Gleichstellung

Solothurner Anwältin kämpfte für Gleichberechtigung: «Ich war als Superhexe verschrien»

Lucie Hüsler vor dem Filmbesuch. 1977 verwehrte ihr die Regierung, dass sie als verheiratete Frau mit ihrem Ledignamen für den Kantonsrat kandidiert.

Lucie Hüsler vor dem Filmbesuch. 1977 verwehrte ihr die Regierung, dass sie als verheiratete Frau mit ihrem Ledignamen für den Kantonsrat kandidiert.

Der Film «Die göttliche Ordnung» bringt den Kampf fürs Frauenstimmrecht auf die Solothurner Leinwand. Kinobesuch – und Zeitreise – mit der Solothurner Anwältin Lucie Hüsler, die bis vor den Europäischen Gerichtshof für die Gleichstellung kämpfte.

Gelassen sitzt Lucie Hüsler im Foyer des Kino Canva. Ihre Ruhe täuscht darüber hinweg, wie himmelschreiend die Geschichte ist, die sie erzählt. Hüsler erinnert an Ereignisse, die so weit weg scheinen; die aber erst kürzlich passierten. Hier, bei uns. Die 70-jährige Solothurner Anwältin sorgte im Solothurn der 1970er und 80er-Jahre mit dem Kampf für die Gleichberechtigung für Furore. «Ich war als Superhexe verschrien», sagt sie.

Es ist Mittwochabend, der 8. März, Tag der Frau. Das Foyer des Kinos Canva füllt sich. Viele Frauen wollen die Vorpremiere des Films «Die göttliche Ordnung» sehen. Der Schweizer Film thematisiert den Kampf ums Frauenstimmrecht. Hüsler erzählt, wie sie für die Gleichberechtigung kämpfte. Manchmal liegt ein Funkeln in ihre Augen, wenn sie schildert, wie sehr sie die Solothurnerinnen und Solothurner einst provozierte. «Ich hatte etwas Teuflisches», sagt sie, die ab 1985 vier Jahre lang Präsidentin der SP Frauen Schweiz war und die Quotenregelung in der Partei mit einführte.

Die göttliche Ordnung - offizieller Trailer

Die göttliche Ordnung - offizieller Trailer

«Schrecklich, dieser Mief!»

Filmstart im Kinosaal. Appenzell 1971. Auf der Leinwand erscheint die Welt von VW Käfern, eine Welt mit Bergen und einer stolzen Swissair, die Welt von braunen Tapeten in Wohnzimmern, von Frauen, die das Bier aus dem Kühlschrank holen und Männern, die entscheiden können, ob ihre Frau arbeiten gehen darf. «Schrecklich, dieser Mief», entfährt es Hüsler im Kinosaal. «Aber so war es.»

Es ist eine fiktive Geschichte, die auf der Leinwand läuft. Aber der Kampf, die Argumente gegen das Frauenstimmrecht und die gezeigten Frauenschicksale kommen Hüsler bekannt vor.
Die 1970er-Jahre: Hüsler studierte, war Juristin. Aber abstimmen durfte sie nicht. «Ich bin ja nicht dümmer als meine Kollegen», dachte sie sich, als sie volljährig wurde. Und begann zu kämpfen. Die Geschichte, die sie vor dem Film so gelassen erzählte, berührt Hüsler wieder. «Der Film löst fast Magenkrämpfe aus», sagt sie später. Alte Zustände sind wieder präsent. Männer bestimmen. «Ich hätte nie mit einem Mann gesprochen, der gegen das Frauenstimmrecht war», sagt Hüsler. In ihrem Umfeld kam es nicht vor, dass Männer bestimmten, ob die Frau arbeiten darf. Aber die gesellschaftliche Benachteiligung hat sie selbst erlebt. Als sie und ihr Mann ein Haus kaufen wollten, entschied die Vormundschaftsbehörde mit.

Solothurn und der Europäische Gerichtshof

1977 wollte sich Lucie Hüsler, damals verheiratete Hagmann, mit ihrem Ledignamen auf der SP-Kantonsratsliste aufstellen lassen. Der Kanton verbot es ihr, als Lucie Hüsler zu kandidieren. Sie müsse den Namen ihres Mannes angeben. Bis nach Strassburg zog sie den Fall. Und es geschah, was heute undenkbar scheint: Hüsler unterlag. Sie durfte nicht mit ihrem Namen auf die Liste. Die Anwältin liess sich nicht unterkriegen. Sie und ihr Mann liessen sich scheiden, damit sie auf der nächsten Liste ganz korrekt mit dem Namen Hüsler antreten konnte.

Mit ihrem geschiedenen Mann lebte sie weiterhin zusammen. Ein weiterer Skandal im damaligen Solothurn. Anfeindungen gab es viele. «Geh doch nach Sibirien», stand in anonymen Briefen.

