Statistik 2013
Solothurn wird zum Zuzugskanton für Sozialhilfeempfänger

Nur fünf Kantone haben eine höhere Sozialhilfequote – die Zunahme ist in Solothurn am grössten. Warum ist der Kanton Solothurn so attraktiv für Sozialhilfeempfänger? Die Sozialstatistik gibt Auskunft.

Von Elisabeth Seifert
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Gemeinden mit günstigen Wohnungen sind bei Sozialhilfebzügern beliebt.

Gemeinden mit günstigen Wohnungen sind bei Sozialhilfebzügern beliebt.

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Die steigenden Kosten in der Sozialhilfe sorgen bei den Gemeinden, die diese tragen müssen, für Bauchschmerzen. Zugenommen haben die Kosten insbesondere in den Jahren 2012 und 2013 – und wohin die Reise in Zukunft geht, ist derzeit noch ungewiss.

Mit einer Reihe von Massnahmen versuchen die Einwohnergemeinden, der Kanton und die Sozialregionen, diesen verhängnisvollen Kostenanstieg in den Griff zu bekommen. Um den Ursachen auf die Spur zu kommen, lohnt sich ein Blick auf die aktuelle Sozialhilfestatistik, welche die Situation im Jahr 2013 wiedergibt.

Solothurn überflügelt Neuenburg

Anders als in so manchem politischen Vorstoss vermutet, erklärt sich der Kostenanstieg weniger mit einem zu geringen Kostenbewusstsein der sozialen Dienste als vielmehr mit der Zunahme von Personen, die auf Unterstützung angewiesen sind. 2013 wurden kantonsweit 3,5 Prozent der Bevölkerung mit Sozialhilfe unterstützt (2012: 3,3 Prozent). Nur fünf Kantone haben mit einer höheren Sozialhilfequote zu kämpfen – Neuenburg (7,3 Prozent), Basel-Stadt (6,1 Prozent), Genf (5,4 Prozent), Waadt (5,0 Prozent) und Bern (4,2 Prozent).

Eine härtere Gangart eingelegt

Per 1. Januar 2015 tritt die Teilrevision der Sozialverordnung in Kraft, mit welcher der Kanton im interkantonalen Vergleich über etwas strengere Bestimmungen in der Sozialhilfe verfügt. Trotz vieler günstiger Wohnungen im Kanton sinke damit womöglich die Attraktivität für Sozialhilfeempfänger aus anderen Kantonen, meint Kurt Boner, Präsident der Konferenz der Sozialregionen im Kanton. Explizit auf Zustimmung stosse bei den Leitern der sozialen Dienste dabei die Möglichkeit, strengere Sanktionen auszusprechen. Sozialhilfebezügern, die sich Auflagen der Behörden verweigern, kann der Grundbedarf für den Lebensunterhalt künftig um bis zu 30 Prozent gekürzt werden. Hinzu kommen verschiedene Beschränkungen bei «situationsbedingten Leistungen», die alle Sozialhilfeempfänger treffen. Für zielführender als solche Restriktionen erachtet Boner aber eine auf die individuellen Lebenssituationen ausgerichtete Beratung der Sozialhilfebezüger. Gerade bei jungen Leuten lohne sich eine enge Begleitung verbunden mit den entsprechenden Investitionen, um diese schnell wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine vom Kanton eingesetzte Arbeitsgruppe hat eine Reihe von Massnahmen erarbeitet, mit welchen die Strukturen der Sozialhilfe in allen 14 Sozialregionen optimiert und vereinheitlicht werden sollen. Mittels Regierungsratsbeschluss wird demnächst der Startschuss für deren Umsetzung fallen. Nötig sei zudem, so Kurt Boner, dass Solothurn seine Attraktivität für gute Steuerzahler und Investitionen in Liegenschaften fördert, womit der Bestand an günstigen Leerwohnungen sinken wird. (esf)

Von den genannten sechs Kantonen weist Solothurn im Vergleich zum Vorjahr den grössten Anstieg an Sozialhilfeempfängern auf. Während 2012 8505 Personen Sozialhilfegelder bezogen haben, hat sich deren Zahl im Jahr 2013 auf 8983 Personen erhöht. Dies entspricht einer Zunahme um 5,6 Prozent. Schweizweit ist die Zahl der unterstützten Personen um lediglich 2,7 Prozent gestiegen. Im Kanton Neuenburg mit der absolut höchsten Sozialhilfequote liegt der Anstieg bei 4,3 Prozent, im Nachbarkanton Bern bei gerade mal 1,3 Prozent.

Die überdurchschnittliche Zunahme an Sozialhilfeempfängern beschränkt sich dabei nicht auf ein einziges Jahr. Bereits im Jahr zuvor ist die Zahl der Personen in der Sozialhilfe um 4,9 Prozent gewachsen. Wie aber lässt sich ein solcher Anstieg erklären?

