Schweizerinnen und Schweizer zieht es diesen Sommer deutlich verstärkt in die Ferne. «Die Buchungen für Sommerferien dürften gegenüber der Vorjahresperiode um fünf bis zehn Prozent steigen.» Dies vermeldete diese Woche der Schweizer Reise-Verband, die Dachorganisation der hiesigen Reisebüros.

«Wir wachsen zweistellig»

Da stehen auch die Reiselustigen in der Region nicht zurück. Diese Schätzung sei «eher konservativ», sagt Heinz Schachtler, Chef und Inhaber des Solothurner Reisebüros Travellino. «Basierend auf dem aktuellen Stand werden die Buchungen im zweistelligen Bereich zulegen.»

Die erhöhte Reiselust führt er auf einen gewissen Nachholeffekt zurück. Im vergangenen Jahr hätten viele wegen der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten die Reise ins Ausland aufgeschoben. Die Risiken seien zwar nicht kleiner geworden, aber viele Menschen wollten jetzt einfach ihren Urlaub nachholen.

Auch im Oberaargau wird der Traum von Ferien vermehrt in die Tat umgesetzt. «Wir wachsen im Moment zweistellig», erklärt Hans-Peter Städelin, Inhaber der Domino Reisen AG in Langenthal. Wie sein Solothurner Berufskollege beobachtet auch er einen Nachholbedarf und einen entsprechenden Basiseffekt. Denn 2016 sei eher ein durchschnittliches Buchungsjahr gewesen. Und die Ferienhungrigen hätten die schrecklichen Terror-Ereignisse bereits ausgeblendet. Beim Reisebüro Vasellari AG in Grenchen wollte man sich nicht äussern zu den Aussichten. Es sei noch zu früh, um entsprechende Aussagen zu machen.

«Spanien ist der grosse Profiteur»

Bei den beliebtesten Destinationen unterscheidet Städelin vom Reisebüro Domino zwischen Ferien, sprich Baden und Erholen, und Reisen, sprich Erleben. Bei den klassischen Badeferien dominierten nach wie vor die Ziele in Spanien, Portugal oder auch Frankreich und Italien. Für Schachtler ist – wie im vergangenen Jahr – «Spanien der ganz grosse Profiteur der Schwierigkeiten in anderen Destinationen». Dazu zählen das Festland, die Balearen und auch die Kanarischen Inseln. Ebenso auf der Überholspur sei Kroatien. Im Segment der Erlebnisferien seien Ziele in Nordeuropa sehr gefragt, weiss Städelin. «Der Destinationsbogen reicht von Island, Irland, Schottland bis hin zu Skandinavien und Baltikum.»

Extrem unter den politischen Wirren leiden die Badeorte in der Türkei. «Dieses Ziel läuft nicht mal mehr unter ‹ferner liegen›», beobachtet Schachtler. Diese Einschätzung wird vom Reisebüro-Dachverband gestützt: «Die Nachfrage nach Ferien in der Türkei wird 2017 völlig einbrechen.» Keine verlässlichen Aussagen sind derzeit zum Reiseland USA zu erhalten. Nach den von US-Präsident Donald Trump eingeführten Reisebeschränkungen sei doch eine gewisse Unsicherheit spürbar, erklärt Schachtler. Zwar seien Schweizer Bürger davon nicht direkt betroffen, aber was passiert beispielsweise, wenn im Schweizer Pass ein Stempel von Iran eingetragen ist? Ob die USA vermehrt gemieden würden, sei noch offen. «Profitieren wird aber ganz sicher Kanada», meint Schachtler.

Was bereits vor vier Jahren einsetzte, bestätigt sich auch im laufenden Jahr. «Wir beobachten eine extreme Zunahme der Frühbuchungen», sagt Städelin vom Oberaargauer Reisebüro. Gerade bei stark nachgefragten Destinationen lohne sich eine frühzeitige Buchung. «Last Minute»-Buchungen seien oftmals teurer. Denn viele Arrangements seien mit Linienflügen verbunden. Und diese Preise würden je näher beim Abflugtermin mehrheitlich steigen.

Beratung als Geschäftsmodell

Ebenso hat sich das Buchungsverhalten enorm verändert. Die Konkurrenz des Buchungskanals Internet brachte viele Reisebüros in Schwierigkeiten. Deren Anzahl hat sich in kurzer Zeit halbiert.

Eine repräsentative Umfrage des Reiseversicherers Allianz in der Schweiz hat ergeben, dass das Internet mit 66 Prozent der wichtigste Buchungskanal für eine Reise sei, gefolgt vom Reisebüro mit 21 Prozent. Die Bedeutung der persönlichen Beratung in einem Reisebüro nehme aber gerade im Kontext möglicher politischer Konflikte zu. Heinz Schachtler zeigt sich deshalb zuversichtlich, dass Reisebüros mit einer kompetenten Beratung durchaus Chancen zum Überleben haben.

Diese Aussage untermauert er mit eigenen Beobachtungen. «Wir stellen fest, dass wieder vermehrt ein jüngeres Publikum für Buchungen ins Reisebüro kommt.» Das Durchschnittsalter seiner Kunden sei im vergangenen Jahr um zehn Jahre auf 42 gesunken.

Einen Gegentrend beobachtet auch Städelin. Die Wachstumskurve des Internet-Geschäftes schwäche sich ab. Er spricht von einem extremen Angebot an Informationen über Flüge, Hotels oder Arrangements auf allen Online-Kanälen. «Die Übersicht geht rasch verloren und der Zeitaufwand für die Suche steigt enorm an.» Das führe eben vermehrt Kunden wieder zurück in das Fachgeschäft. Er, der vor 40 Jahren das Reisebüro Domino mitgründete, setzt unbeirrt auf Beratung und ein breites Dienstleistungsangebot. «So können wir uns am Markt behaupten.»

Daseinsberechtigung für beide

Für Petra Hubler, Inhaberin des Reisebüros El Travel in Biberist, hätten im Tourismusgeschäft sowohl das Internet wie das Reisebüro ihre Daseinsberechtigung. Für normale, unkomplizierte Billigflüge etwa sei eine Online-Buchung sicherlich günstiger als im Reisebüro. «Wir können dieselben Flüge zwar zum selben Preis abgeben, müssen aber unsere Arbeit verrechnen.»

Bei Pauschal- oder Individualreisen gebe es dagegen zwischen Onlinebuchung und Reisebüro kaum grosse Preisunterschiede, aber bei der Leistung schon. Letztere in Form der Beratung, des Supports und des Dienstleistungsangebotes könne nur das Reisebüro bieten. Dass dies auch etwas kostet, legt Petra Hubler transparent dar. Ein Arrangement mit kurzer Abwicklung koste 80 Franken pro Dossier, eine Individualreise mit einem hohen Zeitaufwand zwischen 100 und 400 Franken pro Dossier. Am Produkt der Reise werde dem Reisebüro vom Veranstalter, je nach Agenturvertrag, eine Marge von 5 bis 14 Prozent gewährt.