Coronavirus

Solothurner Start-up produziert statt Kosmetik nun Desinfektionsmittel – Nachfrage ist riesig

Das Desinfektionsmittel made in Solothurn von «Sekken» – die Hersteller bieten eine Corona-Aktion für Gewerbler in der Region an.

Das Desinfektionsmittel made in Solothurn von «Sekken» – die Hersteller bieten eine Corona-Aktion für Gewerbler in der Region an.

Heute Montag öffnen die ersten Geschäfte wieder. Fast bei jeder Wiedereröffnung spielen Desinfektionsmittel eine wichtige Rolle. Ein Solothurner Start-up setzt sich dafür ein, dass das Kleingewerbe trotzdem nicht abgezockt wird.

Es gab da diese Gelegenheit, «ein Fenster» nennt es Alexander Schneider, wenn man ihn fragt, wieso er als Kosmetik-Jungunternehmer plötzlich Desinfektionsmittel verkauft. Er ist Geschäftsführer der Renkei AG, die hinter dem Solothurner Kosmetikbrand Sekken steht. Sekken, das sind Seifen und Lotionen – alles natürlich, zu tiefst schweizerisch und ein bisschen Idealismus. Viel Lifestyle. Und dann plötzlich bieten sie Desinfektionsmittel an, ganz plötzlich ganz klinisch.

Natürlich hat es mit Corona zu tun. Auf den Zug aufgesprungen ist das Solothurner Start-up vor allem dank seinem Produktionspartner, einem Familienunternehmen aus der Region, eigentlich spezialisiert auf die Produktion von Seifen, Lotionen sowie Reinigungsmitteln für Private und die Industrie.

Als der Mangel an Desinfektionsmittel, dessen grösster Bestandteil Ethanol ist, gleich zu Beginn der Coronakrise eklatant wird, erfährt Schneider von seinem Geschäftspartner, dass sie auch Handdesinfektionsmittel herstellen. Ein vom Bundesamt für Gesundheit geprüftes und abgenommenes Desinfektionsmittel gar. Schnell ist man sich einig, bestellt rund 10'000 Liter bei Alcosuisse, dem grössten Importeur von Alkohol im Land.

Man wurde überrannt mit Anfragen

Derweil lockert der Bundesrat die Bestimmungen zur Herstellung von Desinfektionsmitteln, neue Produzenten drängten auf den Markt. Zahlreich. Die Preise explodieren. Die Nachfrage nach Ethanol und Desinfektionsmitteln schnellt in die Höhe. Noch bevor der Alkohol geliefert ist, findet Sekken mit Brack.ch einen Abnehmer für die Handdesinfektionsmittel.

Die Lieferung der Alcosuisse verzögert sich. «Während einer gewissen Zeit kam es zu Verzögerungen in der Belieferung von kleinen Neukunden», sagt Florian Krebs, Geschäftsführer des Alkoholhändlers. Man wurde überrannt mit Anfragen. Krebs: «Wir mussten in dieser Situation sicherstellen, dass wir unsere grossen Stammkunden zuerst bedienen, welche Desinfektionsmittel viel effizienter und in grösserer Menge auf den Markt bringen können als kleinere Hersteller.»

Es ging in erster Linie darum, die Versorgung des Gesundheitssystems zu sichern. Aber auch die Pharmaindustrie brauche grosse Mengen Ethanol für die Produktion, gibt Krebs zu bedenken. «Wir mussten bremsen, sonst wären wir aufgelaufen», sagt er. Die Marktsituation war und ist extrem angespannt. Nicht die gesamte Nachfrage konnte gedeckt werden, einige neue Kleinhersteller gingen leer aus. Obwohl rund 40 Prozent mehr Ethanol auf dem Schweizer Markt ist als sonst. So viel wie nie zuvor.

Der Ethanol-Preis verdreifachte sich in Europa seit Anfang Jahr

Sekken hat Glück, mit einer kleinen Verzögerung kriegen sie den bestellten Alkohol. Seit Ende letzter Woche gibt es das Handdesinfektionsmittel made in Solothurn im Verkauf. In der Glasflasche auf der Sekken-Website und beim Chuchiladen in Solothurn sowie in Plastikflaschen bei Brack.ch. Nach wenigen Tagen sind schon über 2000 Flaschen von rund 13'000 verkauft. Die Nachfrage ist riesig. Und sie wird weiterwachsen. «Mit jeder Lockerung», prophezeit Alkoholhändler Florian Krebs. Denn Handdesinfektionsmittel werden vielerorts eine wichtige Rolle spielen bei den Konzepten für die Öffnung.

So auch jetzt bei den Geschäften, die heute nach rund sechs Wochen wieder öffnen dürfen. Coiffeure, Kosmetikstudios, Tätowierer – kaum einer wird um Desinfektionsmittel herumkommen. Der Ethanolmarkt spielt verrückt. In den letzten Wochen ist der Preis auf dem europäischen Markt bis zu 300 Prozent gestiegen. «Hier ist der Markt tot», sagt Krebs. Er wollte zusätzliche Mengen ordern. Absagen allenthalben. Wie es weitergeht, ist unklar. Schnell können die produzierten Mengen nicht hochgeschraubt werden, gibt Krebs zu bedenken. Zu aufwendig ist der Bau neuer Produktionsanlagen.

Alcosuisse konnte für ihre Kunden in der Schweiz dank der langfristigen Lieferverträge und des globalen Netzwerks die Preisanwüchse in begrenztem Rahmen halten. Krebs spricht von 10 bis 60 Prozent, die man den Schweizer Kunden aufgeschlagen habe – je nach Produktqualität. «Die Alcosuisse ist nicht an kurzfristiger Gewinnoptimierung interessiert, wir wollen ein langfristig verlässlicher Partner bleiben.»

Trotzdem sind preiswerte und geprüfte Desinfektionsmittel derzeit nicht leicht zu bekommen. Sekken-Geschäftsführer Schneider sagt: «Ich habe mit diversen Leuten aus dem Kleingewerbe Kontakt gehabt. Alle wollen öffnen, aber etliche wissen nicht, wo sie Desinfektionsmittel zu vernünftigen Preisen bekommen.»

Coronaaktion: Gewerbler kriegen 500 ml für 12.50 Franken

Derzeit würden 500-Milliliter-Flaschen zum Teil für 30 Franken angeboten. Wucher, wie er findet. «Diese Leute haben es nicht verdient, dass sie nach dieser schwierigen Zeit auch noch abgezockt werden», sagt Schneider. Deshalb plant Sekken eine Coronahilfs­aktion und gibt Kleingewerblern ­während der nächsten Wochen Halb­literflaschen für 12.50 Franken (exklusiv Mehrwertsteuer) ab. Einfach ein E-Mail schreiben, Gutscheincode erhalten und bestellen. «Zu einem fairen Preis», sagt Schneider. Er sei Überzeugungstäter, denn als Mitinhaber einer Bar und einer Marketing­agentur wisse er ganz genau, «wie hart diese Krise uns alle trifft».

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