Touristen. Manchmal kommen sie ins «Kreuz» und fragen Felix Epper, warum der Peter Bichsel nicht da sei. «Gerade zur anderen Türe hinaus», hat Epper, der Sekretär der Genossenschaftsbeiz, den Enttäuschten auch schon mal gesagt. Was die Touris nicht wussten: Sie hatten auch einen Schriftsteller vor sich. Felix Epper ist zwar nicht so bekannt wie Bichsel, in Solothurn und in Literaturkreisen kennt man seine Kurzgeschichten aber schon. Und es gibt noch viel mehr Autoren in Solothurn. Das zeigt das neue «Solothurner Lesebuch» (vgl. Text unten).

Epper, schlaksig und schlank, Jahrgang 67, sitzt in der «Kreuz»-Bar im ersten Stock. Auf dem Tisch vor ihm liegt das neue Lesebuch. 26 Solothurner (Heimweh-)Autoren – darunter auch Epper selbst, aber ausgerechnet Peter Bichsel nicht – haben kurze Texte beigesteuert, die meist etwas mit der Ambassadorenstadt zu tun haben.

Zwei, drei Mal kommt im Buch auch das «Kreuz» vor, die Sehnsuchtsstätte insbesondere ausgewanderter Solothurner Intellektueller. «Ein Ort, der inspiriert», ist die Beiz auch für Epper, nicht nur, weil die Literaturtage hier gegründet worden sind. «Du fühlst die Geschichte und du hörst Geschichten.» Das könnte bestenfalls Ideen für neue Geschichten geben: Epper trägt die Idee mit sich herum, die Erzählungen rund ums «Kreuz» zusammenzutragen, Anekdoten wie diejenige des verstorbenen Otto F. Walter (Epper schätzt ihn sehr), der mit seiner Freundin ins «Kreuz» kam. Sie verliess die Gaststätte am Ende mit Niklaus Meienberg.

«Schreiben ist sinnliches Erfahren»

In Solothurn oder zu Solothurn geschrieben: Das waren die Vorgaben, die die 26 Autoren für das Lesebuch erhielten. Epper ist in der Ostschweiz aufgewachsen, was sein Dialekt noch immer leicht verrät. Die Liebe hat ihn vor Jahren nach Solothurn gebracht. «Meine Wurzeln habe ich nicht hier, man könnte mich ausreissen, ohne dass ich Schaden nehme», sagt er. «Dafür muss ich mich an nichts abarbeiten.» Trotzdem: Wohl fühlt er sich hier und seine beiden Kinder vermitteln ihm eine Art Heimatgefühl.

Die Aare, die liebt Felix Epper, hier machen wir das Foto. «Der Fluss kommt mir zuerst in den Sinn, wenn ich an Solothurn denke», sagt er. «In seiner ganzen Unheimlichkeit. Er kann Menschen auch in die Tiefe reissen.» Epper lacht. «Lieber schreibend als real.» Seine Texte aber sind tiefgründig und dicht gedrängt. In seinem Beitrag im «Solothurner Lesebuch» ist die Aare zentral, obwohl der Name des Flusses nicht genannt wird. «Schreiben ist sinnliches Erfahren», sagt Epper. Es gehe nicht nur um den Kopf. Die Stadt ist für ihn einer der möglichen Inspirationen, aber kein Fixpunkt. Was er gelesen und erlebt hat, spielt ebenso eine zentrale Rolle.

An der ETH Zürich hat er in den 90er-Jahren Schreibkurse bei Adolf Muschg belegt. Noch immer tauscht er sich mit Kollegen von damals aus. Weniger stark sei sein Austausch mit Solothurner Autoren, erklärt Epper. Einst hat er mit den Solothurner Silvano Cerutti und Jan Schneider (beide sind auch im Lesebuch) eine Art Werkstattgespräche geführt.

Der lange Text blieb in der Schublade

Für das kommende Jahr hat der Schriftsteller vom Kanton ein Stipendium erhalten. Zwei Monate wird er im Atelier der Villa Ruffieux in Sierre verbringen. Er freut sich auf eine längere Zeitspanne konzentrierter Arbeit und überlegt sich, dazu ein längeres Werk anzupacken. – Epper hat bisher Kurztexte verfasst. «Die längere Form habe ich in der Schublade gelassen. Da war ich nicht zufrieden.» Natürlich sei die Chance da, dank langen Textformen eher wahrgenommen zu werden, während Kurzgeschichten nur «aufleuchten und wieder verschwinden». – «Weshalb hast du kein Werk?», ist die Frage, die Epper denn auch schon zu hören bekam. «Jetzt ist es vielleicht Zeit dazu», sagt er. Auf seiner Ideenliste figuriert das Tagebuch eines Vorfahren, der die Napoleonischen Feldzüge mitmachte. Aber allzu gerne spricht Felix Epper nicht über Ideen. Sie könnten verpflichten und ihn so einschränken.

Epper politisiert auch. Er arbeitet neben seiner Tätigkeit im «Kreuz» für den Gewerkschaftsbund, war persönlicher Mitarbeiter des verstorbenen SP-Ständerates Ernst Leuenberger und er ist im Vorstand der städtischen SP aktiv. Zwar sei Politik «eher prosaisch, ein Herumschlagen mit alltäglichen Themen». Ab und zu veröffentlicht er jedoch politische Texte, zuletzt in der «Wochenzeitung» (WOZ), wo er die Vereinnahmung Friedrich Glausers durch Christoph Blocher kritisierte.

Manchmal lässt sich Epper am Tresen im «Kreuz» inspirieren. Man darf ihn ansprechen und mehr fragen als nur, ob Peter Bichsel da ist. Epper freut sich immer über Begegnungen, Feedbacks und Diskussionen.