Gegen den Vorwurf, ein Messerstecher zu sein, hatte sich Sulejman A.* bei der ersten Verhandlung 2010 kaum gewehrt. Die Freiheitsstrafe von 18 Monaten – wegen Körperverletzung und einer langen Serie weiterer Delikte – akzeptierte der stadtbekannte Solothurner Kleindealer.

Aber dann wurde der heute 30-Jährige aufgrund des rechtskräftigen Urteils in seine Heimat, den Kosovo abgeschoben. Da zog er seinen Fall mit neuen Zeugen vor Bundesgericht, das im zweiten Anlauf eine Revision des Urteils anordnete.

So kam es am Dienstag zu einer neuen Verhandlung der Messerstecherei, die in der Nacht des 22. Mai 2007 auf der Solothurner Fussgängerbrücke passiert war. Der Angeklagte durfte dazu aber nicht in die Schweiz einreisen.

Spektakulär war der Auftritt eines früheren Dauerkunden der Gerichte, der mehrmals als «Kampfzwerg» beschrieben wurde. Der notorische Gewalttäter und Freund des Angeklagten sitzt seit sieben Jahren im Gefängnis.

Er wurde mit Hand- und Fussschellen vorgeführt. «Eine Zeugin hat damals Sulejman als Täter identifiziert», erzählte er. «Ich dachte, es sei gut, wenn ich selber in diesem Fall davonkomme.» Er habe geglaubt, dass ein Gericht keinen solchen Fehler begehen werde und den Falschen verurteilt.

Gerichtspräsident Stefan Altermatt wollte es etwas genauer wissen: «Die Tat ist mittlerweile verjährt. Ist das ein Grund, warum Sie diese jetzt gestehen?» «Ich hätte sie auch früher gestanden, wenn man zu mir gekommen wäre», sagte der «Kampfzwerg».

Eine Zeugin, die so etwas wie dessen Ersatzmutter darstellte, beschrieb mit dramatischen Worten, wie sie den übel zugerichteten «Kampfzwerg» damals blutüberströmt beim Postplatz abgeholt habe. «Alle in der Stadt wussten, dass er zugestochen hatte», sagte diese Zeugin.

So schlimm konnten die Verletzungen beim «Kampfzwerg» aber nicht gewesen sein: «Nach der Tat bin ich mit meiner Gruppe ins Bordell gegangen. Danach habe ich sie angerufen, weil ich wusste, dass ich mich bei ihr ein paar Tage verstecken kann.»

Ein Zeuge der damals jugendlichen Gruppe aus Chur, zu der das Opfer gehörte, erinnerte sich erstaunlicherweise noch an alle Details. «Einer fragte uns, ob wir Koks kaufen wollen. Daraus entwickelte sich ein Streit und es begann eine Handgreiflichkeit.»

Derjenige, der uns das Angebot machte, ist danach ein wenig vorausgegangen und hat mit dem Handy jemanden angerufen. Er hat in einer fremdländischen Sprache etwas gesagt. Eine Kollegin hat alles verstanden und hat uns gewarnt», erzählte dieser Zeuge, «aber da kam schon eine Gruppe Jugendlicher mit einem Hund und versperrte uns den Weg.

Der Täter zog das Messer aus der Hosentasche, stach sofort zu und drehte das Messer in der Wunde.» Der Gerichtspräsident wollte wissen, um welche Sprache es sich gehandelt habe. «Eine aus dem Balkan, vermutlich Albanisch. Italienisch oder Spanisch war es sicher nicht, das würde ich selber verstehen», sagte der Zeuge.

War die Person mit dem Handy dieselbe, die mit dem Messer zugestochen hat?», fragte der Gerichtspräsident. «Nein, das waren zwei verschiedene Personen.» Der mit dem Messer habe dunkle Kleider getragen und sei etwa 180 Zentimeter gewesen – was auf den Angeklagten zutreffen würde.

Der Mann mit dem Handy sei viel kleiner gewesen und habe dunkle Kleider getragen – was auf den «Kampfzwerg» hinweisen könnte. Aber der ist Schweizer und spricht nicht Albanisch.

Der Zeuge beschrieb weiter, wo er die vier Wunden beim Opfer gesehen hatte, und er demonstrierte, wie der Täter zugestochen hatte. Mit der linken Hand habe der Täter ein Schnellmesser geöffnet und auf die rechte Schulter und die linke Seite des Opfers eingestochen.

Rechtsanwalt Matthias Brunner, der Verteidiger von Sulejman A., entgegnete kurz und bündig: «Gemäss Bericht des Bürgerspitals hatte das Opfer nur Verletzungen auf der linken Körperseite.»

Verhandlung unterbrochen

Nach einigen Überstunden wurde die Verhandlung unterbrochen. Ein Zeuge, der nicht vor Gericht erschienen war, wird nun nochmals aufgeboten und erst dann werden die Verteidigung und der Oberstaatsanwalt ihre Plädoyers halten können.

Die Ausgangslage ist klar: Die Verteidigung wird die Zweifel und das Durcheinander bei den Zeugenaussagen betonen. Bei einem Freispruch soll dann der Landesverweis gegen Sulejman A. angefochten werden.

Oberstaatsanwalt Hansjürg Brodbeck wird das Geständnis des «Kampfzwerges» als Freundschaftsdienst eines notorischen Gewalttäters darstellen, der nichts mehr zu verlieren hat.

* Name von der Redaktion geändert