezahlt. Wir hoffen, dass das so bleibt ...

... befürchten Sie diesbezüglich also Verschlechterungen?

Ich nehme entsprechende Tendenzen wahr. Lohnpolitisch ist seit vier Jahren nichts mehr passiert. Von verschiedenen Seiten wird der GAV schlecht geredet und als unflexibel bezeichnet, dabei ist er genau das Gegenteil. Seit der Einführung im Jahr 2005 wurden über 40 Änderungen vorgenommen. Wir trugen auch Verschlechterungen für das Personal mit wie etwa die Lockerung des Kündigungsschutzes oder die Abflachung der Lohnanstiegskurve.

Solothurn ist im interkantonalen Vergleich bei den Löhnen der Volksschullehrer weit oben angesiedelt. Da dürften Sie sich eigentlich nicht beklagen, oder?

Das ist an sich richtig so. Wenn man aber schaut, welche Schwierigkeiten andere Kantone bei der Besetzung von offenen Stellen haben, dann können wir uns glücklich schätzen. Der Lohn ist ein Faktor für die Attraktivität des Lehrerjobs. Stellen sind bei uns weit weniger schwierig zu besetzen als in umliegenden Kantonen. Man darf nicht vergessen: Mit den heutigen Lehrerdiplomen kann jeder in jedem Kanton arbeiten. Es herrscht Konkurrenz. Ausserdem sind vor allem die Einstiegslöhne attraktiver, im Laufe der Jahre gleichen sich die Solothurner Lehrerlöhne dann wieder den umliegenden Kantonen an.

Was bei all dem vergessen geht: Ist es nicht so, dass Lehrpersonen im Vergleich zu anderen Berufen noch immer einen grösseren Gestaltungsspielraum und vor allem mehr Ferien haben?

Gestaltungsfreiraum schon, aber Ferien haben die Lehrer nicht mehr als andere Angestellte. Solche Klischees sind wohl nie totzukriegen. Dutzende Erhebungen haben gezeigt: Lehrer arbeiten ebenfalls die üblichen rund 2000 Stunden pro Jahr, nur ist die Arbeitszeit anders verteilt. In den Schulwochen arbeiten sie deutlich mehr als 42 Stunden.

Ab der Jahrtausendwende wurde der Lehrermangel verschiedentlich zum Thema. Auch sie warnten regelmässig davor. Wie beurteilen Sie die heutige Situation?

Im Kanton gibt es derzeit keinen grundsätzlichen Lehrermangel, wohl aber einen qualitativen. An unseren Schulen fehlen vor allem Heilpädagogen, das ist aber ein schweizweites Problem. Teilweise müssen Lehrpersonen auch Fächer unterrichten, für die sie nicht ausgebildet sind.

Ihre bisherige Amtszeit stand ganz im Zeichen von Reformen, allen voran der grossen Sek-I-Reform. Nun, unter dem Strich: Sind sie zufrieden damit?

Ja, zu 80 Prozent ...

... und die restlichen 20 Prozent?

Es gibt ungelöste Probleme struktureller Art. So stellt sich bei der Sek P, dem früheren Untergymnasium, etwa die Frage, ob man die Schüler ab der 7. Klasse ausschliesslich auf eine gymnasiale Ausbildung vorbereitet oder ob diese Selektion erst in der 9. Klasse erfolgen soll.

Welchen Weg finden Sie denn besser?

Beide haben Ihre Vorteile. Das zeigen auch die Untersuchungen von Fachleuten.
Probleme bestehen auch, weil ein signifikanter Teil der Sek-B-Schüler nach dem Schulabschluss keine Lehrstelle findet. Das ist eine Baustelle. Die Anforderungen der Wirtschaft sind gestiegen. Unabhängig von der Einführung der Sek B gibt es immer weniger Lehrstellen für leistungsschwächere Schüler. Ich nehme aber positive Signale war: Es werden mehr entsprechende Angebote geschaffen und weil sich viele Lehrstellen nur schwer besetzen lassen, bieten Betriebe auch Sek-B-Schülern öfters eine Chance.

Trotzdem klagen gerade Lehrbetriebe über Niveauverluste nach der Sek-Reform.

Klagen über vermeintliche Niveauverluste sind wohl so alt wie die Volksschule selbst (lacht). Ich bin überzeugt und das zeigen auch Studien: Das individuelle Niveau hat sich nicht verschlechtert. Und obwohl die Anforderungen an viele Lehrberufe gestiegen sind, ist die Lehr-Abschlussquote noch immer enorm hoch.

Der Lehrplan 21 kann 2018 in Solothurn definitiv eingeführt werden. Die Zustimmung an der Urne war mit 65,7 Prozent Ja-Stimmen deutlich. Überraschte sie das?

Nicht unbedingt. Wir wussten seit der Urabstimmung unter unseren Mitgliedern, dass die Zustimmung zumindest in der Lehrerschaft gross ist. Die grundsätzliche Debatte ist nun beendet, der Lehrplan 21 ist breit abgestützt. Man kann sich in Ruhe auf die Einführung vorbereiten. Mehr als 3000 Lehrpersonen müssen im Solothurnischen weitergebildet werden, das erfordert eine grosse Anstrengung. Von diesen Veranstaltungen wird es jedoch abhängen, wie gut der Lehrplan an der Front ankommt.

Eine andere Baustelle ist die Spezielle Förderung. Die Solothurner Politik will den Gestaltungsrahmen der Gemeinden ausbauen, aktuell läuft dazu die Vernehmlassung. Wo sehen Sie hier konkrete Probleme?

Zum einen ist da natürlich der erwähnte Mangel an Heilpädagogen. Zum anderen ist es wichtig, dass separative Formen wieder zeitlich begrenzt eingeführt werden können, wo dies notwendig ist. Das soll ja nun möglich werden. Konkret denke ich etwa an Niveaugruppen, die in den Kernfächern an grösseren Schulen eingeführt werden könnten. Zudem ist in einigen Gemeinden der Lektionenpool für die Spezielle Förderung zu gering dotiert.

Zum Schluss: Roland Misteli, warum sollte man heute eigentlich noch Lehrer werden?

Unterrichten ist eine ausserordentlich sinnstiftende und befriedigende Tätigkeit. Die Arbeit mit jungen Menschen macht Freude.