«Ich bekam Atemnot und konnte es kaum glauben.» So beschreibt Sue Hirschi den Moment, als sie erfuhr, dass sie diesen Sommer aufs Matterhorn darf. Das war in einer Mittagspause im März, eine Woche vor ihrem 31. Geburtstag. «Am Abend spürte ich meine Wangen fast nicht mehr vom vielen Lachen.»

Die Stadtsolothurnerin freut sich riesig auf die Besteigung, die sie Mitte Juli zusammen mit sieben anderen Frauen – darunter vier Bergführerinnen – in Angriff nehmen wird (siehe Kontext). Der Wunsch, einmal auf einen der höchsten Berge der Alpen zu steigen, kam ihr zum ersten Mal während eines Besuchs auf der Monte-Rosa-Hütte. «Morgens um 3 Uhr wollte ich die Milchstrasse anschauen. Dabei sah ich die Umrisse eines Berges und auf der einen Seite eine Lichterkette», erinnert sich die aufgeweckte Frau bei einem Milchkaffee im «Solheure». Ihr Bergführer habe ihr dann erklärt, dass dies Bergsteiger auf dem Weg aufs Matterhorn seien. «Das war für mich ein Gänsehaut-Moment.» Sie merkte: «Das will ich auch einmal erleben.»

Dabei war die Solothurnerin, die seit sieben Jahren Pflege an der Höheren Fachschule in Olten unterrichtet und einen Masterstudiengang in Berufsbildung belegt, nicht von Anfang an angefressen vom Hochalpinen. Als Kind sei sie viel mit der Familie wandern gewesen. Das habe aber mehr einem Müssen entsprochen. Danach hätte es eine längere Phase ohne Wanderungen gegeben. «Da stand ich mehr auf meinem Snowboard», so die Sportbegeisterte. Die Leidenschaft fürs Wandern kam zurück, als sie eine Kollegin auf eine Gletschertour begleitete.

Mit ihrem Mann wandert sie heute regelmässig. Dabei gibt sie jeweils die ungefähre Länge und Höhenmeter vor, er sucht die Wanderungen heraus. «Ein super Team», sagt Hirschi. Die Tour vom Rothorn bis Harder Kulm auf dem Brienzergrat bezeichnet sie als ihre Lieblingswanderung. «Das Panorama ist einfach wunderschön.»

Extrem-Erlebnisse

Im Sommer 2018 war sie eine Woche alleine auf dem Bernina-Trek unterwegs. Einmal verlief sie sich. «Ich sah die SAC-Hütte weit oben. Da wäre ich am liebsten auf den Boden gehockt und hätte geweint.» Doch das kam natürlich nicht infrage. Am Schluss des Tages hatte sie 34 Kilometer in den Beinen. An ihre Grenzen kam sie auch beim Inferno Triathlon, wo sie 30 Kilometer mit dem Mountainbike absolvierte. Eine Woche zuvor hatte sie noch eine Grippe. Ein Extrem-Erlebnis für Sue Hirschi.

Ansonsten suche sie nicht direkt diese Grenzerfahrungen, betont sie. Es seien mehr das Erlebnis und die «Nebenprodukte», die ihr an solchen Herausforderungen gefallen. «Leute, die ich treffe, die vielen Murmerli oder ein Mistkäfer am Wegrand.» Das seien die Dinge, für die sie sich Zeit nehme. 

Fels und Eis

Einen Mistkäfer wird sie beim Aufstieg über den Hörnligrat auf 4478 m.ü.M. sehr wahrscheinlich nicht antreffen. Dafür erwarten sie Fels und Eis. Wer es bis oben schaffen will, muss eine sehr gute Kondition mitbringen und mit dem Untergrund fertig werden. Auf das Abenteuer Matterhorn bereitet sich Sue Hirschi derzeit intensiv vor. Dabei versucht sie wann immer möglich, Alltag und Familie einzubeziehen. «Mein Ziel ist es, zwei Mal in der Woche mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Mittlerweile schaffe ich es einmal.» Wenn es regnet, verzichtet sie in den kälteren Tagen auf die Trainingsfahrt. «Sonst werde ich fast nicht mehr warm.» Drei bis viermal in der Woche geht sie an der Aare joggen. 

Meist wird die 162 cm grosse Brünette dabei von Freunden begleitet. «Und so kann ich die Freundschaften pflegen, während ich Sport mache.» Am meisten leide der Haushalt unter dem Training. «Aber das tut ihm nicht weh», meint Hirschi und lacht.

Sue Hirschi beendet fünf angefangene Sätze

Sue Hirschi beendet fünf angefangene Sätze

«Meine bisher grösste Herausforderung...?» – «Ich möchte aufs Matterhorn, weil...» – «Als ich erfahren habe, dass ich angenommen wurde,...» – «Ich werde körperlich und mental fit, indem ich...» – «Das Zauberwort für meine Motivation lautet...»

Ihre Motivation? «Der Gruppendruck spornt mich an.» Wenn die Bergsteigerinnen zusammen auf dem Weg seien und sie keine Kraft mehr habe, sei das «doof». Dieser Druck würde sie im positiven Sinn zum Trainieren motivieren. Gepusht werden würde sie auch durch eine Song-Playlist, die durch einen Aufruf über die Sozialen Medien zustande kam. Freunde und auch Unbekannte gaben ihr dazu Inputs. Sie rief ebenfalls dazu auf, sie bei Trainings zu begleiten. Manche Bewegungspartner hätte sie gar nicht gekannt. «Der Aufruf motivierte mich auch, einmal etwas ganz Neues auszuprobieren, wie etwa Squashen.»

Fürs Bewerbungsvideo ist Sue Hirschi auf den Weissenstein

Um optimal vorbereitet zu sein, werden sich die Teilnehmerinnen im Juni auf eine Hochtour begeben. Und in der Woche vor der Matterhorn-Besteigung werden sie in Zermatt wohnen und intensiv auf ihr Abenteuer vorbereitet. «Wir erklimmen sicher einen Viertausender, gehen Biken, wandern, klettern und haben Steigeisentraining», erklärt die 31-Jährige. «Dort werden wir vor allem an die Höhe akklimatisiert.» 

Am 18. Juli geht es dann auf die Hörnlihütte und am frühen Morgen des darauffolgenden Tages in Zweier-Seilschaften über den Hörnligrat aufs Matterhorn. Wenn das Wetter zu schlecht für den Aufstieg ist, wird die Tour verschoben. Ihre Abenteuer-Kolleginnen hat Sue Hirschi bisher erst einmal getroffen. «Zuvor war ich wahnsinnig nervös, weil ich keine Ahnung hatte, wer die anderen sind.» Über die Facebook-Seite des Organisators hatte sie zu diesem Zeitpunkt lediglich von Anne-Sophie Thilo erfahren. «Sie nahm schon an Olympia teil. Da habe ich gedacht: Worauf habe ich mich da nur eingelassen?» 

Steffi Hunziker, Anne-Sophie Thilo, Judith Wernli und Sue Hirschi.

Das Team

Steffi Hunziker, Anne-Sophie Thilo, Judith Wernli und Sue Hirschi.

Sie denkt aber keinen Moment daran, dass es in der Gruppe nicht funktionieren könnte. «Sie sind mir alle sehr sympathisch. Wir ergänzen uns sicherlich gut am Berg.» Wie sie ihre Rolle sieht? «Mir ist wichtig, dass ich die anderen motivieren kann.»

Der Milchkaffee blieb während des Gesprächs unberührt und ist mittlerweile lauwarm. «Macht nichts», meint Sue Hirschi und nimmt einen grossen Schluck.