Higgs-Teilchen
Solothurner Kantischüler waren bei epochaler Entdeckung dabei

Manchmal ist man zufällig an einem Ort, wo gerade Geschichte geschrieben wird. So erging es einer Solothurner Kantonsschulklasse am Dienstag, als sie einen Tag vor der offiziellen Bekanntgabe einer physikalischen Weltsensation das europäische Kernforschungszentrum CERN in Meyrin bei Genf besuchte.

Andreas Toggweiler
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Die Strassen auf dem Gelände tragen berümte Namen
16 Bilder
Die Solothurner lauschen einem Vortrag
Sogar während des Essens zeigt ein Bildschirm desn Stand der Experimente
Montagehalle des LHC
Dieses Element kostet 1 Mio
Blick ins Innere des LHC
Michael Dittmar erklärt die Supraleitung
Querschnitt durch ein LHC-Element
Erinnerungsfoto
Ohne Worte
Besuch im Kernforschungszentrum CERN
Jetzt gehts in die Tiefe
Michael Dittmar erklärt die Arbeitsweise der Sensoren
Ohne Worte 2
Hier kribbeln Kernphysiker
Die am CERN beteiligten Länder

Die Strassen auf dem Gelände tragen berümte Namen

«Meine Kollegen werden morgen verkünden, dass sie das Higgs-Teilchen (vgl. Kasten) mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit nachweisen konnten», erklärte Experimentalphysiker Michael Dittmar den Mittelschülern. «Morgen wird es hier wimmeln von Journalisten», so Dittmar.

Gesunde Skepsis gehört dazu

Er forderte die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig auf, skeptisch zu bleiben. «Glauben Sie nicht alles, was Ihnen die Leute erzählen, auch wenn es Physiker sind», sagte Dittmar mit unterschwelliger (Selbst-)Kritik an der Forscherkaste. Forschungsresultate müssten zuerst wiederholt bestätigt werden, bevor sie wirklich Gültigkeit haben. (Erst kürzlich hatten ETH-Physiker angeblich ein Teilchen gefunden, das sich schneller als Licht bewegt. Am Ende wars ein Messfehler).

LHC und Higgs-Teilchen

Stolz des CERN ist der Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider), der seit 2008 mit langen defektbedingten Pausen in Betrieb ist. Das 27 km lange, ringförmige Gerät, bzw. sein Kontrollraum konnte von den Solothurner Schülern besucht werden. Mit dem LHC wurde der Nachweis der nach einem Physiker benannten Higgs-Teilchen erbracht. Bis jetzt wurden 12 Elementarteilchen in drei Familien beschrieben; der Nachweis des wichtigsten, des «Higgs-Boson» fehlte. Es sei verantwortlich für die Masse und damit für die Gravitation, heisst es. (at.)

Grundlagenforschung mit teurer Grosstechnologie ist das eine. Die Technikwoche für Schülerinnen und Schüler des naturwissenschaftlichen Profils dauert noch noch bis am Freitag. Sie bringt den Mittelschülern auch handfesteres Technikwissen näher, über Dinge, die sich schon in der Anwendung bewährt haben. Am Montag beispielsweise, wie man ein Parkhaus Berntor 15 Meter ins Grundwasser hinein baut, ohne dass es wie ein Schiff davonschwimmt. Ein Besuch in der ETH Zürich stand gestern auf dem Programm.

Positiv zur Technik

«Dank der Technik können wir die Welt positiv verändern, wenn wir sie richtig nutzen», meint Teilnehmer Björn Gröning (18) aus Lohn. Er möchte Architekt werden. Sehr für Mathematik zugänglich ist Jana Cslovjecsek (18) aus Grenchen. «Ich kann mir vorstellen, Mathematik zu studieren», meint sie auf der Fahrt nach Genf. - Frauen hätten beim den Naturwissenschaften stark aufgeholt, erklärt Chemielehrer Benno Kofmel, der zusammen mit Christian Schreiber (Biologie) die Kantischüler begleitete. Eine ETH-Studie attestierte Solothurner und Oltner Kantischülern 2009 schlechte Naturwissenschafts-Kenntnisse. Als Reaktion darauf wurde lehrplanmässig nachgerüstet. Es werde aber einige Zeit dauern, bis diese Veränderungen auch spürbar würden, betonen die Lehrkräfte.

Budget von 1,097 Mrd. Fr.

Im CERN wird unterdessen mit einem jährlichen Milliardenbudget daran geforscht, den Urknall zu erforschen - mit wenig Aussicht auf direkte technische Anwendungen. Diese Art von Forschung wird heute zunehmend hinterfragt. Mit den Geldern, die in diese Anlagen gesteckt werden, könne andernorts mehr erreicht werden, wird argumentiert. Auch die Schüler machen sich Gedanken. «Von dieser Problematik habe ich gehört», meint Lezand Topolak (18) aus Grenchen. Es sei allerdings schwierig, sich eine Meinung zu bilden. Tolga Aras (17) aus Zuchwil gibt zu bedenken, dass man Grundlagenforschung nicht kurzfristig beurteilen dürfe. «Mit Einsteins Formel wusste zuerst auch niemand etwas anzufangen. Heute haben wir Strom aus der Kernspaltung und die Forschung wird uns helfen, auch diese umstrittene Technologie einst abzulösen, beispielsweise durch Solarenergie.»

So oder so bot der Tag am CERN Gelegenheit, hinter die Kulissen eines gigantischen Forschungsinstituts zu blicken, mit Apparaturen, die kompliziert zu bauen und noch komplizierter zu erklären sind. Das 1954 geründete CERN sieht es laut Michael Dittmar als Aufgabe, «die Grenzen des Wissens zu verschieben». Auch das völkerverbindende Element wird betont. Der Besuch der ebenfalls riesigen Mensa zeigte, dass zumindest dies keine Phrase ist.