Mika hat entdeckt, wie man mit dem iPad einen Comic und einen Film erstellen kann», sagt Lehrerin Verena Deppe. «Zeig uns das doch bitte einmal.» Der Bub schliesst seinen Tablet-Computer an, öffnet eine App und erklärt seinen Gschpänli, wie man mit ein paar Bildern und vordesignten Sprechblasen eine Kurzgeschichte zusammenstellen kann. Mit einer anderen App konnte er sich sogar in den Regisseurstuhl setzen. Ein durchgestylter Vorspann und dramatische Filmmusik sind schon vorprogrammiert. Nur die Handlung fehlt noch, für den fertigen 007. Die hat Mika vorerst improvisiert und sich selbst als Geheimagent gefilmt – zur allgemeinen Belustigung. Den Möglichkeiten eines Tablet-Computers scheinen kaum Grenzen gesetzt.

«Kannst Du das jetzt auf Facebook stellen?», fragt ein Schüler. «Nein», antwortet Verena Deppe und schielt Richtung Sibylle von Felten von der Fachstelle «Imedias» der Pädagogischen Hochschule. Die Projektleiterin von «myPad», dem Grossversuch des Solothurner Bildungsdepartementes mit Tablet-Computern an der Solothurner Volksschule, macht einen Besuch im Wildbachschulhaus in Solothurn. «Wenn ihr eine Facebook-Seite hättet, dann schon. Dafür muss man aber 12 Jahre alt sein», erklärt sie.

Die Primarschüler sind noch nicht alt genug. Aber das iPad 3 haben sie schon bestens im Griff. Flink fahren die Hände über den Touchscreen, öffnen Anwendungen, markieren Bilder und Textabschnitte, schreiben auf der virtuellen Tastatur, zeichnen darauf oder spielen ein Musikstück. «Ich staune immer wieder, wie die Kinder, insbesondere die älteren, geschickt mit dem iPad umgehen können», erklärt von Felten. Sechs der zwölf Schulklassen, die nach den Sommerferien mit dem iPad-Versuch begonnen haben, konnte sie bisher besuchen und zieht eine positive Zwischenbilanz. Sowohl die Schüler als auch die Lehrkräfte seien mit Engagement bei der Sache und voll motiviert. Der Versuch verlaufe bisher reibungslos, mit Ausnahme von einigen WLAN-Netzen in den Schulhäusern, die verstärkt werden müssten.

Im schulhaus Wildbach funktioniert technisch meistens alles einwandfrei. Mit ein paar Taps kann jedes Kind sein iPad auf den Beamer schalten und den anderen zeigen, wie es eine Aufgabe gelöst hat. So hatten die Schüler (es sind in dieser gemischten 3./4. Klasse 14 Buben und 3 Mädchen) die Aufgabe, einen Schluss zu einer Geschichte zu erfinden und aufzuschreiben. Zusammen werden die Geschichten diskutiert und die Rechtschreibung erörtert.

Die Klassenlehrerin tritt heute als Moderatorin auf und fordert die Kinder auf, zu rekapitulieren, wie man bisher mit dem iPad gearbeitet hat. Die Apps heissen Lesetiger, Dyboard oder MathBoard und trainieren Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen. Doch die Kinder recherchieren auch selbstständig zu vorgegebenen Themen. So galt es, Informationen zum Thema Fliegen zu sammeln und daraus eine kleine Präsentation zu machen. In einer Gruppenarbeit wurde die aktuelle Ausstellung im Naturmuseum zum Maulwurf vertieft. «Dabei wurde den Kindern klar, dass es nicht damit gemacht ist, im Internet nach Bildern von Maulwürfen zu suchen», lacht Deppe. Aber die Texte zur Ausstellung kann man beispielsweise fotografieren und diese Informationen weiter verarbeiten.

Die Bildschirmschoner der Buben zeigen schnelle Autos, die der Mädchen schöne Blumen. Vor allem die Jungs sind begierig, ihre Vorträge und Videos zu zeigen. Doch wenn es darum geht, die Möglichkeiten einer App aufzuzeigen, diskutieren alle mit. Hat jemand ein Problem, weiss meistens irgendwer im Schulzimmer Rat. Es entwickelt sich eine Art «Schwarmintelligenz».

