Der Konflikt scheint endlos, die Lage ist nach Jahren des Gemetzels chaotisch. Somalia versinkt im Bürgerkrieg. Eine funktionierende Regierung gibt es nicht, und die Al-Shabaab-Miliz raubt dem Land mit ihrem Terror weiter den Atem. Doch das taugt im fernen Solothurn höchstens als Randnotiz. Zu lange schon schwimmt Somalia im Becken der schlechten Nachrichten.

Und trotzdem sind viele Solothurner dem Land am Horn Afrikas näher, als sie wohl jemals ahnen würden. In den vergangenen Jahren dürfte eine stattliche Summe aus Solothurn in somalische Amtsstuben geflossen sein.

Global Village machts möglich

Aber der Reihe nach. Wer heute eine markige Adresse für seine Website sucht, hat meistens wenig Erfolg. Webadressen mit der Schweizer Endung «.ch» sind kaum noch zu haben. Nahezu alle denkbaren Begriffe sind schon als Domain in Betrieb. Mit ein wenig Fantasie ist jedoch vieles möglich.

Nun kommt Somalia ins Spiel. Eigentlich ist «.so» die offizielle Adress-Endung des Landes. Doch auch der Kanton Solothurn wird bekanntlich mit SO abgekürzt. Das wissen findige Solothurner für sich zu nutzen: Besonders Unternehmen haben Adressen mit «.so»-Endung als Alternative entdeckt. Touristisch interessante Domains wie «www.weissenstein.so» befinden sich im Besitz von Solothurner Werbeagenturen – wahrscheinlich in der Hoffnung, die Adressen dereinst für teures Geld zu verkaufen. Ein weiteres Beispiel: Die im Auftrag des kantonalen Amts für soziale Sicherheit betriebene Jugendschutz-Plattform Safeway ist unter «www.safeway.so» zu finden.

Auch Kantonalparteien sind längst auf den Geschmack gekommen. Wer «www.svp.so» im Adressfeld eintippt, landet bei der Solothurner SVP. Und «www.cvp.so» führt zu den Seiten der CVP Kanton Solothurn. Besitzer der Webadresse ist jedoch nicht die Partei, sondern Regierungsrat Roland Heim. Das zeigt ein Registerauszug des somalischen Ministeriums für Telekommunikation. Darin sind auch private Kontaktdaten von Heim sichtbar.

Eingetragen hat der Politiker die Domain im Oktober 2011 – also vor seiner Wahl in den Regierungsrat. Der Bürgerkrieg in Somalia eskalierte da gerade von Neuem: In Mogadischu amtete die Al-Shabaab-Miliz faktisch als Regierung.

Juristen kritisieren Praxis

Die Geschichte der Adress-Endung «.so» ist die Geschichte eines gebeutelten Landes. Lange war die Endung wegen des Bürgerkriegs und der unsicheren Rechtslage nicht nutzbar. Im Jahr 2009 wurde die Verwaltung an die somalische Übergangsregierung übertragen. Diese hat aus den Domains ein lukratives Geschäftsmodell gemacht. Zwar kostet die Registrierung mehr als in anderen Ländern, dafür ist die Vergabepolitik kaum reguliert.

Juristen kritisieren seit Jahren, dass Somalia keine klaren Richtlinien für Streitigkeiten um Adressen erlassen hat. Inhaber von Marken sind die Hände gebunden, wenn andere unter ihrem Namen firmieren. Doch das hindert Schweizer Drittanbieter nicht daran, «.so»-Adressen offensiv zu vermarkten. Der Anbieter Swissplaza bezeichnet diese unverfroren als «Schweizer Kantonsdomain». Die somalische Herkunft? «Kein Problem», heisst es bei der Firma. Von moralischen Einwänden will man erst recht nichts wissen. Schliesslich sei die Wirtschaft des Landes stabil und erhalte dank der Häfen ordentlich Schwung. Angesichts der Piraterie im Indischen Ozean klingt diese Aussage ziemlich zynisch. Vor der Küste Somalias plündern und entführen Piraten immer wieder Handelsschiffe.

Arme Länder wissen die Adressknappheit im Internet schon lange für sich zu nutzen. Dem Inselstaat Tuvalu soll seine Endung «.tv» über 50 Millionen Dollar in die Kassen gespült haben. Fernsehstationen auf der ganzen Welt haben eine Adresse registriert.

Dass Zweckfremdungen von Domains mitunter zu scharfen Reaktionen führen können, mussten Dutzende Unternehmen in Bayern feststellen. Sie firmierten im Internet unter «.by», der offiziellen Länderendung Weissrusslands. In der Exportwirtschaft habe das jedoch nur für Irritationen gesorgt, bemerkte die «Süddeutsche Zeitung» jüngst süffisant. Politiker waren derweil empört, dass selbst die offizielle Tourismusseite Bayerns unter einer weissrussischen Domain zu erreichen ist. Damit unterstütze der Freistaat eine üble Diktatur.

Roland Heims fremde Federn

Und Roland Heim? «Die SO-Endung drängt sich für einen Solothurner fast auf», findet der Regierungsrat. Lange habe er vergeblich versucht, eine solche Domain zu kriegen. Heute ist nicht nur die Solothurner CVP, sondern auch die private Website Heims unter einer somalischen Adresse zu finden. Zudem hat der frühere Wirtschaftslehrer die Adresse «www.kanti.so» registriert. Wer diese in seinem Browser eintippt, wird auf die Seiten der Kantonsschule Solothurn weitergeleitet.

Bedenken, dass er sich im Internet mit den Federn eines Krisenstaates schmückt, hat Heim übrigens keine. Die Endung «.so» stehe für ihn ja mit Solothurn in Verbindung.