Hohe Industrieräume, nackter Betonboden, offene Kabelkanäle an der Decke, ein Tischtennistisch und Schreibtische bestückt mit Computern und Laptops, an welchen konzentriert gearbeitet wird. In einer ehemaligen Druckerei in der Solothurner Vorstadt ist eines der derzeit wichtigsten Start-ups im Kanton Solothurn eingemietet.

Die vor vier Jahren gegründete Neeo AG – 2015 mit dem De-Vigier-Jungunternehmerpreis und inzwischen mit zahlreichen weiteren Start-up-Preisen ausgezeichnet – ist im Markt angekommen. Die Idee, mit einer Fernbedienung im Markt für das sogenannte Internet der Dinge – die intelligente Vernetzung von Geräten über das Internet – zu reüssieren, wurde umgesetzt. 

Die ersten Geräte, bestehend aus dem «Brain» (Hirn) als Schaltzentrale in Form einer elegant und flach designten Büchse aus Aluminium sowie einer Touchscreen-Fernbedienung (Remote), wurden vor einem Jahr produziert und verkauft. Das Gerät spreche alle Sprachen der Unterhaltungselektronik und der Haustechnik und könne alle Fernbedienungen in einem Haushalt ersetzen, erklärt Co-Gründer und CEO Raphael Oberholzer.

Auf einer Datenbank seien über 60'000 Geräte vorprogrammiert, welche sich per Fernsteuerung respektive über das Brain ansteuern lassen. Von der Heizung, den Storen, den Fernseher, der Musikanlage bis hin zum Garagentor.

«Ein steiniger Weg»

Inzwischen habe man mehrere 10'000 Geräte produziert und verkauft. In den letzten Monaten sei das Wachstum fast explodiert, rund 50 Prozent mehr Bestellungen jeden Monat, sagt Oberholzer. 2019 will das Solothurner Unternehmen über 100'000 Geräte fertigen. Rund die Hälfte des Umsatzes wird in den USA erwirtschaftet, dem weltweit grössten Smart-Home-Markt. Die andere Hälfte verteile sich auf rund 35 Länder weltweit. Grösster Vertriebskanal sei Amazon, der das ganze Geschäft in den USA abdecke. In den anderen Märkten werde das Gerät über Online-Stores, auf der eigenen Homepage und über den Fachhandel abgewickelt.

Das starke Wachstum sei zwar schön, aber ebenso eine sehr grosse Herausforderung. Denn um die Produktion zu erhöhen und die Lieferbereitschaft zu garantieren, brauche es hohe finanzielle Vorleistungen in zweistelliger Millionenhöhe. «Wir stehen vor einer grösseren Kapitalerhöhung, aber die Suche nach Investoren ist ein steiniger Weg», erklärt der 36-jährige Jungunternehmer.

Deshalb habe man jetzt einen erfahrenen Corporate Finance Manager engagiert. Inzwischen sei es gelungen, nebst neuen Privatinvestoren aus den USA und der Schweiz auch einige grosse institutionelle Anleger aus der Schweiz an Bord zu holen. Namen will Oberholzer vorerst keine nennen. Genau wegen der hohen Investitionen habe man noch keinen positiven Cash-flow erreichen können. Im kommenden Jahr sollte es aber möglich sein, schwarze Zahlen zu erwirtschaften. Das sei aber noch abhängig vom Umfang der Investitionen in die Produktion.

40 Arbeitsplätze in der Schweiz

Während das Engineering der Geräte zu 100 Prozent in der Schweiz erfolgt, werden die rund 300 Bauteile für die Geräte weltweit und auch in der Schweiz gefertigt und in China montiert. «Wir arbeiten mit dem weltweit zweitgrössten Auftragsfertiger zusammen.» Den Namen des US-amerikanischen Contract Manufacturer will er nicht nennen, aber er produziere auch für Apple, HP oder Microsoft.

Warum erfolgt die Montage in China und nicht beispielsweise in Europa? Treibender Faktor für den Standort seien nicht etwa die Kosten gewesen. Sondern in China gebe es ein sehr hohes Know-how in der Massenproduktion für die Konsumgüterindustrie. Ebenso wichtig sei die Qualitätskontrolle.

Jedes Gerät werde vor der Auslieferung auf Herz und Nieren geprüft. Das sei zwar aufwändig und kostenintensiv; aber es lohne sich, liege doch die Quote der Retouren wegen Defekten bislang unter einem Prozent.

Das starke Wachstum seit der Gründung hat auch zur Schaffung von Arbeitsplätzen geführt. Was mit den zwei Gründern – dem inzwischen ausgeschiedenen Oliver Studer und eben Raphael Oberholzer – vor vier Jahren begann, ist heute ein Start-up mit über 40 Angestellten. Davon arbeiten 15 am Hauptsitz in Solothurn, 25 in der Entwicklungsabteilung in Bern, 3 im Kunden-Support in Cupertino im Silicon Valley und 1 Mitarbeitender als Produktionsleiter in China.

Und im kommenden Jahr soll die Belegschaft weiter zunehmen, um das erwartete Wachstum abdecken zu können. Oberholzer spricht von «20 bis 30 neuen Arbeitsplätzen». Nachdem das Unternehmen in Solothurn vor einem Jahr vom Uferbau am Ritterquai in die grösseren Räume in der Vorstadt gezügelt ist, ist der dortige Platz schon wieder knapp. Man könne nun weitere Räume dazu mieten.

Im Visier von Interessenten

Das globale Potenzial für Geräte und Systeme im Smart-Home-Markt – eben auch Fernbedienungen – wird auf zig Milliarden Dollar geschätzt. Von diesem Kuchen wollen sich die Solothurner ein Stück sichern. «Die Konkurrenz ist da», sagt Raphael Oberholzer. Nicht nur die «Grossen» wie Amazon oder Google mischten mit, sondern auch viele US-amerikanische Start-ups. Zudem flatterten regelmässig Kaufangebote für Neeo auf den Tisch, um sich entweder die Technologie zu sichern – «oder um uns auf diesem Weg aus dem Markt zu nehmen». Ein Verkauf sei aber derzeit kein Thema, versichert er.

Am Unternehmen sind nebst mehreren Investoren auch die Schlüssel-Mitarbeitenden beteiligt. Künftig sollen sich alle Mitarbeitenden beteiligen können. Über das Konstrukt von Stimmrechtsaktien halte er noch die Stimmenmehrheit. «Natürlich habe ich mir das Exit-Szenario auch überlegt. Ich hätte dann zwar viel Geld und keinen Ärger mehr, aber ich liebe den Ärger, in diesem Fall die Herausforderung», sagt er lachend.