Wer Polen hört, verbindet das Land oft mit rückständiger Wirtschaft, Tiefstlohnland, veraltete Schwerindustrie, Autoschieberbanden, schlechte Infrastruktur für Bahn und Strasse. «Das trifft heute alles nicht mehr zu», sagt Benjamin Schwägli. «Das Image von Polen ist in grossen Teilen der Öffentlichkeit falsch.» Der Solothurner arbeitet für Switzerland Global Enterprise (S-GE, der früheren Osec) und sitzt in Warschau. Er ist Leiter einer der 21 Swiss Business Hubs, welche S-GE auf vier Kontinenten repräsentiert und die jeweils Teil der Schweizer Botschaften oder Generalkonsulate sind.

Seine Aufgabe ist es, Schweizer Firmen bei der Erschliessung neuer Exportmärkte zu unterstützen. Ein Mittel dazu ist die Länderberatung, welche die Aussenhandels-Organisation regelmässig interessierten Firmen anbietet. Dieser Weg führt Schwägli als Leiter der Aussenstelle in Polen in diesen Tagen auch nach Solothurn, wo er in den Räumen der Handelskammer interessierte Exporteure empfängt. Die Nachfrage ist nicht riesig, aber immerhin kann er fünf Unternehmen in einem je einstündigen Gespräch über die Exportchancen nach Polen informieren. Auf der gesamten «Tour de Suisse» waren es 13 Beratungsgespräche.

Zuerst muss «unser Mann in Warschau» mit den erwähnten Vorurteilen aufräumen. «Polen hat sich seit der politischen Wende vor rund 25 Jahren extrem verändert», berichtet Schwägli. Das Land im Nordosten von Europa sei ein Riesenmarkt mit rund 38 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner auf einer Fläche, die fast achtmal so gross ist wie Schweiz. Die Wirtschaftsleistung wachse stetig, im vergangenen Jahr mit 3,3 Prozent. Selbst während der Finanzkrise 2009 sei das Bruttoinlandprodukt nicht gesunken, sondern leicht gestiegen. «Polen gilt als Musterschüler von Europa», erklärt Schwägli. Die Zeiten des «Eisernen Vorhangs» seien vorbei.

Für die Schweiz sei Polen zu einem gewichtigen Handelspartner gewachsen. Dazu legt er Zahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung auf den Tisch. 2014 wuchsen die Exporte nach Polen um über sechs Prozent auf 2,2 Milliarden Franken. Bezogen auf die Gesamtexporte sind das nur gerade 1,1 Prozent. Trotzdem liegt Polen in der Rangliste nach Ländern auf Platz 20, noch vor Brasilien oder Indien. In Osteuropa liegt nur Russland leicht vor Polen. Zwar sanken die Ausfuhren nach Polen – wie in fast alle Länder auch – in den ersten fünf Monaten 2015. Aber, so Schwägli, sei das primär auf einen Rückgang der Ausfuhren der chemischen und pharmazeutischen Industrie zurückzuführen, deren Produkte fast 40 Prozent der gesamten Exporte ausmachen.

Die für den Kanton Solothurn wichtige Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie verzeichne weiterhin ein solides Wachstum von rund drei Prozent, die Präzisionsindustrie (inklusive Uhren) sei gar zweistellig gewachsen. «Polen ist heute der wichtigste Markt in Ostmitteleuropa für Schweizer Exporteure.» In Polen sei eine grosse Fertigungsindustrie am Entstehen, die sich mehr und mehr auch in Richtung Herstellung von komplexen Produkten entwickle. Zudem steige die Nachfrage nach Premiumprodukten aufgrund der wachsenden Mittelschicht.

In den durchgeführten Gesprächen mit Firmenvertretern seien die unterschiedlichsten Themen zur Sprache gekommen, erzählt Schwägli. Das Spektrum reiche von ersten Marktinformationen bis hin zu konkreten Anfragen zu möglichen Vertriebspartnern in Polen. Kein Thema ist in den Beratungsgesprächen die Ansiedlung von Schweizer Firmen in Polen; allerdings gebe es seit der Aufhebung des Euromindestkurses vermehrt Anfragen für die Beschaffung von Gütern aus Polen.

Der 36-Jährige weiss aus eigener Erfahrung, welche Bedürfnisse die hier ansässige Industrie hat. Er ist in Bellach und Hubersdorf aufgewachsen, studierte an der ETH in Lausanne und in Zürich Betriebs- und Produktionswissenschaften mit Grundstudium in Mikrotechnik. Danach arbeitete er während sieben Jahren bei der Eta in Grenchen. Seit Oktober 2014 steht Schwägli in Warschau für die Schweizer Exportberatungsorganisation Switzerland Global Enterprise im Solde.

Ganz entscheidend für Geschäftsaktivitäten mit Polen sei dessen Zugehörigkeit zur EU. «Das gibt Rechtssicherheit, und Polen profitiert von hohen Fördermitteln der EU.» Polen ist noch kein Euroland und verfügt über die eigene Währung Zloty. Zwar sei das Durchschnittseinkommen mit umgerechnet 1000 Franken im Vergleich zur Schweiz tief, aber der private Konsum laufe auf Hochtouren. Allerdings sei der polnische Markt für Konsumgüter extrem preisgetrieben. «Der Eintritt in den Massengütermarkt ist sehr schwierig.» Deshalb sieht er Chancen für Schweizer eigentlich nur mit Produkten in einem Nischenmarkt oder im Hightechbereich. Schwägli erwähnt zwei Beispiele aus dem Kanton Solothurn. Die Kaffeeautomatenherstellerin Jura in Niederbuchsiten habe im vergangenen Herbst in Warschau einen Standort für einen Showroom mit Verkauf, Service, Ersatzteillogistik und Büros eröffnet. Jura sei in über 50 Ländern vertreten und wolle weiterwachsen, schreibt Elke Feigl, die bei Jura als Area Manager für Polen zuständig ist, in einem Newsletter. «Der Vollautomatenmarkt hat noch grosses Potenzial.» Auch die in Grenchen angesiedelte Spezialistin für Farben und Lacke für Lebensmittelverpackungen, die Rotoflex AG, habe über «seine» Organisation Kontakt aufgenommen, um den polnischen Markt zu erobern.

Benjamin Schwägli beendet seinen einwöchigen Aufenthalt in seiner engeren Heimat und kehrt zurück nach Warschau. Dort lebt er mit seiner Frau, einer schweizerisch-polnischen Doppelbürgerin, und seinen zwei Kindern. Im Koffer nimmt er seine «Beute» aus der Schweiz mit. «Für sechs Firmen werden wir nun Offerten ausarbeiten und für vier Unternehmen weitere Informationen bereitstellen.»