Daurregen
Solothurner Bauern haben mit dem Wetter zu kämpfen: Die Ernte droht zu ersaufen

Sie wollen nicht klagen, die Solothurner Bauern. Aber wenns noch wenige Tage so weitergeht, droht die Apokalypse. Werden die Wurzelgewächse nicht rechtzeitig geerntet, könnten Wurzelgewächse von Pilzen befallen werden.

Sébastian Lavoyer
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Schäden für Landwirtschaft in der Selzacher Witi im Juni 2016: An manchen Stellen steht das Wasser.
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So präsentiert sich ein Feld in der Bischmatt am Freitagmorgen nach 24 Stunden Regen
Schäden für Landwirtschaft in der Selzacher Witi
Landwirt Markus Dietschi in einem seiner Felder.
Dietschi hat auf einem der Felder Gras ausgerissen, um zu zeigen, wie die Wurzeln von der Nässe angegriffen werden.
Ein Weizenfeld auf der Witi unter Wasser. Normalerweise sollten die Blätter zu dieser Jahreszeit noch grün sein. Die gelbliche Verfärbung kommt vom Gelbrost, Pilzkrankheit
Eine von Gelbrost befallene Weizenähre
Das Zuckerrübenfeld von Dietschi in der Bischmatt. Durch die Überflutung sind Erosionsschäden entstanden.
Die Zuckerrüben erleiden durch die Nässe Wurzelschäden. Links die geschädigte. Durch die Nässe sind die Wurzeln weniger ausgebildet, was zu Folgeschäden führt.
Erdbeer-Feld von Mann in der Selzacher Witi
Zwar sind bei weitem nicht alle Erdbeeren von Fäulnis betroffen, aber je länger es nass bleibt, desto mehr Erdbeeren fallen den Niederschlägen zum Opfer.
Auch zum Pflücken ist es momentan nicht angenehm.

Schäden für Landwirtschaft in der Selzacher Witi im Juni 2016: An manchen Stellen steht das Wasser.

Hansjörg Sahli

Ein modriger Geruch liegt in der Luft, als der Reporter die Erdbeere in den Mund schiebt. Ein leichtes Drücken mit der Zunge und die tiefrote Frucht breitet sich im Mund aus. Zuckersüss. Ein Gedicht. Der leichte Nieselregen wie weggepulvert aus dem Bewusstsein, die tief hängenden Wolken am Jura-Südfuss ausgeblendet. Aber dieser leicht süssliche Gülle-Duft des faulenden Strohs zwischen den Erdbeer-Beeten holt einen schnell zurück ins Hier und Jetzt.
«Das ist der Horror», sagt Markus Dietschi, BDP-Kantonalpräsident und Bauer, «gerade für die Erdbeer-Bauern. Die sind dem Markt gnadenlos ausgeliefert und irgendwann geht es ans Existenzielle.» Im Mai raubte ihnen der Frost in der Witi rund 25 Prozent der Ernte und jetzt drohen die anhaltenden Niederschläge das ihrige zu einem Katastrophen-Jahr beizutragen.

«Seit wir Erdbeeren anbauen, habe ich noch nie ein so schlechtes Jahr erlebt», sagt Christine Hess (Seit April fielen 2016 556,8 mm Regen. Ein absoluter Spitzenwert, der vor allem deshalb so verheerend ist, weil es ohne längere Trockenphase durchregnete). Vor 37 Jahren begannen sie und ihr Mann mit dem Geschäft, das heute ihr Sohn Simon und dessen Frau Esther Tscharland weiterführen. Rund ein Drittel der Ernte habe die Nässe bisher dahingerafft, schätzt sie. Nicht nur die Fäulnis macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der Regen hält die Leute fern, die sich sonst zu dieser tummeln. «Aber reklamiert hat noch niemand, die Leute haben viel Verständnis für die Situation.»

Simon Hess zeigt die verfaulten Beeren
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Schöne rote und noch unreife Erdbeeren neben verfaulten.
Die geernteten Beeren sind nicht makellos

Simon Hess zeigt die verfaulten Beeren

Bruno Kissling

Aldo Mann, der in der Witi Erdbeeren anbaut, bläst ins gleiche Horn: «Es hat grosse Schäden gegeben bei den Erdbeeren, wir mussten viele Beeren aussortieren, trotzdem gibt es noch immer sehr schmackhafte Früchte», erklärt er. Auch er weiss, dass nicht nur der Regen schuld ist, an seiner Misere. Mann: «Sobald die Sonne kommt, werden ganz allgemein auch wieder mehr Erdbeeren gegessen.»