Für Kurt Boner liegt ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung im Zuzug von Sozialhilfeempfängern aus anderen Kantonen. «Der Kanton Solothurn muss aufpassen, dass er im Wettbewerb der Kantone nicht noch attraktiver für Sozialhilfeempfänger wird», warnt der Präsident der Konferenz der Solothurner Sozialregionen.

Sicher: Solothurn weise aufgrund seiner Geschichte als Industriekanton generell eine etwas höhere Sozialhilfequote auf. Unter anderem aufgrund der damit einhergehenden Zahl von Ausländerinnen und Ausländern sowie einem tendenziell eher tieferen Bildungsstand. Die relativ starke Zunahme an unterstützungsbedürftigen Personen in den letzten Jahren lasse sich aber nicht damit erklären. Auch deshalb nicht, weil die Arbeitslosenquote im schweizweiten Vergleich im Durchschnitt oder sogar eher tiefer liegt.

Für den Zuzug von Sozialhilfeempfängern verantwortlich sei, so Boner, insbesondere der hohe Leerwohnungsbestand, sprich: die Verfügbarkeit von günstigem Wohnraum. «Hinzu kommt, dass der Kanton Solothurn sehr zentral gelegen ist.» Kurt Boner, der die Sozialen Dienste des Oberen Leberbergs leitet, weiss aus eigener Erfahrung, dass vermehrt Einzelpersonen und Familien aus anderen Kantonen unter anderem gerade auch nach Grenchen ziehen, wo besonders viele günstige Wohnungen zu haben sind. «Aufgrund der günstigen Wohnsituation werden auch relativ viele Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene, die Sozialhilfe beziehen, hier sesshaft.»

Spitzenreiter: Trimbach

Lag die Sozialhilfequote der Stadt Grenchen 2011 noch bei 5,6 Prozent, kletterte sie bis 2013 kontinuierlich auf 6,7 Prozent. Überblickt man die Entwicklung der zehn Bezirke, dann fällt auf, dass die Sozialhilfequote seit 2011 überall – mit Ausnahme des Wasseramts – angestiegen ist. Mit 3,4 Prozent weist der einst stark industrialisierte Bezirk Wasseramt zwar immer noch eine relativ hohe Quote auf (2011: 3,5 Prozent).

In Gemeinden wie Derendingen, Gerlafingen oder Zuchwil, in denen eine stattliche Anzahl Personen mit Sozialhilfe unterstützt werden, sind die Quoten aber sogar rückläufig. Kurt Boner erklärt sich dies mit einem tieferen Bestand an günstigen leeren Wohnungen. Die einzige Gemeinde mit einem starken Anstieg im Bezirk Wasseramt ist Biberist, wo die Quote von 3,8 Prozent (2011) auf 4,9 Prozent (2013) gestiegen ist.

Die höchsten Sozialhilfequoten im Kanton Solothurn weisen mit Gösgen (4,5 Prozent) und Olten (4,4 Prozent) die beiden östlichsten Bezirke im Kanton auf. Gösgen erlebte seit 2011 auch die grösste Zunahme – nämlich von 3,7 auf eben 4,5 Prozent. Im Bezirk Olten legte die Quote im gleichen Zeitraum um 0,4 Prozent zu.

Kantonsweit der absolute Spitzenreiter ist die Gösger Gemeinde Trimbach, die bereits 2011 auf eine Sozialhilfequote von 7,5 Prozent gekommen ist. In den letzten beiden Jahren ist diese nochmals um gut 2 Prozent auf stolze 9,6 Prozent angewachsen. In der Stadt Olten liegt die Quote mit aktuell 6,9 Prozent im Vergleich zu 2011 «nur» um 0,3 Prozent höher. Die Gemeinden rund um den Verkehrsknotenpunkt Olten scheinen bei Sozialhilfeempfängern besonders beliebt – und der Wohnraum erschwinglich – zu sein.

Neben Trimbach sind die Quoten von 2011 bis 2013 etwa auch in Dulliken (von 2,9 auf 4,5 Prozent), Obergösgen (von 3,4 auf 5 Prozent) und Winznau (von 3,5 auf 4,6 Prozent) verhältnismässig stark gestiegen. Bemerkenswert sind die erstaunlich hohen Quoten in den beiden kleinen Gemeinden Eppenberg-Wöschnau (2013: 8,5 Prozent) und Rohr (2013: 6,1 Prozent), die sich gemäss Kurt Boner nur mit einzelnen günstigen Liegenschaften oder speziellen Familienkonstellationen erklären lassen. In sehr kleinen Gemeinden sind die Ausschläge nach unten und oben gross.