Noch 10 Minuten liegen bleiben. Dieser Gedanke geht morgens durch viele Schweizer-Köpfe. Besonders durch die Köpfe junger Leute. Nein, nicht weil sie faul sind oder zu spät ins Bett gehen. Das liegt einfach an ihrem Biorhythmus. «Die Müdigkeit verschiebt sich im Jugendalter nach hinten», sagt der Basler Assistenzprofessor Sakari Lemola in seiner aktuellen Studie zur Verschiebung des Biorhythmus. «Späteres Einschlafen – späteres Aufstehen ist die einzig mögliche Lösung des Problems. Aufstehen bevor es die innere Uhr will, führt zu chronischem Schlafdefizit. Das Wohlbefinden, die Motivation und die Konzentration sowie die Leistungen verschlechtern sich», sagt er. Die meisten Jugendlichen brauchen ebenso wie kleine Kinder acht bis neun Stunden Schlaf. Nur so könnten sie ausgeruht und aufnahmefähig in die erste Schulstunde sitzen.

Eulen und Lerchen

Für die Mehrheit der Menschen beginnt der Tag zu früh: Dies bestätigt auch der Schlafexperte Peter Spork, wie er gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» erwähnte. «Es gibt zwei Schlaftypen: die Lerche und die Eule. Sie verkörpern den Frühaufsteher und den Spätaufsteher. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung tendiert Richtung Eule. Spätaufsteher werden abends zu fortgeschrittener Stunde müde. Dies ist biologisch vorgegeben.» Besonders Jugendliche und junge Erwachsene gehörten eher der Eulengruppe an. Daher sollte die nächste Reformierung des Schulsystems einen späteren Unterrichtsbeginn beinhalten.

Basel-Stadt folgte diesem Appell. Jedoch hauptsächlich aufgrund der lokalen Studie von Sakari Lemola. An sechs Weiterbildungsschulen wurde ein Pilotprojekt durchgeführt. Das Ziel des Versuches war es, dass Jugendliche während des Schulunterrichts ausgeruhter und somit aufnahmefähiger sind. Der Unterricht begann während der Testphase statt um 7.40 Uhr erst um 8.00 Uhr. Da sich diese Umstellung überaus bewährte und überraschend positive Resultate mit sich brachte, wird sie an den Test-Schulen, aber auch an anderen weiterführenden Schulen offiziell eingeführt.

Skeptisches Solothurn

Derzeit keine Chancen hat ein späterer Schulbeginn in Solothurn. Abteilungsleiterin Liliane Buchmeier vom Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen sagt, warum späteres Aufstehen in Solothurn nicht vorteilhaft sei: «Der spätere Unterrichtsbeginn hätte unter anderem zur Folge, dass der Unterricht in den späten Nachmittag verlagert würde.» Und ob darüber die Schüler jubeln würden, sei die andere Frage. Schliesslich hiesse das eine Einbusse an ausserschulischen Aktivitäten wie Sporttraining oder Instrumentalunterricht. Kürzere Mittagspausen? «Solche sind an unserer Schule aufgrund der Stundenplankoordination für mehrere hundert Schüler nicht möglich», erklärt die Sekretariatsleiterin der Kaufmännischen Berufsschule Solothurn, Diana Gugelmann. Zudem bezweifelt die Bildungsverantwortliche Liliane Buchmeier, ob das späte Einschlummern tatsächlich nur auf die innere Uhr zuzuschreiben ist. «Da spielen bestimmt noch andere Faktoren mit, wie ein spätes Abendprogramm.»

«Nur eine Ausrede?»

«Die Begründung von Bildungsverantwortlichen, dass frühe Startzeiten an den infrastrukturellen Engpässen und reich befrachteten Stundentafeln liege, ist für mich grundsätzlich eine Ausrede», sagte dagegen Christian Cajochen, Schlafexperte aus Basel, gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung. «Offensichtlich ist es für sie zu kompliziert oder zu mühsam, etwas zu verändern.» Dass pubertierende Schweizer Schüler oft früher aus dem Haus müssen als ihre berufstätigen Eltern, müsste doch den Bildungsverantwortlichen zu denken geben.

Kanti nicht prinzipiell dagegen

Falls ein späterer Unterrichtsbeginn vorwiegend Verbesserungen mit sich bringen würde, könnte hingegen die Kantonsschule von einem späteren Unterrichtsbeginn überzeugt werden, so die Meinung des Rektors der Kantonsschule in Solothurn, Stefan Zumbrunn-Würsch. Ein späterer Unterrichtsbeginn dürfe allerdings nicht zu markante Verschlechterungen führen. «Ein Minuspunkt des späteren Unterrichtsbeginns wäre die erschwerte Koordination der Turnhallenbenützung. Die extreme Auslastung dieser ist insbesondere der Grund dafür, dass noch nichts Definitives in Aussicht ist», so der Rektor. «Es besteht noch Unklarheit, ob ein verschobener Unterrichtsbeginn allen Schülern ein späteres Aufstehen ermöglichen würde. Da unsere Schule ein grosses Einzugsgebiet abdeckt, müsste dies nicht zwingend der Fall sein.» Diese Punkte seien noch abzuklären.

Auf der Sekundarstufe II, im Wirtschaftsgymnasium in Basel, wurde bereits vor drei Jahren aufgrund biorhythmischen Studien der Unterrichtsbeginn auf 8:00 Uhr gesetzt. «Für einige ist dies die optimale Verbesserung, für andere könnte die Schule noch später anfangen» sagt Rektor Patrick Langloh. Den Studien zufolge, wäre ein idealer Schulstart um 8.30 Uhr oder sogar erst um 9 Uhr. «Die Schule um 8 Uhr einzuläuten, ist ein guter Schweizer Kompromiss», meint Langloh. «Ausserdem hat diese Verschiebung den Vorteil, dass durch diese Einführung gestaffelte Schulzeiten zwischen den verschiedenen Schulen entstehen. Somit ist der öffentliche Verkehr zur Rushhour entlastet, die Passagierzahl besser verteilt.»

Für die Solothurner Jugend wird in den momentanen, grauen Tagen nichts aus einem längeren Liegenbleiben im kuschlig warmen Bett. In der heutigen Zeit, da alles schnell gehen muss, können übermüdeten Gemütern Energie nur im Blitztempo tanken und in den Pausen schnell einen Power-Nap nehmen.