Wenn der Pilz zu wüten beginnt

Nicht nur die Erdbeer-Bauern leiden derzeit unter schlaflosen Nächten. Der Futterbau, das Heuen und Silieren des Grases war bisher schier unmöglich. «Das Futter wird überständig, die Qualität nimmt ab», sagt Peter Brügger, Sekretär des kantonalen Bauernverbandes. Für Milchkühe ist das Futter nicht mehr geeignet, das heisst, sie kriegen dann als Ersatz mehr Kraftfutter.

Auch Wurzelgewächse wie Kartoffeln, Zuckerrüben und Karotten leiden unter der Nässe. «Bei diesen Verhältnissen macht den Bauern vor allem die Krautfäule zu schaffen», weiss Brügger. Der Pilz befällt im Frühling oder Sommer das Kraut und breitet sich dann im Herbst oder Winter in die Wurzeln aus. «Vor 100 Jahren hat die Krautfäule in Irland zu einer Hungersnot geführt, worauf halb Irland in die USA ausgewandert ist», erzählt Brügger.

Ein Exodus droht der Schweiz nicht. Höchstens der Bauern, wenn das Wetter auch künftig solche Kapriolen macht. Extrem trocken, dann extrem feucht, Hauptsache extrem. Das mag für gewisse Action-Sportler verlockend klingen, für Landwirte ist es in erster Linie nervtötend.

Boden hatte im Sommer 2015 wegen der Trockenheit grosse Risse

Boden hatte im Sommer 2015 wegen der Trockenheit grosse Risse

Markus Dietschi

Zwar können sie sich gegen Hagelschäden versichern, gegen Ernte-Ausfälle aufgrund von Nässe und Fäulnis nicht. Das liegt auch daran, dass das Wetter über längere Zeit nicht zuverlässig vorhergesagt werden kann. Brügger sagt: «Wenn es Mitte nächster Woche abtrocknet, dann ist alles nur halb so wild – mit Ausnahme der Wurzelgewächse.»
Halb so wild war es auch für Gemüsebauer Viktor Müller in Niederbuchsiten. Bis vor einer Woche. «Seither können wir nicht mehr anpflanzen.» Zu weich der Boden. Auch die Ernte verkam zur Plackerei. Aber Eisbergsalat, Endivien und Broccoli kennen kein Pardon. Jetzt ist Erntezeit – oder die Fäulnis besorgt den Rest. Mehr Dreck, mehr Putzen, weniger Ertrag. Klagen will Müller nicht: «Wenns bald besser wird, hält sich der Verlust in Grenzen.»

Der Natur ausgeliefert

Auch Markus Dietschi mag nicht jammern. Die Bauern sind das Image der Wehklagenden leid. Und so steht Dietschi in blauer Überhose, grauem V-Shirt und dunkelgrünen Gummistiefeln im Morast in der Selzacher Witi. Neben ihm darben die Erdbeeren eines Kollegen. Weiter vorne ist der Weizen eines anderen Kollegen von Gelbrost, eine Pilzerkrankung, befallen, die Sonnenblumen stehen im Wasser. Seine Zuckerrüben waren mehrfach überschwemmt in der Bischmatt zwischen Selzach und Bettlach. Machen kann er nichts. «Diese Hilflosigkeit macht uns zu schaffen», sagt er.

Trotzdem bleibt er optimistisch: «Die Natur kann vieles abfedern, eine anständige Trockenperiode und alles sieht wieder etwas besser aus.» Bis Mitte nächster Woche soll sich aber nichts ändern. Und wenn es so weitergeht, «wenn es bis zur Erntezeit so nass bleibt, dann nimmt die ganze Sache apokalyptische Ausmasse an», so Dietschi. Denn bei diesen Bodenverhältnissen kann man mit den Landmaschinen nicht auf die Äcker. Dann herrscht Untergangsstimmung – vom Erdbeer- über den Gemüsebauern bis hin zu den Winzern.