Was tun, wenn man am Arbeitsplatz Korruption, Veruntreuung oder andere Missstände beobachtet? In Bern können sich Mitarbeitende der Kantonsverwaltung seit gut 100 Tagen an die Meldestelle Whistleblowing wenden. Organisatorisch ist diese neue, unabhängige Institution bei der Finanzkontrolle angesiedelt.

«Der grosse Coup ist bislang ausgeblieben», zieht Thomas Remund, Leiter der bernischen Finanzkontrolle, auf Anfrage eine erste Bilanz. Im Detail dürfe er zwar nicht Auskunft geben. Generell könne man jedoch sagen, dass sich die vertraulichen Meldungen von Mitarbeitern des Kantons an die Finanzkontrolle «im Bereich der Vorjahre» bewegten. «Mit dem grossen Unterschied, dass jetzt geschützt ist, wer uns fehlbare Handlungen meldet.»

Keine Meldungen in Solothurn

Anruf beim Kanton Solothurn: «Leider kann ich Ihnen dazu nicht viel sagen», erklärt Gabrielle Rudolf von Rohr, die Leiterin der Finanzkontrolle. Denn Solothurn verfügt bislang über keine Meldestelle für Whistleblowing. Und auf die Nachfrage, ob sie nicht trotzdem ab und zu Hinweise auf möglicherweise fehlbares Verhalten von Mitarbeitern des Kantons erhalte, sagt Gabrielle Rudolf von Rohr: «Wir haben auf jeden Fall in den letzten zwei, drei Jahren keine Whistleblowing-Meldungen erhalten— weder von Kantonsmitarbeitenden noch von extern.» Dass Whistleblowing in Solothurns Verwaltungsalltag bislang wirklich kein Thema ist, bestätigen auch Urs Hammel, Leiter des kantonalen Personalamtes, und Regierungssprecher Dagobert Cahannes. 

Kanton Aargau hält Bund im Auge

Anders der Kanton Aargau: Dort haben Mitarbeitende der Kantonsverwaltung seit über zehn Jahren die Möglichkeit, wenn der Dienstweg nichts bringt, vermutete Missstände der Grossratspräsidentin oder dem Grossratspräsidenten zu melden. Ob diese Möglichkeit bislang jedoch genutzt wurde, kann Regierungssprecher Peter Buri aufgrund des Amtsgeheimnisses der Parlamentarier allerdings nicht sagen. Öffentlich bekannt geworden wäre eine entsprechende Meldung in den letzten Jahren jedoch nicht. Zudem ergänzt Buri: «Die Entwicklungen im Bereich Whistleblowing werden aufgrund der gegenwärtig laufenden Bestrebungen auf Bundesebene auch im Kanton Aargau beobachtet» (siehe dazu auch den Kastentext oben rechts).

Ebenfalls nichts zu berichten von Meldungen über Missstände aus der Kantonsverwaltung weiss Werner Augstburger. Der Leiter der Aargauer Finanzkontrolle würde bei Interesse mit seiner unabhängigen Prüfstelle jedoch Hand bieten zum Aufbau einer unabhängigen Meldestelle, wie er auf Nachfrage erklärt: «Möchte die Politik im Kanton Aargau die Möglichkeiten und Rechte für Whistleblower ausbauen, wäre das Berner Modell sicher eine Lösung, die man näher prüfen müsste.»

Dass die bernische Meldestelle Whistleblowing bei der Finanzkontrolle angesiedelt ist, hat allerdings eine Vorgeschichte. Seit der sogenannten Finanzaffäre Mitte der Achtzigerjahre geniessen Berns kantonsinterne Buchprüfer nämlich eine grosse Unabhängigkeit. Damals machte der Revisor Rudolf Hafner vergeblich zuerst intern auf finanzielle Verfehlungen in der Verwaltung aufmerksam.

Als all seine Versuche um Aufklärung bei den Vorgesetzten nicht fruchteten, gelangte Hafner schliesslich an die Mitglieder des bernischen Grossen Rates sowie an die Öffentlichkeit. Eine Untersuchungskommission gab dem heutigen Solothurner Kantonsrat der Grünliberalen am Ende vollumfänglich Recht.

Wenig Meldungen, gute Nachricht

Trotz neuer Meldestelle gingen in Bern bislang allerdings weniger Whistleblowing-Meldungen ein als im Vorfeld — je nach politischem Standpunkt — befürchtet oder erhofft. Dennoch zieht Thomas Remund, der aktuelle Leiter der bernischen Finanzkontrolle, ein positives erstes Fazit: «Dass wir nicht überrannt werden, heisst doch, dass die Mitarbeiter schon bisher mitteilten, wenn sie etwas erfahren und dass keine grösseren Leichen unbemerkt im Keller liegen.»