Familienzuwachs
Solothurner Arzt studiert die «Exotinnen», die zu Hause gebären

Hausgeburten sind heute die Ausnahme. Der Solothurner Hausarzt Reiner Bernath setzt sich seit Jahren für die Geburt im vertrauten Umfeld ein und hat dazu in seiner Praxis eine Langzeitstudie durchgeführt.

Reiner Bernath*
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Soeben auf die Welt gekommen, daheim, im vertrauten Umfeld. Heutzutage findet nur noch eine von hundert Geburten zu Hause statt.

Soeben auf die Welt gekommen, daheim, im vertrauten Umfeld. Heutzutage findet nur noch eine von hundert Geburten zu Hause statt.

Emanuel Per Freudiger

«Isch es Zyt?», fragt der Partner die Gebärende, deren Hausgeburt dem Ende zustrebt. Die Frau bejaht, er schiebt die Zwiebelwähe in den Backofen. Das Timing stimmt: Die Geburt und das Gebäck sind nach wenigen Minuten fertig. Nimmt das Kind mit seinem ersten Atemzug den köstlichen Duft wahr, der das Haus durchweht? Gewiss ist, die stolzen Eltern, die Hebamme und ich als Arzt geniessen das feine Gebäck, das mich an die legendäre «Bölletünne» aus Mutters Küche erinnert. In unserem Bauernhaus im Schaffhausischen hat unsere Mutter übrigens von 1944 bis 1949 vier Kinder zur Welt gebracht. Ich war das zweite. Hausgeburten waren bis in die 50er-Jahre die Regel. Heute sind sie die Ausnahme. In der Schweiz findet nur noch 1 Prozent der Geburten zu Hause statt. In Ländern wie Kanada, Holland und England sind es jedoch weiterhin bis zu 30 Prozent.

Seit 25 Jahren höre ich, wegen zwei Einwänden, Spital- und Hausgeburten seien nicht vergleichbar. Frauen, die zu Hause gebären wollen, hätten zum Vornherein ein kleineres Komplikationsrisiko. Zudem seien diese mental stärker. Der subjektive Eindruck aus meiner langjährigen Erfahrung war, dass sich die beiden Gruppen gar nicht so sehr unterscheiden. Im Interesse einer Objektivierung habe ich ab 1999 begonnen, die Daten zu meinen hausärztlich begleiteten Geburten in der Region Solothurn systematisch zu sammeln.

Generell wollte ich wissen, ob wir heute, bei den viel gepriesenen grossen Fortschritten in der Medizin, speziell der Spitalmedizin, noch Hausgeburtshilfe anbieten dürfen? Die Antwort ist Ja. Studien in Kanada, Holland und England konnten für hunderttausende Mütter und Kinder kein erhöhtes Risiko zeigen. Die eigenen erfassten Zahlen sind für eine statistische Signifikanz zwar zu klein, entsprechen aber den erwähnten Studien. Zum Vergleich des Komplikationsrisikos meiner Hausgeburten mit Spitalgeburten habe ich meine gesamten 359 Daten (1999–2012) denjenigen aller Schweizer Geburten des Jahres 2007, die zu 99 Prozent im Spital stattfinden, gegenübergestellt.

Die Frage, ob es sich bei den zu Hause gebärenden Frauen um eine Auslese von mental besonders starken Frauen handle, kann aus meinen Daten nicht beurteilt werden.

Bei einer Hausgeburt nimmt die Gebärende bei Wehenbeginn Kontakt mit ihrer Hebamme auf. Nach normalem Verlauf der Eröffungsperiode wird der Arzt herbeigerufen, damit für die Geburt zwei ausgebildete Personen zugegen sind. Die Gebärende habe ich als Arzt während ihrer Schwangerschaft in meiner Praxis kennen gelernt.

