40-Jahr-Jubiläum
«Solothurn übernahm in der Logopädie eine Pionierrolle»

1976 schlossen sich die Logopädinnen im Kanton zu einem Verband zusammen. Co-Präsidentin Susan Allemann erläutert, wie sich das Berufsbild verändert hat.

Noëlle Karpf
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Susan Allemann setzt sich für genügend Logopädie-Lektionen ein.

Susan Allemann setzt sich für genügend Logopädie-Lektionen ein.

Hansjoerg Sahli

Wie kam es zur Gründung des Verbands?

Susan Allemann-Jenkins: Der Kanton Solothurn leistete eigentliche Pionierarbeit im Sprachheilwesen. Dank dem Engagement von Armin Gugelmann als kantonaler Inspektor der Kleinklassen und Sonderschulen konnte im Kanton Solothurn 1971 eine Logopädieverordnung regierungsrätlich verabschiedet werden.

Als erster Kanton der Schweiz schloss Solothurn 1973 mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen einen Tarifvertrag für alle im Kanton tätigen Logopäden ab. Die logische Folge dieser Entwicklung war, dass sich die Logopädinnen und Logopäden 1976 zu einem Fachverband zusammenschlossen. Durch die Gründung des Vereins konnten einheitliche Arbeitsbedingungen festgelegt werden. Die Entstehung half ein Stück weit auch den Beruf zu professionalisieren und im Kanton zu etablieren.

Wie sehen die heutigen Aufgaben einer Logopädin im Vergleich zu früher aus?

Zwei Co-Präsidentinnen

Susan Allemann-Jenkins und Ursula Calarco teilen sich das Präsidium des Logopädinnenverbands Kanton Solothurn (VSL). Susan Allemann arbeitet als Logopädin im ZKSK Therapiezentrum für sinnes- und körperbehinderte Kinder in Solothurn. Zu ihrem Auftrag gehört die Koordination der Regionalgruppen des Verbandes. Ursula Calarco arbeitet als Logopädin in Schönenwerd und ist für den Kontakt zum Kanton zuständig. (nka)

Woraus bestehen diese?

In den Schulen ist der Leistungsdruck angestiegen. In unserer Gesellschaft leben zudem viele Kinder, die mehrsprachig aufwachsen. In diesen Fällen ist die logopädische Diagnostik schwierig, denn es gilt herauszufinden, ob das Kind primär eine Sprachentwicklungsstörung oder Schwierigkeiten im Erwerb der verschiedenen Sprachen hat.

In diesen Fällen sollte die Diagnostik eigentlich in der Muttersprache erfolgen, welche eine Logopädin unter Umständen gar nicht beherrscht. Die Zusammenarbeit mit Dolmetschern ist dann wichtig, und ein Wissen über die kulturellen Hintergründe.

Inwiefern beeinflusst die Einführung der Speziellen Förderung die Arbeit der Logopädinnen?

Eine Logopädin gehört nach diesem integrativen System dem speziellen Förderteam der Schule an. Es gibt durch die Gemeinde festgelegte Pensen, die Logopädinnen ausfüllen. Einer Logopädin stehen pro 100 Kinder höchstens sechs Lektionen in der Woche zur Verfügung. So wird die Absprache mit dem Schulleiter und den anderen Förderlehrkräften wichtig.

Denn aus einer komplexen Sprachentwicklungsstörung, die von einer Logopädin behandelt wird, kann sich eine Lese-Rechtschreibstörung entwickeln, welche im Kanton Solothurn zum Aufgabengebiet einer Heilpädagogin gehört. Eine Logopädin muss deshalb gut im Schulbetrieb verankert sein. Und sie kann auch für die Sprachförderung in den Klassen angefragt werden.

Worum handelt es sich dabei?

Aufgaben einer Logopädin: Diagnostik und Therapie

Zum Berufsbild der Logopädinnen und Logopäden gehören die folgenden Aspekte: Diagnostik, Förderung, Therapie, Beratung, Präventions- und Rehabilitationsarbeit in den Bereichen Sprache, Sprechen, Stimme und Schlucken. Eine Logopädin ist tätig in pädagogisch-therapeutischen oder medizinisch-therapeutischen Diensten, in Schulen, Ambulatorien, Heimen, Kliniken und privaten Praxen. (nka)

Wie gut sind die Logopädinnen in den Schulbetrieben verankert?

