1. Weltkrieg
Solothurner Pilot verliert über Zürich sein Leben

Am 8. Mai werden genau 70 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen sein. Obwohl die Schweiz glimpflich davongekommen war, gab es auch Tote durch Beschuss oder Bomben, darunter der Solothurner Pilot Paul Treu.

Peter Brotschi
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Die «Blues in the Night»: Der Begleitschutz für diese amerikanische Boeing B-17, auch «Fliegende Festung» genannt, kostete den Solothurner Militärpiloten Paul Treu am 5. September 1944 das Leben.

Die «Blues in the Night»: Der Begleitschutz für diese amerikanische Boeing B-17, auch «Fliegende Festung» genannt, kostete den Solothurner Militärpiloten Paul Treu am 5. September 1944 das Leben.

Warbird.ch/ZVG

Grenchen, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: Auf dem Flugplatz ist der zivile Flugbetrieb eingestellt. An ihrer Stelle fliegen die Militärflugzeuge der Fliegerkompanie 12. Die Wehrmänner sind in der Stadt untergebracht und werden durch den monatelangen Aufenthalt zu einem Teil des städtischen Lebens. Auch Liebschaften entstehen, die nicht selten ein ganzes Leben anhalten sollten. Irgendwann zwischen September 1939 und Mai 1940 sprang der Liebesfunken auch zwischen Doris Zemp und Paul Treu.

Ihre Eltern führen in Grenchen ein bekanntes Möbelgeschäft, er ist ein schneidiger Fliegeroffizier und ETH-Student. Im Mai 1940 wird die Fliegerkompanie 12 in Grenchen abgezogen. Die Liebe zwischen Doris Zemp und Paul Treu aber bleibt bestehen. Das Paar heiratet 1943 und nimmt in Solothurn an der Burgunderstrasse 8 Wohnsitz. Im Frühling 1944 erblickt Sohn Peter das Licht der Welt. Fünf Monate später ist das Glück der jungen Familie jäh vorbei. Der
5. September 1944 verändert alles.

US-Bomber von Fliegerabwehr angeschossen

An diesem Tag bombardierten Luftstreitkräfte der USA vormittags Städte in Südwestdeutschland. Der Bomber Boeing B-17 mit dem Nicknamen «Blues in the Night» war in Framlingham (Suffolk) gestartet. Bei der Bombardierung des BMW-Werks in Stuttgart erhielt er Treffer der Fliegerabwehr. Zwei der vier Motoren fielen aus. Die Besatzung entschloss sich zur Flucht in die Schweiz, wo zuvor schon viele andere amerikanische Flugzeuge einen sicheren Hafen gefunden hatten.

Der 22-jährige (!) Kommandant des Bomberpulks, Alvin Jaspers, der sich an Bord der «Blues in the Night» befand, verlangte per Funk Geleitschutz. Geflogen wurde der Bomber vom Co-Piloten Thomas Gallagher. Zwei P-51 Mustang begleiteten den havarierten Bomber Richtung Schweiz. In den beiden Jagdflugzeugen sassen die Piloten Nathan Ostrow aus Minneapolis und Earl Erickson aus Oakwood, Missouri. Sie waren mit ihrer Staffel (503rd Fighter Squadron) in Fowlmere bei Cambridge gestartet, um die Bombergruppe in den Südwesten Deutschlands als Jagdschutz zu begleiten. Um 11.07 Uhr flogen die drei Flugzeuge bei Stein am Rhein über Schweizer Territorium ein.

Auf dem Flugplatz Dübendorf stand die Fliegerkompanie 7 auf Pikett. Vier Messerschmitt Me-109E starteten, um die Amerikaner abzufangen. In zwei Flugzeugen sassen die beiden Oberleutnants Robert Heiniger und Paul Treu. Im Raum zwischen Winterthur und Kloten sichteten die Schweizer Piloten den schwer angeschlagenen Bomber «Blues in the Night», bei dem nur noch die beiden Innenmotoren liefen. Die erste Patrouille mit den Piloten Künzler und Schoch nahm um 11.20 Uhr die Fliegende Festung in den Geleitflug und eskortierte sie Richtung Dübendorf. Die zweite Patrouille mit den Piloten Heiniger und Treu übernahm weiter hinten fliegend die Sicherung. Nachdem die erste Patrouille zusammen mit dem Bomber in Richtung Dübendorf abgedreht hatte, betrachteten Heiniger und Treu ihre Mission als beendet und drehten nach links weg.

Amerikaner nehmen die Eskorte unter Feuer

In diesem Moment stachen die beiden Mustang-Jäger aus grosser Höhe auf die Schweizer Messerschmitt hinunter. Das Flugzeug von Paul Treu wurde zuerst beschossen, wobei er am Körper tödlich getroffen wurde. Das Jagdflugzeug stürzte in einer Spirale ab und zerschellte beim Hürstholz bei Zürich Affoltern, etwas über zwei Kilometer vom heutigen Osteingang des Gubristtunnels entfernt. Robert Heiniger, der in Utzenstorf aufgewachsen war und im Zivilleben als Swissair-Pilot arbeitete, erinnerte sich an diesen bangen Augenblick: «Ich sah plötzlich neben mir ein Flugzeug in einer Art Vrille hinunterstürzen, realisierte im ersten Moment aber nicht, dass es Paul Treu war. Da dachte ich: ‹Was ist hier los?› In diesem Moment krachten dumpfe Knalle in meinem Flugzeug. Der Motor begann zu stottern, ein Phosphorgeschoss war ins Cockpit gedrungen, beissender Rauch begann sich in der Kabine auszubreiten.»

Einem zweiten Angriff konnte sich Heiniger entziehen, dann liess er sich in einer Spirale bis über 300 Meter über den Boden fallen. Anschliessend fuhr er das Fahrwerk aus und schickte sich an, auf dem Flugplatz Dübendorf zu landen. Über dem Dietliker Wald griff einer der Mustangs erneut von hinten an, wobei die Schweizer Messerschmitt ein zweites Mal getroffen wurde. Der Pilot fuhr das Fahrwerk wieder ein und machte eine Bauchlandung, wobei das Flugzeug in Brand geriet. Durch die Bergungsmannschaft konnte Heiniger gerettet und der Brand gelöscht werden. Nach dem letzten Angriff verschwanden die beiden Mustangs und verliessen über Brugg und Frick die Schweiz. Der Bomber «Blues in the Night» landete in Dübendorf und die Besatzung wurde interniert. Ein Jahr später, am 12. September 1945, wurde diese B-17 nach England überführt.