Frau H., eine Erstgebärende, hat mir die Hebamme kurz vor dem Geburtstermin zugewiesen. Wegen Steisslage hatte der behandelnde Gynäkologe vorgängig eine Sectio (Kaiserschnitt) empfohlen. Weil sich das Kind spontan auf den Kopf gedreht hat, freut sich die Frau auf die nun mögliche Hausgeburt. Eine Woche später meldet die Hebamme, die Wehen hätten zögerlich eingesetzt, der Muttermund sei 3 cm offen, die Fruchtblase stehe. Nach einer ruhigen Nacht will die Hebamme wissen, wie es bei launischen Wehen und dem jetzt 6 cm offenen Muttermund weitergehen soll. Frau und Kind seien wohlauf. Wir beschliessen gemeinsam, das «Tiefertreten» des kindlichen Kopfes mit Schwerkraft zu fördern. Während der Wehen soll sich Frau H. auf den Mayastuhl setzen und in den Wehenpausen umhergehen. Nach weiteren 4 Stunden werde ich zur Geburt gerufen.

Der Muttermund ist nun vollständig offen, der Kopf liegt tief und es setzen richtig gute Austreibungswehen ein. Ein letztes Mal lassen wir der Frau Zeit, und nach einer halben Stunde ist das Kind da. Alle Beteiligten haben 24 Stunden warten können mit dem Resultat einer normalen vaginalen Geburt, einem Mädchen, das sofort schreit, und einem unverletzten mütterlichen Damm. Familie H., die Hebamme und der Arzt sind glücklich und zufrieden.

Eines ist sicher: Eine professionell begleitete Hausgeburt bedeutet weniger unnötige Kaiserschnitte bei gleicher Komplikationsrate wie bei den Spitalgeburten. Seit 1988 begleitet unsere städtische Grundversorgerpraxis Hausgeburten in der Region Solothurn. In den 25 Jahren bis 2012 waren es insgesamt 529 Geburten. Zwischen 1999 und 2012 liegen systematisch erfasste Daten von 359 Frauen vor. Diese haben bei einer der vier Hausgeburtshebammen der Region oder in unserer Praxis den Wunsch nach einer Hausgeburt geäussert. Von einer Hausgeburt ausgeschlossen wurden Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften, früheren Geburtskomplikationen oder mit Wehenbeginn vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche. Zudem wurden Lageanomalien wie Steisslage sowie seltenere Anomalien wie Placenta praevia ebenfalls primär an die Spitäler überwiesen.

Erfasst wurde das Alter der Mutter bei Geburt, das Gestationsalter (Schwangerschaftsdauer), die Parität, das Geburtsgewicht sowie die Notwendigkeit einer Spitalverlegung mit oder ohne Kaiserschnitt.

Zum Vergleich wurden die Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS) aller Schweizer Einlings- und Termingeburten 2007 sowie die Daten des schweizerischen Hebammenverbandes für Hausgeburten 2007 hinzugezogen.

•Unsere Frauen waren im Schnitt 2,2 Jahre älter und häufiger Mehrgebärende (plus 18 Prozent).

•18 Prozent der angefangenen Hausgeburten mussten wir ins Spital verlegen, meist wegen fehlenden Geburtsfortschritts.

•Die Kaiserschnittrate der Solothurner Hausgeburten lag mit 6,1 Prozent im nationalen Durchschnitt der Hausgeburten. Mit 26 Prozent viel häufiger waren die Sectiones bei den Spitalgeburten. Mit den 6,1 Prozent Kaiserschnitten sind wir vergleichbar mit der Sectiorate von in- und ausländischen Hausgeburtsstudien. Die übrigen Zahlen unterschieden sich nur unbedeutend. Hausgeburten waren also weitgehend vergleichbar mit Spitalgeburten.

