Er hatte es mit Mördern und Vergewaltigern zu tun, aber auch mit Scheidungen, Blaufahrern und Vertragsbrüchen. 30 Jahre lang war Marcel Kamber Richter im Kanton Solothurn. Zuerst, von 1989 bis 2005, als Amtsgerichtspräsident. Dann wurde der Luterbacher als Vertreter der FDP zum Oberrichter gewählt. Als Mitglied des dreiköpfigen Strafgerichts wirkte er bei den spektakulärsten Prozessen der vergangenen Jahre mit, sei es der Grenchner Dreifachmord im Schenkkreismilieu oder der gegen die Raser von Schönenwerd.
Nun geht Marcel Kamber in Pension. Beim Gespräch ist ihm immer anzumerken, dass ihm die Tätigkeit noch immer Freude bereitet. 30 Jahre Verbrechen, Vergehen und Zwist haben ihn überhaupt nicht zermürbt.

Sie waren 30 Jahre mit schlimmen Verbrechen und menschlichen Abgründen konfrontiert. Trotzdem wirken Sie ganz aufgestellt.
Marcel Kamber: Das ist vielleicht eine Persönlichkeitsfrage. Ich habe viele negative Eigenschaften von Menschen kennen gelernt. Ich habe jedoch auch ganz viel Tolles erlebt – privat und im Gerichtssaal. Menschen, die grossartig gehandelt haben. Ein Beispiel: Als ein Mann vor einer Firma in Zuchwil auf seine Freundin geschossen hat, kam ein Betriebsmitarbeiter durch den Kugelhagel hindurch und hat diese Frau hereingeholt. Es gibt nicht nur die Abgründe, man trifft im Gerichtssaal auch auf menschliche Höhepunkte.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es sind all jene Fälle, bei denen sich das Schicksal als «mieser Verräter» entpuppt hat: Wenn beispielsweise durch Zufälligkeiten Kinder zu Schaden gekommen sind. Ein Beispiel, das mir in Erinnerung blieb, ist ein Mann, der wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde. Es war ein Weihnachtstag, als es schneite. Die Leute hatten schon etwas Schnee rausgeschaufelt. Um nicht die Schneehaufen zu zerstören, fuhr er ganz auf die andere Strassenseite und knapp an einem Hauseingang vorbei, als ein kleines Mädchen vor das Auto fiel. Wenn er richtig gefahren wäre, nämlich rechts, wäre es nicht zum Tod dieses Kindes gekommen. Ich habe selbst Kinder. Solche Fälle haben mich durchgeschüttelt.

Als Richter müssen Sie ohne Emotionen urteilen. Geht dies immer?
Ich bin überzeugt, dass man auch als Richter bis zu einem bestimmten Grad Betroffenheit zeigen darf. Wir haben im Gerichtssaal auch Opfer. Ich finde es wichtig, dass diese erkennen, dass der Richter fühlt, was da passiert ist. Aber es gibt Grenzen. Die Anforderung ist, dass man in ruhiger, sachlicher Atmosphäre den Prozess durchführt.

Wie erreichen Sie, dass ein Urteil gerecht ist?
Gerechtigkeit ist kein objektiver Begriff. Gerechtigkeit ist das Empfinden einer Person. Ist jemand Opfer, empfindet er Gerechtigkeit ganz anders als ein Täter. Es gibt für mich einen theoretischen Idealfall, bei dem die Anwendung von Recht zur Gerechtigkeit für alle führen würde. Aber das ist nicht realistisch. Was wir aber erreichen können, ist eine Verfahrensgerechtigkeit. Ein faires oder gerechtes Urteil ist für mich eines, das in einem korrekten Verfahren zustande kommt, bei dem alle Betroffenen zu Wort gekommen sind und bei dem eine angemessene Strafe ausgesprochen wird.

