Kanton Solothurn
Solothurn ist schweizweiter Pionier mit dem Angebot der Nachholbildung

Der Kanton Solothurn übernimmt in der Nachholbildung eine schweizweite Pionierrolle. Schichtarbeitende können sich in einem speziellen Berufslehrgang zum Produktionsmechaniker mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis ausbilden lassen.

Franz Schaible
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Martin Wyder absolviert im Rahmen der Nachholbildung eine Berufslehre als Produktionsmechaniker.

Martin Wyder absolviert im Rahmen der Nachholbildung eine Berufslehre als Produktionsmechaniker.

Hanspeter Bärtschi

Zurzeit absolvieren 28 Berufsleute an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Solothurn (Gibs) eine Nachholbildung zum Produktionsmechaniker. Die Berufsschule bietet entsprechende Ausbildungsgänge an; der Start für das Pilotprojekt erfolgte im vergangenen August. Berufsbegleitend können bestandene Arbeitskräfte innerhalb von zwei statt drei Jahren die Lehre abschliessen.

Nur positive Erfahrungen

Einer von ihnen ist Martin Wyder. «Mit dem neuen Angebot hat sich für mich eine Türe geöffnet», erklärt der 27-Jährige. Er bezeichnet sich als Quereinsteiger in die Arbeit rund um die Metallbearbeitung. Denn ursprünglich erlernte Wyder den Beruf als Maurer. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er aber nicht lange auf dem Beruf arbeiten und wechselte vor sechs Jahren zur Andres AG in Lohn, die auf die Herstellung hochpräziser Drehteile spezialisiert ist.

Sein Arbeitgeber habe ihn dann vor einem Jahr auf das neue Angebot im Bereich Nachholbildung aufmerksam gemacht. «Ich habe sofort zugesagt.» Seit August besucht er nun an einem halben Tag pro Woche die Berufsschule in Solothurn. «Meine bisherigen Erfahrungen sind nur positiv. Das in der Schule gelernte theoretische Wissen für den Beruf als Produktionsmechaniker kann ich in meiner täglichen Arbeit an den Drehautomaten anwenden.» Er ist im Team tätig, welches hochpräzise Teile für die Medizinaltechnik fertigt.

Theoretischer Rucksack

Auch Dominic Andres, der den Familienbetrieb mit 20 Angestellten seit 2002 in dritter Generation führt, lobt die Nachholbildung. Generell gebe es in manchen Betrieben viele Ungelernte, die dank ihrer beruflichen Erfahrung über viel fachliches Wissen verfügten. «Aber ohne zertifizierten Berufsabschluss sind sie bei einem Stellenwechsel benachteiligt.» Die auf diesem Weg nachgeholte Ausbildung erhöhe deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die «on the job» gelernte Praxis werde mit dem theoretischen Rucksack ergänzt.

Als «äusserst positiv» umschreibt Thomas Richartz seine bisherigen Erfahrungen. Er ist Bereichsleiter Maschinentechnik, Berufsschullehrer und zuständig für das Projekt Nachholbildung an der Gibs. Die Absolventen seien «ehrgeizig, neugierig, motiviert und letztlich auch erfolgreich, wie die in der Regel guten Zwischennoten zeigen».

Unterschiedliches Lerntempo

Von den ursprünglich 30 Absolventen seien immer noch deren 28 mit dabei. Allerdings mache sich die Mehrfachbelastung bemerkbar, die Lernenden wirkten oft gestresst. Richartz schlägt deshalb vor, dass die Teilnehmenden während der Ausbildungszeit Teilzeit arbeiten könnten, um den Druck zu mindern. Schwierig sei zudem das unterschiedliche Lerntempo. «Gegenüber Regelklassen gibt es einen markanten Unterschied. Die Heterogenität in der Nachholbildung ist viel grösser.»

«Eintrittsticket»

Von einem «Eintrittsticket» spricht Renato Delfini, Leiter der kantonalen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Dank einem zertifizierten Lehrabschluss werde «die Arbeitsmarktfähigkeit eindeutig erhöht». Zudem verbesserten sich die beruflichen Karrieremöglichkeiten. Die spezielle Ausgestaltung der Nachholbildung für Schichtarbeitende sei in der Schweiz einmalig, meint er stolz. «Das Projekt ist ein gutes Beispiel für eine funktionierende Verbundpartnerschaft zwischen der Industrie und der Berufsfachschule.» Die Kosten für den Schulunterricht übernehme der Kanton; einzig eine Einschreibegebühr von 300 Franken müsse vom Lernenden bezahlt werden.

Ausrichtung auf Sichtarbeitende

Während es die Nachholbildung mit Berufsschulunterricht in einer Regelklasse schon länger gibt, ist die Ausrichtung auf Schichtarbeitende eben neu. Die Ausbildungsgänge werden in parallelen Vormittags- und Nachmittagskursen angeboten, sodass der Unterricht auch von Personen im Schichtbetrieb problemlos besucht werden kann. So leisten mit zwei Ausnahmen alle Teilnehmenden Schichtarbeit. Im August wird ein zweiter Lehrgang gestartet, wie Delfini sagt. Bislang haben sich zwölf angehende Produktionsmechaniker angemeldet, weitere werden folgen.

Martin Wyder kann die Ausbildung nur empfehlen. «Für meine berufliche Zukunft ist es wichtig, dass ich über einen Lehrabschluss als Produktionsmechaniker EFZ verfügen werde.»