Nationalbank-Entscheid
Solothurner Export-Unternehmen «stehen massiv unter Druck»

Die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze von 1.20 Franken gegenüber dem Euro bleibt gerade für die stark exportorientierte Solothurner Wirtschaft nicht ohne Folgen. Die Export-Unternehmen verlieren an Konkurrenzfähigkeit.

Elisabeth Seifert
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Parität von Franken und Euro: Davor fürchtet sich die Wirtschaft. Symbolbild

Parität von Franken und Euro: Davor fürchtet sich die Wirtschaft. Symbolbild

KEYSTONE

Viele Unternehmen etwa im Bereich der Maschinen- und Elektroindustrie oder der Präzisionstechnik sowie der Autozulieferer erzielen einen grossen Teil ihres Umsatzes mit Aufträgen in Europa und auf dem Weltmarkt.

Der ohnedies schon starke Schweizer Franken gewinnt mit dem Entscheid der Nationalbank gegenüber sämtlichen Währungen an Wert. Damit aber verteuern sich die Produkte aus der Schweiz im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz – je nach aktuellem Wechselkurs um bis zu 20 Prozent. Gestern sank der Kurs sogar unter die Grenze von einem Franken. Entsprechend gross ist die Verunsicherung bei Solothurner Wirtschaftsführern, wie eine Umfrage deutlich macht.

Abwanderung ins Ausland?

«Das ist ein Chlapf ins Gesicht vieler Unternehmen», nahm Rolf Urben gestern kein Blatt vor den Mund. Er ist CEO der Urben + Kyburz AG in Etziken, die eine internationale Kundschaft mit Präzisionsteilen im Mikrobereich aller gängigen Materialien beliefert. Seine Vermutung: Die massive Verteuerung der Produkte werde eine Abwanderung von Firmen ins Ausland zur Folge haben, zumindest aber dürfte es vielerorts zu einem Personalabbau kommen.

Verteuerung macht in Grenchen zu schaffen

Erwin Fischer, Präsident des Industrie- und Handelsverbands Grenchen und Umgebung, warnt davor, angesichts des SNB-Währungsentscheides in Aktivismus zu verfallen. Grundsätzlich seien zwar viele Firmen in der Region betroffen, und dies umso mehr, je höher der Exportanteil sei. Es gebe aber durchaus Firmen, die seit der Finanzkrise darauf hingearbeitet hätten, ihre Produkte aufgrund technischer Überlegenheit oder Qualität «quasi unverzichtbar» zu machen.

Damit könnten diese eine gewisse Autonomie bei den Verkaufspreisen erreichen. Probleme dürften gemäss Fischer jene Anbieter bekommen, die eher standardisierte Produkte herstellen und diese schwergewichtig im Ausland verkaufen. «Wer 60 Prozent seiner Produktion ins Ausland liefert, und dabei 20 Prozent Marge verliert, wird sich etwas überlegen müssen», so der HIV-Präsident. Keine Aussage kann er dazu machen, ob und wie oft sich die Firmen über die Bank für Währungsrisiken absichern.

«Enttäuscht» über den Nationalbank-Entscheid gibt sich die Grenchner SP in einem Communiqué. «80 Prozent der Industrie in Grenchen lebt vom Export, ihre Produkte werden somit um einen Schlag 20 Prozent teurer», so die SP. Dieser über Nacht eingetretene Konkurrenznachteil werde zu grossen Problemen und Entlassungen in der Region führen. (at.)

Als «enorm» bezeichnet Rolf Urben auch die Konsequenzen für die Urben + Kyburz AG. «Wir stehen massiv unter Druck.» Bereits in den vergangenen Jahren seien die Margen aufgrund des starken Frankens gesunken. Zu schaffen machen zudem Anbieter aus dem Osten. «Wie viele andere auch konnten wir bis jetzt nur dank grösster Anstrengungen überleben.» Hart ins Gericht geht Rolf Urben mit Äusserungen von politischer Seite, welche die Wirtschaft jetzt zu noch mehr Effizienz anhalten. «Es ist für uns schlicht unmöglich, plötzlich nochmals 20 Prozent einzusparen.» Und dennoch: Der Firmenchef will nicht einfach nur Schwarzmalen. Man müsse jetzt zuerst einmal abwarten, wohin sich der Wechselkurs entwickelt. Und: «Ich bin Optimist», sagt er, «irgendwo wird sich eine Tür öffnen.»

Vom Entscheid der Nationalbank «sehr betroffen» ist auch die Arthur Flury AG in Deitingen, wie Firmenboss Adrian Flury gestern gegenüber dieser Zeitung sagte. Rund die Hälfte der Komponenten in den Bereichen Fahrleitung, Erdung, Gebäude-Blitzschutz oder Freileitung produziert das Familienunternehmen für Abnehmer auf der ganzen Welt. Überraschend kommt der Entscheid der Nationalbank für Adrian Flury aber nicht. Die Firma habe sich denn auch bis zu einem gewissen Grad darauf eingestellt. Konkret nennt Flury die «Konzentration auf Spezialitäten». Flury mahnt generell zu Besonnenheit. «Wir dürfen jetzt nicht überreagieren.» Er hofft, dass sich der Wechselkurs im Minimum bei 1.10 Franken einpendeln wird. «Damit könnten wir leben.»

Explizit nicht zu einer Stellungnahme bereit war am Freitag die Schaerer AG in Zuchwil, die Kaffee-Vollautomaten für den weltweiten Markt produziert. Seit vielen Jahren bereits gehört das Unternehmen vollständig zum deutschen WMF-Konzern.

Günstige Importe haben Folgen

Nicht existenziell bedroht – zumindest derzeit nicht – sieht sich die Kindernahrungsherstellerin Bimbosan mit Sitz in Welschenrohr. 80 Prozent der Produkte finden ihre Abnehmer in der Schweiz. «Auf dem Weltmarkt wird es für die Bimbosan AG künftig schwieriger», weiss Geschäftsführer Daniel Bärlocher. Einen grossen Nachteil bedeute der Entscheid der Nationalbank sicher für den geplanten Aufbau eines Kundenstamms in Europa. Mehr Sorgen macht sich Daniel Bärlocher allerdings um das künftige Verhalten der Schweizer Grossverteiler. Diese können nämlich jetzt Babynahrungsmittel günstig importieren. «Wenn sie diese Vergünstigungen an ihre Kunden weitergeben, sind unsere Produkte nicht mehr konkurrenzfähig.» Der resultierende Kostendruck werde sich dann auf die Zulieferer der Bimbosan AG auswirken. Bislang habe man bewusst Schweizer Firmen bevorzugt, sagt Daniel Bärlocher, zum Beispiel bei Druckaufträgen und oder auch beim Verpackungsmaterial. Künftig werde man dann aber vermehrt auf die günstigeren ausländischen Angebote ausweichen müssen.

Genau dieses Verhalten prognostiziert Rolf Steiner, der Geschäftsleiter der Vogt-Schild Druck AG in Derendingen, für so manche Firma, die unter Druck gerät. Akut sei das Problem für die Druckerei in Derendingen im Moment noch nicht. «Wir haben zahlreiche Jahresverträge.» Gewisse Einbussen befürchtet er bei spontanen Einzelaufträgen. Auch Steiner möchte jetzt erst einmal abwarten, wie sich der Wechselkurs entwickelt. Längerfristig dürfte aber kein Weg an einer weiteren Straffung der Abläufe vorbeiführen.