Wie viel Spielraum hat ein Richter bei einem Urteil?
Das richterliche Ermessen ist oft sehr gross. Nehmen wir den Raubtatbestand: Wenn ein einfacher Raub vorliegt, haben wir Richter einen Strafrahmen von 6 Monaten bis 10 Jahren. Das ist schon ein grosser Spielraum. Wenn wir aber zum Schluss kommen, dass eine Gefährdung von Leben stattgefunden hat, ist die Mindeststrafe 5 Jahre, die Maximalstrafe 20 Jahre. Wir stehen also vor einem Strafrahmen von 6 Monaten bis 20 Jahren.

Nach welchen Kriterien legen Sie die Höhe der Strafe fest?
Diesen Rahmen füllen wir, nachdem wir den Fall näher angeschaut haben. Wurde z. B. Gewalt angewendet oder ist die Tat grausam gewesen? Auch die Biografie eines Menschen kann ein Kriterium sein oder ob einer immer wieder gewalttätig geworden ist. In der Strafkammer des Obergerichtes fällen wir die Urteile zu dritt. Hanspeter Marti, Daniel Kiefer und ich sind schon sehr viele Jahre zusammen Richter. Das Urteil ist ein Produkt von uns dreien. Manchmal findet eine sehr angeregte Diskussion statt.

Dies bedeutet aber: Theoretisch könnte in einem anderen Kanton ein Richter ein anderes Urteil fällen für die gleiche Tat?
Es ist sogar möglich, dass eine Einzelperson am selben Gericht diesen Fall anders beurteilen würde. Das ist so. Die Persönlichkeit des Richters spielt auch eine Rolle. Dass wir zu dritt urteilen, gibt einen gewissen Ausgleich. Und zudem legt das Bundesgericht in einer sehr detaillierten Rechtsprechung die grundsätzlich wesentlichen Kriterien fest, die wir berücksichtigen müssen. Wir müssen Tat- und Täterkomponenten nennen, die uns beim Entscheid wichtig waren. Sie müssen nachvollziehbar und überprüfbar sein. Das sind die Leitplanken.

Aber Sie haben einen Spielraum?
Ja. Das sogenannte richterliche Ermessen gehört zu den Grundpfeilern eines demokratischen Rechtsstaates. Unser Rechtsstaat beruht darauf, dass Richter, nach Abwägung aller Kriterien, die eine Rolle spielen, zu einem im Einzelfall angemessenen Strafmass kommen. Dazu braucht es diesen grossen Strafrahmen, auch wenn immer wieder vonseiten der Politik die Forderung kommt, dieser Ermessensspielraum müsse eingeengt werden, etwa damit Richter nicht zu milde Urteile fällen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Es gibt ein Beispiel, das mir auf der Seele brennt und bei dem die Politik versucht hat, den Rahmen einzuschränken. Das war die Aktion «Via Sicura» im Nachgang zu Raser-Delikten. Dort hat die Politik uns Richtern den Strafrahmen mittels Gesetzgebung eingeschränkt. Die Politik sagte: Bei bestimmten Geschwindigkeitsüberschreitungen gibt es Freiheitsstrafen von mindestens einem Jahr, und zwar allein wegen der Geschwindigkeitsüberschreitung, auch ohne Gefährdung, ohne Unfall, ohne etwas. Das bedeutet: Der Richter muss, wenn eine Person an einem Sonntagmorgen früh bei guter Sicht auf der leeren Autobahn kurz auf 200 km/h beschleunigt und es blitzt, eine Mindest-Freiheitsstrafe von einem Jahr aussprechen. Der Richter kann nicht abwägen, ob jemand gefährdet wurde. Das ist völlig unverhältnismässig, weil diese Person eine halbe Stunde später auf der deutschen Autobahn völlig legal 200 Stundenkilometer fahren darf. Hier hat man versucht, aus Misstrauen gegenüber dem Richter, dass er zu milde Strafen ausfällt, den Ermessensspielraum einzuschränken. Und das kam nicht gut. Man korrigiert es jetzt wieder.

