Die gute Nachricht vorneweg: Ich kann in Stockholm bleiben, trotz Annahme der Zuwanderungsinitiative vom 9. Februar. Selbstverständlich ist das nicht. Denn seit die EU am vergangenen Mittwoch das Aus für das Bildungs- und Austauschprogramm «Erasmus +» verkündet hat, steht die studentische Mobilität in der Schweiz auf der Kippe. Von der Dienststelle für internationale Beziehungen meiner Heimuniversität Freiburg gab es umgehend Entwarnung: Das Erasmusjahr 2013/14 kann normal abgeschlossen werden. Die Vorbereitungen für das Jahr 2014/15 indes werden nun über den Haufen geworfen. Offiziell nimmt die Schweiz erst seit 2011 am Erasmusprogramm teil.

Eine vorzeitige Rückkehr wäre auch jammerschade gewesen; jetzt wo in Stockholm die Zeit zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang pro Tag um sechs Minuten anwächst, wo man nach dem schier endlosen Winter unter künstlichen Lichtduschen die Schlittschuhe verstaut und sich auf die Versprechungen des nordischen Sommers freut: schwimmen unter der Mitternachtssonne, ein Segeltörn in den Schären vielleicht. Picknicken im Park statt Büffeln in der Bibliothek.

Erasmus, eine einzige Spassveranstaltung, ein über Steuergelder finanziertes Wohlfühlprogramm? Von wegen. Ein Studienvertrag garantiert die akademischen Leistungen (Seminararbeiten, Examen), die von der Heimuniversität kontrolliert und anerkannt werden. Der Arbeitsaufwand ist nicht geringer als in der Schweiz, zumindest nicht in meinen Studienfächern Moderne Geschichte und Recht. 300 Seiten Lektüre pro Kurs und Woche sowie eine fünfseitige Arbeit sind guter Durchschnitt. Doch wer nur hinter den Büchern sitzt, verpasst etwas. Das Vergnügen muss auch Platz haben.

Das scheinen die Stadtoberen zu wissen: Just zum Zeitpunkt, als sich am 9. Februar um 15 Uhr abzeichnete, dass die Schweiz Einwanderungs-Kontingente einführen will, hob in Stockholm die Präsidentin des Stadtrates, die Konservative Margareta Björk, zum Loblied auf den freien Personenverkehr an. Die Stadt hatte die Erasmus-Studenten zum feierlichen Empfang ins Rathaus geladen, Kellner in weissen Handschuhen reichten adrett angerichtete Speisen und Getränke. Sie sei sehr stolz, dass so viele Menschen nach Schweden kommen wollten, meinte Björk. Grenzen seien weniger wichtig als je zuvor, und Schweden wolle in einer globalisierten Welt weiterhin prosperieren.

Es war ein Beispiel dafür, wie sich die Behörden um das Wohlergehen der Gäste bemühen. Kinoabende und Ausflüge werden veranstaltet, sprachliche Unterstützung für die fremdsprachigen Studenten angeboten, eine Krankenversicherung gehört zum Angebot. Auch an der Universität, so scheint es, finden sich noch letzte Überreste des schwedischen «folkhem», des Wohlfahrtsstaates, der Mitte des letzten Jahrhunderts so viel Aufmerksamkeit erregte. Trygghet und Trivsel nennen das die Schweden – Sicherheit und Behaglichkeit. Ein anderes Merkmal dieses Modells ist die gemeinsame Arbeit und der Konsens (andere sprechen von Gleichmacherei). Hierarchien an der Universität sind flach, Studenten und Professoren duzen sich, Gruppenarbeit wird grossgeschrieben.

Für die meisten meiner Gesprächspartner hat sich das Bild der Schweiz auch nach dem 9. Februar nicht verändert; nicht für die Sozialarbeiterin aus Lyon, den IT-Spezialisten aus Athen, den Mathematiker aus Innsbruck oder für die Stockholmer Ökonomin. Einzig der Chemiker aus Bremen, der an der ETH seinen Doktor machen wollte, will seine Pläne begraben und nun doch nicht in Zürich promovieren. Man hätte doch die Probleme mit der Personenfreizügigkeit auch anders lösen können als mit Kontingenten, meint er.

Es ist ein Verlust für die Bildungslandschaft Schweiz, dass das Erasmus-programm gestrichen wird. Ein Austausch ist nicht nur in akademischer, sondern auch in persönlicher Hinsicht bereichernd. Es bleibt zu hoffen, dass ich ein Stück Gelassenheit zurück in die Schweiz nehmen kann. Auch so etwas eignet man sich während eines Erasmusaufenthaltes an.

*Christof Ramser arbeitet Teilzeit bei der Solothurner Zeitung und studiert an der Universität Freiburg Moderne Geschichte und Recht.