Das hängt davon ab, inwiefern die Schulleitung die Bedeutung der Logopädie anerkennt und wie viel Gewicht sie der Logopädie gibt. Und es kommt darauf an, wie sich die Logopädin selber im Schulbereich positionieren kann. Es dauert wohl noch eine Weile, bis die Logopädin über alle Schulkreise hinweg einen gewissen Stellenwert erreicht hat. Die meisten Lehrpersonen arbeiten gut mit den Logopädinnen zusammen und melden, wenn sie in ihrer Klasse Auffälligkeiten feststellen.

Übernehmen dies nicht die Förderlehrpersonen?

Die Logopädinnen stellen in jedem Fall die Diagnose. In vielen Schulgemeinden besuchen die Logopädinnen die Kindergärten und erfassen zusammen mit der Lehrperson in einem Screening die sprachauffälligen Kinder. Dies ist aber extrem zeitaufwendig und wird zur Ressourcenfrage.

Es hat sich bisher aber stets bewährt, frühzeitig Schwierigkeiten abzuklären und zu behandeln. Es ist notwendig, dass frühzeitig interveniert wird, damit es später nicht zu sekundären Störungen kommt. Schwere Sprachstörungen müssen bis zur zweiten Klasse behoben sein, dann nämlich sollten die Kinder die Schriftsprache beherrschen. Das kann allerdings knapp werden, weil den Logopädinnen nicht so viele Lektionen zur Verfügung stehen.

Was sind momentan die grössten Probleme für die Logopädinnen?

Die grösste Herausforderung heute liegt in der Verwendung der Ressourcen. Die Stunden, die zur Verfügung stehen, sind relativ knapp bemessen. Wenn die Pensen für Kinder mit schwerwiegenderen Störungen nicht ausreichen, so braucht es vom Kanton eine Bewilligung für weitere Massnahmen. Liegt zusätzlich ein medizinischer Befund oder eine weitere Diagnose vor, wird der Antrag auf Sonderschulung genehmigt. Aber ein Kind, das «nur» eine Sprachentwicklungsstörung hat, erhält meist leider keine zusätzliche Förderung.

Was geschieht in diesem Fall?

Das Kind hat weiterhin nur Anrecht auf die Lektionen in der Regelschule. So müssen wir für die zusätzliche Unterstützung von Kindern mit einer Sprachentwicklungsstörung kämpfen. Ansonsten können sie später nicht aufholen.

Früher zahlte der Kanton die Logopädinnen, heute die Gemeinden. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Weder noch, würde ich sagen. Theoretisch ist dies sinnvoll, weil ein direkter Kontakt zwischen Schule und Logopädin besteht. So arbeiten sie für eine Gemeinde, die sie wiederum bezahlt. Die Verwaltung entscheidet aber alleine darüber, wie viele Lektionen sie überhaupt finanzieren kann und will. Das kann problematisch werden. Der Kanton ist nach wie vor zuständig für die logopädischen Massnahmen, wenn es um den Sonderschulbereich geht.

Der Verband hat moniert, dass wichtige Fragen zur Speziellen Förderung noch nicht geklärt sind ...

Die Situation hat sich weitgehend verbessert – aber noch nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Eine Mindestanzahl an Förderlektionen, die an einer Schule angeboten werden müssen, wurde zum Beispiel noch nicht definiert. Wir wollen ein Minimum von vier Stunden durchsetzen.

Derzeit fehlt zudem ein Konzept zur Unterstützung von älteren Schülern. Ausserdem ist es aus unserer Sicht frustrierend, wenn ein Kind keine Unterstützung erhält, weil kein medizinischer Befund, sondern «nur» eine Sprachentwicklungsstörung vorliegt. Die integrative Schule ist grundsätzlich zu befürworten, aber es müssen genug Ressourcen zur Verfügung stehen, die gut verteilt werden.

Was erwartet den Verband in Zukunft?

Logopädinnen sind heute zwar keine Einzelkämpferinnen mehr, aber sie arbeiten oft alleine im Team der speziellen Förderlehrkräfte. Deshalb ist es wichtig, dass der Verein Anlaufstelle für die Mitglieder bleibt, und die breite Vernetzung im ganzen Kanton aufrechterhalten wird.

Der Logopädinnenverband Kanton Solothurn (VSL) führt am Mittwoch, 9. März, im Restaurant Kreuz in Solothurn ab 15 Uhr einen Jubiläumsanlass für
Vereinsmitglieder und Interessierte durch.