«Übers iPad wissen manche definitiv schon mehr als ich», erklärt Klassenlehrerin Deppe. Die Pädagogin ist 2005 nach einer Familienpause schrittweise wieder in den Schuldienst eingetreten und hatte zuerst nicht viel mit Computern am Hut. «Ich konnte aber in die Fussstapfen meiner Vorgängerin treten, die intensiv mit dem Computer gearbeitet hat, und habe die Arbeitserleichterung schätzen gelernt», erklärt sie. Und so war sie auch aufgeschlossen für den iPad-Versuch.

«Wir haben uns bemüht, die Schulklassen so auszuwählen, dass wir ganz unterschiedliche Konstellationen erhalten», erklärt Projektleiterin von Felten. Schüler der 3. bis zur 9. Klasse wurden berücksichtigt, Lehrkräfte mit viel und wenig Computererfahrung. «Wir lernen alle von diesem Versuch», erklärt sie.

Was nicht heisst, dass alles improvisiert ist. Die Software auf den iPads wird von einer zentralen Stelle mittels MDM (Mobile Device Management) aufgespielt, sodass alle Kinder einer Klasse dieselben Apps auf ihren iPads haben. Diese variieren je nach Schulstufe. Der Jugendschutz im Schulhaus ist über das Schulhaus-Netzwerk gesichert. Zu Hause sind die Eltern verantwortlich, den Internetzugang zu kontrollieren.

Diese dürfen übrigens die Tablets ihrer Kinder nicht benützen. Auch nicht Geschwister oder Kollegen. In einem Vertrag wurden klassenweise die Nutzungsbedingungen ausgehandelt. Neid und Missgunst unter anderen Schülern oder zu Hause seien kaum ein Problem, versichern die Schüler. «Anfänglich wurden wir schon etwas bedrängt von den anderen Kindern. Aber jetzt nicht mehr», erzählt ein Bub. Die Geschwister hätten oft schon selber einen Laptop oder ein iPhone, meinen andere. Und im Schulhaus gibts längst schon andere Computer.

Die Primarschulkinder im «Wildbach» wurden schrittweise ans iPad herangeführt, erklärt Verena Deppe. «Am Anfang durften die Schüler das Gerät nicht nach Hause nehmen. Ich wollte ihnen ermöglichen, die richtige Distanz zu gewinnen.» Das habe sich bewährt. Das iPad sei schon fast zum normalen Arbeitsinstrument geworden. Es werde aber nicht jeden Tag gebraucht in der Schule. Denn der Schulstoff hat Vorrang. Für die Lehrerin bedeutet der Versuch auf alle Fälle Mehrarbeit. Noch in den Kinderschuhen steckt beispielsweise die Lernkontrolle, die für Multmedia-Anwendungen aufwendig ist. So hat Verena Deppe zum «Maulwurf»-Thema einen Muliple-Choice-Test fürs iPad zusammengestellt. «In einer Nachtschicht und mit der Hilfe meines Sohnes, der ein Tool aus seinem Büro angepasst hat», wie Deppe betont.

Auch für Sibylle von Felten ist klar, dass auf der Software-Seite noch einiges verbessert werden kann. Es gebe noch zu wenige geeignete Apps, die stufen- und landesgerecht genutzt werden könnten. «Doch die Lehrmittelverlage haben jetzt begonnen, solche zu entwickeln», erklärt sie. Eine wichtige Funktion des Versuches sei auch, die Schulverwaltungen vor Fehlinvestitionen zu bewahren. Denn eine Schule mit IT-Infrastruktur auszustatten kostet auch heute noch eine Stange Geld. «Dass wir jetzt mit Produkten von Apple experimentieren, soll kein Präjudiz sein», betont von Felten. Sie rate zurzeit den Schulverwaltungen von grösseren Investitionen ab, bis der Tablet-Versuch abgeschlossen und ausgewertet ist.

Inzwischen hat ein Schüler eine App mit einem Planetenmodell gestartet und lässt die Sterne auf der Leinwand kreisen. Die Kinder möchten immer wieder neue Dinge zeigen, die sie entdeckt haben. Doch die Pausenglocke läutet. «iPad abschalten und in den Schulsack versorgen» sagt die Lehrerin in bestimmtem Ton. Die Schüler gehorchen. Denn sie wissen, dass es morgen weitergeht. Oder schon heute Abend, zu Hause. Interessanter vielleicht sogar, als Simpsons schauen.