Solothurn
Stadtführung der besonderen Art macht Werbung für die Pflegeinitiative

Pflegen heisst heute nicht mehr nur Nächstenliebe, sondern ist ein Beruf, für den eine gerechte Bezahlung gefordert wird. Auf einer Stadtführung durch Solothurn erklärt Pflegefachfrau Cornelia Lindner den geschichtlichen Wandel und wirbt für die Pflegeinitiative.

Christina Varveris
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Einiges ist immer noch wie vor 2000 Jahren. Zum Beispiel der hippokratische Eid – die Ethik der Ärzte – er hat bis heute Gültigkeit. Oder die Wichtigkeit der Hygiene, um die bereits die alten Griechen und auch die Römer wussten.

Verändert hat sich aber der Beruf der Pflegefachfrauen. «Bis ins 19. Jahrhundert wurden Kranke und Verletzte meistens von ihren Angehörigen gepflegt», sagt Cornelia Lindner auf ihrer Stadtführung zum Thema «Geschichte der Krankenpflege». Später übernahmen Ordensschwestern die Pflege in den Spitälern, sie erhielten ausser Kost und Logis aber keinen Lohn. Aus Nächstenliebe machten die Schwestern das, oder auch einfach, weil sie sich kein Leben am Herd vorstellen konnten und lieber Lesen und Schreiben lernen wollten.

Erst ab den 1850er-Jahren entwickelte die Engländerin Florence Nightingale den Pflegeberuf. Natürlich hatten die Krankenschwestern es bei den Lohnverhandlungen schwer. Was vorher gratis war, sollte jetzt bezahlt werden? «Diese altruistische Haltung von damals, schwingt wohl immer noch mit», sagt Cornelia Lindner.

Ein Beruf, für den ein gerechter Lohn verlangt wird

Zügig schreitet die diplomierte Pflegefachfrau durch die Altstadt von Solothurn. Ihre Kleidung erinnert an jene der Ordensschwestern. Die Pflege-Initiative ist ihr so wichtig, dass sie sich entschloss, mittels Stadtführungen auf das Thema Krankenpflege aufmerksam zu machen. Sie pocht auf ein Ja am 28. November, weil die Löhne steigen und die Arbeitsbedingungen besser werden müssten. Nur so könnten sie den Beruf über einen längeren Zeitraum ausüben, sagt Lindner.

«Die Pflegenden verstehen ihre Tätigkeit heute als Beruf, für dessen Ausübung sie einen gerechten Lohn und eine passende Infrastruktur brauchen.»

Auf ihrer Stadtführung, die am Hauptbahnhof Solothurn beginnt, zeigt sie das Cover des Bilderbuchs «Elisabeth wird gesund». Ein Buch, das 1969 auf den Markt kam und von einem Mädchen erzählt, dem der Blinddarm entfernt werden muss. Beim Erscheinen des Buches ist die Krankenschwester noch mit Haube und Schärpe gezeichnet, bei einer späteren Überarbeitung in bequemer Kleidung und mit «Bürzi».

Aber nicht nur das Outfit und die Bezeichnung der Pflegefachfrauen haben sich verändert, auch die Spitäler. Deshalb ist die erste Station auf der Stadtführung das Alte Spital. Zirka 1350 gegründet, war es lange Zeit vorübergehendes Heim für Pilger, Handwerker, Zigeuner, Heimatlose, Kranke, Waisen und Bettler. Ordensschwestern übernahmen die Pflege. «Spitäler wurden von Kirchen wie auch von Bürgergemeinden geführt», erfährt die Handvoll Frauen, die sich Cornelia Lindner angeschlossen hat.

Bei der Wengibrücke erzählt die Pflegefachfrau von den Römern und ihren Latrinen (Gemeinschaftstoiletten), wo man zusammen den verschiedenen Geschäften nachging. Latrinen waren hygienisch, da die Fäkalien einen Stock tiefer fielen und mit Wasser nach draussen transportiert wurden. Eine erste Art Kanalisation.

Dank Corona werden Pflegende gehört

Beim Gerechtigkeitsbrunnen betont Lindner nochmals die Wichtigkeit von sauberem Trinkwasser, um Seuchen zu verhindern. «Wer Wasser besudelte, wurde hart bestraft.» Und Aussätzige, also Lepra-Kranke, durften nicht an den Brunnen.

So wie Ungeimpfte oder Ungetestete momentan nicht in Restaurants dürfen. «Corona hat der Pflegeinitiative sicher zusätzlichen Schwung verliehen», sagt Lindner, sie sei aber nicht wegen Corona ins Leben gerufen worden. Die Arbeitsbedingungen für Pflegende seien schon vor der Pandemie unhaltbar gewesen.

Beim Von-Roll-Haus wird Barbara von Roll zum Thema. Sie, die keine Krankenschwester war, lebte im 16. Jahrhundert und beschäftigte sich nach dem Tod ihres Mannes mit der unentgeltlichen Pflege von Kranken. Sie stammte aus einer angesehenen Familie und nahm Kranke manchmal auch in ihrem Haus auf.

Diese selbstlose Aufopferung kann man heute von Pflegenden nicht mehr erwarten, sagt Cornelia Lindner. Sie zeigt sich zuversichtlich für den 28. November: «Die Gesundheit war der Schweiz immer sehr wichtig.»

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