Der Ruf nach harter Bestrafung kommt meist bei rückfälligen Sexualtätern. Beeinflusst dies Richter?
Wenn so etwas passiert, reagiert die Politik. Dann kommt regelmässig die Forderung, die Leute wegzusperren oder zu verwahren. Aber es darf nicht sein, dass der Richter auf öffentlichen Druck hin einer allgemein formulierten Forderung nach härteren Strafen nachgibt. Der Richter muss nach den Kriterien, die ich vorhin geschildert habe, im Einzelfall zu einem angemessenen Urteil finden. Man muss sich als Richter immer selbst hinterfragen, ob ein Strafmass nun nicht von diesen Forderungen beeinflusst ist. Zum Beispiel bei der Frage, ob ein Angeklagter zwischen der Anklage und dem Prozess in Sicherheitshaft bleiben muss, könnte man schon manchmal den Gedanken haben: Ich bin auf der sicheren Seite, wenn ich ihn drin lasse. Aber das darf aus rechtsstaatlichen Gründen nicht sein.

Damit tragen Sie eine hohe Verantwortung.
Es gehört auch zum Rechtsstaat, dass man das Risiko eingehen muss. Was ich bei diesem Thema ganz dick unterstreichen muss: Die Justiz ist nicht in der Lage, absolute Sicherheit vor Verbrechen zu schaffen. Wir beurteilen einen Einzelfall und der Normalfall ist, dass ein Verbrecher zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird und nach Verbüssung rauskommt. Und die Person kann rückfällig werden. Wir können nicht in einem Rechtsstaat Personen vorsorglich, damit es nicht zum Rückfall kommt, eingesperrt lassen. Es sind ganz, ganz seltene Fälle, wo nach einer schweren Straftat die Rückfallgefahr sehr gross ist und auch durch eine Massnahme nicht behoben werden kann. Dann muss die Verwahrung geprüft werden.

Wenn Sie 30 Jahre zurückblicken: Was hat sich seither verändert?
In meiner persönlichen Karriere hat sich ganz viel geändert. Die eklatanteste Änderung war, als ich 2005 vom Amtsgerichtspräsidenten zum Oberrichter gewählt wurde. Das ist etwas ganz anderes, obwohl es eigentlich aus der Distanz ähnlich aussieht. Der Amtsgerichtspräsident hat eine sehr breite Materie vor sich. Er deckt sämtliche Rechtsgebiete ab, von Scheidungen bis zu Strafverfahren. Er muss viel mehr Fälle erledigen als wir am Obergericht und kann daher nicht bei jedem Fall so in die Tiefe gehen. Und stark geändert hat sich die Rolle der Frau: Als ich 1989 Gerichtspräsident wurde, habe ich an diesem Richteramt die erste Frau als Gerichtsschreiberin angestellt. Eine Richterin gab es meines Wissens im ganzen Kanton noch nicht.

Hat man als Richter für Täter auch Verständnis?
Wissen Sie, Täter sind nicht vorwiegend bösartige, charakterlose Menschen. Das sind oft Menschen wie Du und ich, die das Schicksal fürchterlich gepackt hat. Solche Täter sind Menschen, die in einer Situation etwas tun, das zwar objektiv falsch ist, aber irgendwo jedem von uns passieren kann, wie zum Beispiel ein Fehlverhalten im Strassenverkehr mit tödlichem Ausgang für eine Drittperson. Auf der anderen Seite ist es eben auch Bestandteil einer rechtsstaatlichen Justiz, dass selbst bei den ganz schlimmen Tätern die Biografie mit angeschaut wird, um zu verstehen, wie es zur Tat kommen konnte. Der Richter kann nicht einfach voller Abscheu dasitzen wie vor einem Monster und denken «weg mit dem».

Schaut man noch Krimis, wenn man 30 Jahre lang mit Kriminalfällen zu tun hatte?
Ja, ich finde Krimis spannend. Meist hat es mit der Realität jedoch nichts zu tun.

Sie waren 30 Jahre Richter. Wie viele Jahre Gefängnis sind da zusammengekommen?
Dies kann ich unmöglich einschätzen. Es waren zahllose Urteile, an denen ich beteiligt war.