Coronakrise

Solothurner Fleischproduzenten hoffen auf offene Restaurants

Ansturm bei den Metzgereien (hier Fischer, Langendorf) einerseits – Totaleinbruch beim Gastgewerbe anderseits.

Ansturm bei den Metzgereien (hier Fischer, Langendorf) einerseits – Totaleinbruch beim Gastgewerbe anderseits.

Fleischproduzenten machen schwierige Zeiten durch. Ein Blick auf Herausforderungen, Ängste und Erfolge.

Die Coronakrise hat auch viele Solothurner Fleischproduzenten hart getroffen. André Scholl gehört mit der Scholl Fleisch & Feinkost AG in Selzach einer der zwei letzten Kleinbetriebe im Kanton, die noch ein eigenes Schlachthaus betreiben. Der Präsident des Solothurner Metzgermeisterverbands sagt: «Wir müssen viele Ungewissheiten und Herausforderungen bewältigen. Wenn ein Betrieb zu hundert Prozent die Restaurationsbetriebe bedient, die jetzt geschlossen sind, hat er momentan keinen Umsatz. Betriebe, die nur den Detailverkauf pflegen, haben aktuell mehr Zulauf. Zu budgetieren ist momentan ähnlich, wie in eine Glaskugel zu schauen».

Scholl hat Kurzarbeit angemeldet und sein Team in getrennt arbeitende Gruppen eingeteilt. So käme es nicht zu einem kompletten Arbeitsausfall, falls sich ein Mitarbeiter mit dem Corona­virus infizieren würde. Denn der Chef will sicherstellen, dass er sein Geschäft nicht wegen eines Krankheitsfalls gleich ganz schliessen müsste. Erfreulich läuft es für ihn zurzeit im Bereich der Hauslieferungen. Seit Beginn der Pandemie konnten zudem Neukunden gewonnen werden. «Ich bin aber nicht sicher, ob sich die Absatzsituation der Fleischproduzenten wieder stabilisiert, sobald die Gastrobetriebe ab dem 11. Mai wieder Gäste empfangen dürfen», sagt Scholl.

Beim Fleischverarbeiter Bell in Oensingen waren keine detaillierten Auskünfte erhältlich. Mediensprecher Fabian Vetsch lässt lediglich verlauten: «Grundsätzlich präsentiert sich die ­Situation so, dass wir im Absatzkanal Retail grosse Mehrmengen zu bewältigen haben, während das Volumen in der Gastronomie teilweise deutlich zurückgegangen ist».

Letztlich gehts «um alles oder nichts!»

Remo Meier führt die Fischer Metzgerei in Langendorf. Sein Fleischabsatz im Bereich der Gastronomie, der normalerweise 30 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, ist während der Coronakrise zum Erliegen gekommen. Der Ladenumsatz hingegen ist um rund 30 Prozent gestiegen – was einen erheblichen personellen Mehraufwand für ihn zur Folge hatte. «Die Hauslieferungen erwiesen sich als umsatzstark. Nun zeichnet sich in diesem Bereich aber schon wieder eine gewisse Abkühlung ab, da die Tiefkühler alle voll sind», berichtet Meier.

Es sei eine echte Herausforderung gewesen, das Geschäft in einem ungewissen Markt neu positionieren zu müssen. Am meisten mache ihm zu schaffen: «Dass wir unsere Betriebsabläufe total neu ausrichten mussten, in diesem Bereich auf gar keine Erfahrung zurückgreifen können und zu wissen, dass es jetzt um alles oder nichts geht!».

Meier, Vizepräsident des Solothurner Metzgermeisterverbands, geht nicht davon aus, dass sich der Fleischabsatz wieder stabilisiert, sobald die Gastrobetriebe ihre Türen wieder öffnen dürfen: «Ich verstehe das Bedürfnis der Gastrounternehmer, wieder schnell öffnen zu wollen. Wir müssen aber ehrlich sein. Es wird 30 bis maximal 50 Prozent des Umsatzes gemacht werden können, da die Vorschriften eine höhere Auslastung verunmöglichen.» Die Schwierigkeit werde darin bestehen mit dieser Einschränkung etwas an die Grundkosten zu verdienen und nicht noch mehr ins Minus zu gelangen. Und: «Solange es kein Medika­ment gegen das Virus gibt, werden wir alle nie mehr richtig auf Touren kommen».

Remo Meiers Metzgereibetrieb beliefert zum Beispiel den Bucheggberger Event-Gasthof Tscheppach’s. Normalerweise beträgt die wöchentliche Liefermenge beachtliche 50 bis 80 Kilogramm Fleisch. Dieser Absatzkanal brach wegen der angeordneten Schliessung der Gastrobetriebe weg. Markus Balsiger, Geschäftsführer dieses Restaurants, erlebte den Lockdown beängstigend: «Wir konnten nur abwarten und hoffen, dass wir bald einen möglichen Fahrplan erhalten». Der Bundesratsbeschluss zur Gastrowiedereröffnung schaffe zwar eine Perspektive. «Doch dieser bedingt auch eine total neue Kalkulation ohne jegliche Erfahrungswerte. Wir müssen uns neu erfinden und unseren Kunden nebst herzlicher Gastlichkeit den Eindruck von Sicherheit vermitteln», gibt Balsiger zu bedenken.

Der Fleischverkauf ab Hof erlebt einen Boom

Während die einen unter der Situation leiden, hilft sie anderen: Bäuerin Barbara Stuber aus Biberist erlebt die Krise im Zusammenhang mit ihrem «Fleischverkauf direkt ab Hof» äusserst positiv: «Es kommen immer wieder Neukunden, die vor allem Grillfleisch kaufen. Aber auch Braten, Suppenfleisch und Ragout sind gefragt. Die Leute haben oder nehmen sich nun mehr Zeit zum Kochen und leisten sich auch ab und zu ein gutes Stück Fleisch».

Wegen der stärkeren Kundenfrequenz können Stubers aber auch mehr andere Produkte verkaufen. «Weil unser Hofladen klein und überschaubar ist, fühlen sich die Leute hier sicher». Viele ihrer Kunden wollen die kleinen Betriebe in dieser Zeit unterstützen. Und die Fleischproduzenten hoffen, dass die gestiegene Wertschätzung ihnen gegenüber nach der Coronakrise erhalten bleibt.

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