Ein Wahlplakat zeigt sie mit kurzen Haaren. «Ich wollte nicht weiblich auftreten. Ich wusste: Als Mann stünden mir alle Wege offen.» Karriere machte Hüsler dennoch. Zuerst als Präsidentin der SP Frauen Schweiz, später als Anwältin. Die SP war für sie, die aus einem freisinnigen Haus stammte, die einzige mögliche Partei. Dass die FDP mit dem Slogan warb: «Die Freisinnigen haben die Frauen gern», hielt sie für verlogen. «Aber die roten Patriarchen existierten auch», erzählt sie.

Frauen gegen Frauenrechte

Auf der Leinwand, im fiktiven Appenzeller Dorf, kämpft eine einflussreiche Frau gegen das Frauenstimmrecht. Hüsler lacht. «Die gab es auch in Solothurn.»

«So brav», schüttelt Hüsler den Kopf, als sie die zaghaften ersten Schritte der Kämpferinnen im Film sieht. Die Männer nur nicht zu stark vor den Kopf stossen: Hüsler hat das selbst auch unter Frauen erlebt. «Sei nicht so extrem», hörte sie. «Man durfte nicht sagen: Wir wollen dies. Man musste sagen: Wir möchten...» Hüsler aber stellte Forderungen. «Ich wollte nicht kuschen.» Das wurde nicht goutiert, auch nicht in den eigenen Reihen. Drei mal kandidierte Hüsler im Kanton für den Nationalrat. Erfolglos, trotz ihres Leistungsausweises. «Wer als Mutterfigur auftrat, hatte es einfacher», erinnert sie sich. Dass die ländlichen Rollenbilder im Kanton stark verhaftet waren, merkte sie bald. «Die SP Schweiz war viel fortschrittlicher als die SP Kanton Solothurn.» Hüsler und Mitstreiterinnen wehrten sich dagegen, dass sich die Spitalschwestern am Solothurner Bürgerspital weigerten, legale Schwangerschaftsabbrüche auszuführen. «Als Nazis wurden wir bezeichnet.»

«Auch nicht alle Männer werden Metzger»

Am Ende des Films erscheinen die ersten Nationalrätinnen im Bild. Elisabeth Blunschy, Liliane Uchtenhagen. Lucie Hüsler kannte sie alle. Die Solothurnerin engagierte sich mit Gret Haller, Ruth Dreifuss und Christiane Brunner.

Und heute? Wir haben erreicht, dass die rechtliche Gleichstellung realisiert ist. Wenn die jungen Frauen die Rechte nicht wahrnehmen, sind sie selbst schuld», sagt sie. «Aber jeder soll leben, wie er will.» Manchmal hat sie Angst, dass sich die jüngere Generation nicht mehr vorstellen kann, wie hart der Kampf für die gleichen Rechte war. Noch immer regt sie sich auf, wenn in den Kinderzimmern Mädchen rosaroten und Knaben blauen Stoff haben. «Das ist ein fehlendes Bewusstsein, wie Rollenbilder tradiert werden.»

Eine Familie hatte sie nie. «Wie nicht alle Männer Metzger werden, werden nicht alle Frauen Mütter.» Sie beherrscht sie noch, diese messerscharfen Sätze. Wieder blitzt die Freude an der Provokation in ihren Augen auf. Aber es sind Sätze, die geschrieben härter klingen als wenn sie Hüsler sagt. «Wer mich persönlich kennenlernte war oft überrascht, wie umgänglich ich bin», sagt sie lachend.

Lucie Hüsler, einst angefeindet und als Hexe verschrieen, blickt heute gelassen zurück. Statt entrüsteter Reaktionen auf ihr Engagement erhält sie heute Respekt für ihre Leistung.

Nach dem Film, an der Canva-Bar, springt das Gespräch von der Unterdrückung der Frau über administrativ versorgte Frauen bald zum Umgang mit Verdingkindern. «Was machen wir heute, das man in einigen Jahren nicht mehr begreifen kann?», fragt eine Kollegin von Hüsler.

Die Frauenbewegung

Die Frauenbewegung

Lucie Hüsler und Ursula Ulrich-Vögtlin gehören zu den Solothurnerinnen, die ihre Volljährigkeit noch ohne Stimm- und Wahlrecht erreicht hatten und gleichzeitig auch zu den ersten aktiven Politikerinnen im Kanton. Ursula Ulrich-Vögtlin wurde 1987 die erste Solothurner SP-Nationalrätin und war 1990 gar für das Präsidium der SP Schweiz im Gespräch. 1987 noch glanzvoll gewählt, musste sie 1991 die Abwahl als Nationalrätin hinnehmen. Lucie Hüsler ist seit den 70er-Jahren eine Kämpferin für die Gleichstellung und arbeitete in den 80er-Jahren als Mitglied des Verfassungsrats an der neuen Verfassung des Kantons Solothurn mit. 1974 bis 1980 war sie im Vorstand der SPS aktiv und 1985 wurde sie zur Präsidentin der SP Frauen Schweiz gewählt. Das Interview mit den beiden führte die Historikerin Rita Lanz.

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