In einem kleinen, unscheinbaren Büro am Ritterquai in Solothurn bahnt sich offenbar Grosses an. Dort ist die Neeo AG angesiedelt. Raphael Oberholzer, der zusammen mit Oliver Studer das Jungunternehmen vor zwei Jahren gründete, will mit einer eigens entwickelten intelligenten Universal-Fernbedienung unter der Marke «Neeo» den Smart-Home-Markt aufmischen. Das Gerät ermöglicht die Bedienung der gesamten Haustechnik – vom Fernseher, Beleuchtung, Heizung, Kühlschrank, Musikanlage bis hin zur Steuerung der Storen – mit einer einzigen Touchscreen-Fernbedienung (siehe Kasten).

Vorschusslorbeeren schüren ...

Neeo ist ein anschauliches Beispiel, was es braucht, um ein Start-up definitiv in die Gänge zu bringen. Die Idee alleine genügt nicht, die Herausforderung ist es, das Produkt in die Serienproduktion und letztlich auf den Markt zu bringen. Und es gilt, speziell im Fall der Neeo, die vielen Vorschusslorbeeren zu erfüllen.

Im Februar 2015 etwa sammelte das Unternehmen auf der Crowfunding-Plattform Kickstarter innert 29 Tagen per Schwarmfinanzierung mehr als 1,5 Millionen Dollar bei weltweit über 6000 Unterstützern ein. «Ein Rekord für ein Schweizer Projekt», erinnert sich Oberholzer. Im Sommer 2015 wurde das Start-up mit dem renommierten De-Vigier-Jungunternehmerpreis, dotiert mit 100 000 Franken, ausgezeichnet. Und jetzt stehen die Solothurner gar am Swiss Economic Forum im Juni in Interlaken im Scheinwerferlicht. Es gilt als die wichtigste Schweizer Wirtschaftsveranstaltung. Die Neeo AG kämpft dort im Final um den Swiss Economic Award in der Kategorie Produktion/Gewerbe.

... auch Erwartungen

Solche Ereignisse schüren auch hohe Erwartungen. Ein Teil der Unterstützer und Erstbesteller ist ungeduldig geworden. «When will I get my Neeo?», ist zum Beispiel ein Eintrag auf dem Firmenblog. Grund: Die Produktion und Auslieferung der Geräte wurden verschoben. «Die Produktion haben wir dem Gesamterfolg zuliebe verzögert», begründet Raphael Oberholzer die Verschiebung. «Wir wollen dem Endkunden ein perfektes Gerät ausliefern.» Gerade ein Start-up stehe unter besonderer Beobachtung.

Ein fehlerhaftes oder nicht den hohen Erwartungen entsprechendes Produkt könne den Todesstoss für ein Jungunternehmen bedeuten. Es gehe um kleinste Verbesserungen in der Technologie, im Design oder, um den geplanten Produktionsprozess zu verbessern. Dazu habe Neeo extra zwei Testingenieure angestellt, welche das Gerät auf Herz und Nieren prüften. Selbst die Verpackung sei mehrfach perfektioniert worden. «Sie muss entsprechend dem Inhalt daherkommen.»

Jetzt soll es definitiv so weit sein. Derzeit liefen, so Oberholzer, die letzten Tests. «Die ersten Geräte werden wir im Spätsommer ausliefern können», versichert er. Bis Ende Jahr sollen rund 20 000 Fernbedienungen produziert werden. Bedient werden zuerst die erwähnten Unterstützer und die über 10 000 Erstbesteller. Die Kunden stammten je hälftig aus den USA und aus rund 20 weiteren Ländern.

Die geografische Verteilung sei eine zusätzliche Herausforderung gewesen. Für jedes Land seien Auflagen, Zulassungen und Zertifizierungen nötig gewesen. Während das Engineering der Fernbedienung zu 100 Prozent in der Schweiz erfolge, würden die Bauteile in Europa sowie in der Schweiz hergestellt – und anschliessend in China montiert. «Wir haben mit dem weltweit zweitgrössten Auftragsfertiger einen Vertrag abgeschlossen.» Den Namen des US-amerikanischen Contract Manufacturer will er nicht nennen, aber er produziere auch für Apple, HP oder fertige für Microsoft die Spielkonsole Xbox.

Wichtige Vertriebspartner

Nicht minder herausfordernd ist die Etablierung der Vertriebskanäle. Einerseits will Neeo den Direktvertrieb zum Endkonsumenten über die eigene Website und den grossen Online-Kanal von Amazon betreiben. Andererseits soll der Verkauf über den Fach- und Detailhandel laufen. «Wir stehen kurz vor dem Vertragsabschluss mit einer der grössten Retail-Ketten in den USA. Ziel ist es, dass die Geräte dort bereits für das kommende Weihnachtsgeschäft in die Regale kommen.»

Die ersten operativen Umsätze erwartet das Neeo-Team im laufenden Jahr. Das Gerät soll im Handel 349 Franken kosten. Ab 2017 sollen Produktion und Absatz im Bereich von mehreren 100 000 Einheiten anlaufen. «Die Budgetplanung sieht vor, dass wir bereits im kommenden Jahr schwarze Zahlen schreiben werden.»

Die effektive Geschäftsaufnahme erhöhe auch den Personalbedarf. Die Zahl der Mitarbeitenden soll sich bis Ende Jahr auf rund 40 verdoppeln. Aktuell beschäftigt Neeo in Solothurn sieben, im Engineering in Bern zehn, in der Tochterfirma in Cupertino im Silicon Valley drei bis fünf und in China zwei Angestellte. Oberholzer selbst pendelt ständig zwischen Solothurn, Bern und Kalifornien hin und her. In Cupertino sind Design, Marketing und Verkauf angesiedelt. Silicon Valley deshalb, weil es «das globale Zentrum für die technologische Innovation ist und die USA grösster Markt für Home Automation ist».

Investoren bringen Millionen

Das alles kostet Geld, viel Geld. Auch hier kann Oberholzer einen Erfolg vermelden. «Wir haben in diesem Jahr von Investoren mehrere Millionen Franken an zusätzlichem Kapital erhalten.» Es handle sich um «eine gesunde Mischung aus Schweizer und US-amerikanischen Investoren. Wir sind jetzt daran, ein Beteiligungsmodell zu erarbeiten, um diesen Status halten zu können.»

Wie lange die Neeo AG noch in den kleinen Büros im ehemaligen Schlachthaus in Solothurn operiert, ist offen. «Die Platzverhältnisse sind zu eng und wir suchen einen neuen Standort, um dem geplanten Ausbau gerecht zu werden.» Wo genau will Raphael Oberholzer noch nicht verraten.