Unfälle

Solothurner Hunde sind die bissigsten im ganzen Land

Hunde sind für viele Solothurner ein wichtiger Teil ihres Lebens. Bei den kantonalen Behörden waren zuletzt über 17 000 Hunde registriert.

Hunde sind für viele Solothurner ein wichtiger Teil ihres Lebens. Bei den kantonalen Behörden waren zuletzt über 17 000 Hunde registriert.

In keinem anderen Kanton werden verhältnismässig mehr Attacken registriert als in Solothurn: Warum stieg die Zahl der Hundebisse innert fünf Jahren um 113 Prozent?

Es war ein milder Frühlingstag an der Aare, als sich Milo losriss und die Verfolgung aufnahm. Da half kein Rufen mehr. Der vierjährige Labrador war nicht mehr aufzuhalten, das Sandwich eines Spaziergängers hatte seinen Appetit geweckt.

Milo sprang hoch und schnappte ihm das belegte Brot aus den Händen. Natürlich fand der Spaziergänger das gar nicht lustig, er fuchtelte wild mit den Händen und machte Milo erst recht nervös: Der Labrador biss ihm in den Unterschenkel. Darauf musste der Mann seine schmerzhafte Bisswunde beim Arzt behandeln lassen, der Fall landete bei der Versicherung.

Hunde sind für viele Solothurner ein wichtiger Teil ihres Lebens, seit Jahren gibt es im Kanton stetig mehr vierbeinige Freunde. Bei den Behörden waren zuletzt rund 17 000 Hunde registriert.

Doch nicht nur die Zahl der Hunde wächst. Gestiegen ist auch die Zahl der Hundebisse, und zwar geradezu rasant: Zwischen 2011 und 2015 verzeichnete der kantonale Veterinärdienst eine Zunahme um 113 Prozent. 320 Bisse wurden allein 2015 gemeldet, wie die Behörde gegenüber dieser Zeitung offenlegt. Auf 1000 Hunde kamen somit 18 Bissattacken. 

In keinem anderen Kanton haben Hunde verhältnismässig häufiger zugebissen. Das zeigt ein Vergleich mit schweizweiten Erhebungen, bei denen zuletzt 3290 Angriffe registriert worden sind. Gut jeder zehnte der Vorfälle, zu denen auch Bisse von Hunden untereinander gehören, ereignete sich demnach im Solothurnischen. Der beisswütige Milo ist längst kein Einzelfall.
Den strengen Regeln zum Trotz

Dies ist umso erstaunlicher, weil die Politik in den vergangenen Jahren einiges unternommen hat, um den Attacken von Hunden entgegenzuwirken. Seit 2008 muss jeder Hundekäufer einen Halterkurs besuchen und einen Sachkundenachweis erbringen. Bereits im Jahr zuvor trat im Kanton Solothurn zudem ein strenges Hundegesetz in Kraft.

Für die Haltung von Kampfhunden, die auf der kantonalen Rasseliste der Behörden stehen, ist seitdem eine Bewilligung nötig. Aktuelle Statistiken zeigen: Die Mehrheit der Gesuche wird mittlerweile abgelehnt, die Zahl der potenziell gefährlichen Hunde ist rückläufig. Tatsächlich verursachten die sogenannten Listenhunde lediglich drei der im Jahr 2015 registrierten Beissattacken.

Warum aber gibt es in Solothurn trotz Hundekursen und Rasselisten immer mehr Vorfälle? Veterinäre sehen die Gründe dafür unter anderem in der steigenden Zahl der Hunde und in der besseren Sensibilisierung der Bevölkerung. «Vorfälle mit Bissverletzungen werden heute zuverlässiger gemeldet», sagt die Solothurner Kantonstierärztin Doris Bürgi Tschan. Die Meldepflicht habe sich etabliert.

Nur nicht unterschätzen

Werden also einfach mehr Bisse registriert? Allein damit lässt sich der Anstieg nicht erklären, das weiss auch die Leiterin des Veterinärdiensts. Mit einer wachsenden Aggressivität der Hunde haben die Beissattacken ihrer Ansicht nach zwar kaum etwas zu tun.

Vielmehr lassen sich diese laut Bürgi Tschan teilweise darauf zurückführen, dass Hunde auf engem Raum zusehends mit mehr Menschen und anderen Hunden auskommen müssen: «Das sind sich nicht alle Hunde gewohnt.» Die Kantonstierärztin verweist etwa auf die stark frequentierten Spazierwege an den Solothurner Flüssen.

Der Auslöser eines angriffslustigen Verhaltens ist selten ein aggressives Wesen, darin sind sich Fachleute einig. Für die Bellacher Hundetrainerin Janine Böhi ist es wichtig, die natürlichen Bedürfnisse der Tiere zu berücksichtigen. Nur so könnten den Hunden auch ihre Grenzen aufgezeigt werden. «Halter müssen sich damit auseinandersetzen», sagt Böhi. Gleiches gelte für alle Menschen, die Hunden begegnen. Wer auf einen Hund zugehe, sollte ihn niemals unterschätzten.

Die Suva untersucht Unfälle mit Hundebissen und kam schon 2010 in einer Studie zum Schluss, dass deren Folgen oftmals unterschätzt werden. Jede fünfte Meldung betrifft eine gröbere Verletzung, die ein Arzt behandeln muss. Häufig führen Interventionen bei einer Rauferei zwischen Hunden zu einer Bissverletzung. Auffällig ist zudem, dass kleine Hunde überdurchschnittlich oft zubeissen.

Halterkurse in der Kritik

Für Politiker kommt die hohe Zahl der Hundebisse derweil gerade recht, um die Wirksamkeit der obligatorischen Halterkurse infrage zu stellen. Der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser will diese gleich ganz abschaffen. Im März hat er einen entsprechenden Vorstoss eingereicht. Es sei schlicht nicht klar, was die Kurse bringen. Die Solothurner Kantonstierärztin Doris Bürgi Tschan findet dagegen, die Abschaffung wäre ein falsches Signal: «Die Kurse führen nicht nur dazu, dass sich Halter und Hunde besser verhalten. Bisse und besonders Aggressivität werden offenkundig und gemeldet.»

Der kantonale Veterinärdienst prüft jede Meldung eines Hundebisses und ergreift nötigenfalls Massnahmen. Die Kantonstierärztin kann Verwarnungen aussprechen oder Kursbesuche empfehlen. Bei schwerwiegenden Vorfällen darf sie etwa eine Leinenpflicht oder ein Halterverbot verhängen. Und im Extremfall, wenn kaum mehr Hoffnung auf Besserung besteht, muss ein aggressiver Hund eingeschläfert werden.

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