Was bewirkt den grossen Unterschied bei der Sectio-Rate? Nach meiner Beobachtung und Erfahrung ist diese bei uns so tief, weil Hausgeburtshebammen konsequent das Konzept der abwartenden Geburtshilfe leben. Mit «meisterlicher Zurückhaltung» führen sie die Gebärenden, solange es diesen und den Kindern gut geht, zur Geburt. Der Stress während der Wehen ist im Spital und zu Hause gleich. Wichtig ist eine optimale Entspannung in der Wehenpause. Dazu tragen die gewohnte häusliche Umgebung und der schon in der Schwangerschaft vertraute Kreis der anwesenden Personen wesentlich bei. Es gibt keinen Hebammen-Schichtwechsel und im Gebärzimmer halten sich keine unbekannten Personen auf.

Was haben wir gelernt? Frauen, die sich für eine Hausgeburt entscheiden und bei denen keine medizinischen Gründe dagegen sprechen, können in professioneller Begleitung von motivierten Hebammen und Hausärztin oder Hausarzt in über 80 Prozent der Fälle sicher in ihrer gewohnten Umgebung gebären. Hausgeburten sind absehbar unkomplizierte Geburten. Wenn Hebamme und Hausarzt Probleme kommen sehen, verlegen sie die Gebärende ins Spital. In der Region Solothurn erfolgte in einem Drittel der abgebrochenen Hausgeburten eine Sectio. Wir verlegen die Gebärenden lieber frühzeitig und nicht erst dann, wenn eine Sectio unvermeidbar scheint. Diese Praxis ist breit akzeptiert, auch von den Spitälern der Region, mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten.

Der Arzt unterstützt die Hebamme bei der Entscheidung, ob eine Frau für eine Hausgeburt infrage kommt. Bei der Geburt bleibt er im Hintergrund.

Jede Geburt ist für alle Beteiligten ein besonderes, vielfach ein überwältigendes Erlebnis. Für mich ist es ein Privileg, immer wieder die glücklichen Eltern erleben zu dürfen. Nach der Geburt drücken sie ihre Freude ganz unterschiedlich aus: Während die Mütter mit einem stillen Lächeln die langsam abklingenden Endomorphine geniessen, offerieren die Väter, wenn die Freudentränen nachlassen, ein währschaftes Znüni und manchmal einen speziellen Tropfen. Es muss nicht immer Champagner sein. So äusserte ein Vater aus dem frommen Teil vom Emmental nach der vierten Hausgeburt: «Es ist doch jedes Mal ein Geschenk! Lasst uns einen Kräutertee trinken.» Ein andermal rief der frischgebackene Vater der Erstgeborenen lautstark durch die Räume der städtischen WG: « Lässig, und jetzt genehmigen wir uns einen Cognac.» Kurz gesagt: Hausgeburten waren und sind die Höhepunkte in meinem Praxisalltag.

* Dr. med. Reiner Bernath ist in Schaffhausen geboren und aufgewachsen. Medizinstudium in Zürich, Assistenzarztjahre im Bezirksspital Affoltern am Albis (Kt. Zürich), in der Psychiatrischen Klinik und im Kantonsspital Schaffhausen. Absolvierung des tropenmedizinischen Kurses an der Universität Basel. Nach vier Jahren Arbeit an diversen Spitälern in Moçambique/Afrika hat er zusammen mit dem Kinderarzt Dr. Th. Baumann 1986 die Gruppenpraxis Weststadt gegründet. Ab Beginn waren die Hausgeburtshilfe, Umweltmedizin und die Reisemedizin wichtige Pfeiler seiner hausärztlichen Tätigkeit.

Quellen: Ackermann-Liebrich, U., et al., Home versus hospital deliveries: follow up study of matched pairs for procedures and outcome. Zurich Study Team. BMJ, 1996. 313(7068): p. 1313-8.

Bundesamt für Statistik: Geburtsstatistik 2007. www.admin.bfs.ch, 2007. Fortpflanzung, Gesundheit der Neugeborenen

Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel: Tätigkeitserfassung der frei praktizierenden Hebammen der Schweiz. www.sage-femme.ch, 2008.

Bundesamt für Statistik: Gebären in Schweizer Spitälern. www.admin.bfs.ch, 2007. (Dieser Artikel ist in pimary care 2013 erschienen).

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