Es heisst immer, kleinere Läden seien die Verlierer längerer Öffnungszeiten. Sie sind Inhaberin eines ländlichen Betriebs im Detailhandel – und sind für eine Liberalisierung. Weshalb?

Marianne Meister: Kleinere Läden sind Opfer des Strukturwandels. Das hat aber nichts mit einer Verlängerung der Ladenöffnungszeiten zu tun. Diese gibt den kleineren Läden vielmehr eine Chance. Es geht ja nicht um eine Verlängerung der Arbeitszeit, sondern um flexiblere Öffnungszeiten. Damit können gerade auch die kleineren Geschäfte dann öffnen, wenn das Bedürfnis danach besteht. Das stärkt sie im Kampf um ihr Überleben.
Markus Baumann: Ich sehe das komplett anders. Mit einer Verlängerung der Ladenöffnungszeiten erweist man allenfalls den grossen Geschäften einen Dienst, nicht aber den kleinen Läden. Das bestätigen mir Unternehmerinnen und Unternehmer. Die Kleineren können es sich oft eben gar nicht leisten, mitzuhalten. Die Läden machen nämlich nicht mehr Umsatz. Längere Öffnungszeiten führen aber zu höheren Kosten. Man wird versuchen, diese mit Teilzeitarbeit möglichst gering zu halten. Das aber hat schlechtere Arbeitsbedingungen zur Folge.

Markus Baumann und Marianne Meister beim Argumentieren.

Markus Baumann und Marianne Meister beim Argumentieren.

Marianne Meister: Werden Sie Ihren Laden in Messen länger öffnen?

Meister: Das kann ich heute noch nicht sagen. Im Sommer aber könnte ich es mir durchaus vorstellen, dass wir bis 19 Uhr oder 19.30 Uhr offen haben werden. Unser Schwimmbad in Messen zieht bis in die Abendstunden hinein immer wieder viele Leute an. Wir werden den Laden dann öffnen, wenn wir Umsatz machen können und es tatsächlich rentiert. So werden wir auch trotz eines schwierigen Umfelds die Arbeitsplätze erhalten. In Messen oder im Schwarzbubenland und anderen Solothurner Regionen stehen wir in Konkurrenz zu Geschäften in anderen Kantonen, die oft viel flexiblere Öffnungszeiten haben. Wenn wir nicht offen haben, weichen die Kunden dorthin aus.

Die Solothurner Drogisten zum Beispiel sagen aber, dass sie nicht profitieren werden. Sie würden nicht mehr Umsatz machen, aber hätten höhere Ausgaben fürs Personal ...

Meister: Mit dem neuen Gesetz wird ja niemand gezwungen, seinen Laden länger zu öffnen. Es geht einfach nur darum, den Rahmen flexibler zu gestalten, für all jene, die sich davon einen Nutzen erhoffen. Wie ich bereits gesagt habe, kommt es ganz auf den Standort eines Geschäfts an, ob längere Öffnungszeiten wirklich rentieren. Neben den Geschäften an den Grenzen zu anderen Kantonen profitieren zum Beispiel auch Läden in der Nähe von Bahnhöfen.
Baumann: Für die Inhaber vieler kleinerer Läden werden sich die längeren Öffnungszeiten nicht lohnen, das ist eine Tatsache. Die grossen Geschäfte locken zwar Kunden in die Stadt. Wenn diese dann aber noch zusätzlich in einem Spezialgeschäft einkaufen wollen, stehen sie vor verschlossenen Türen. Die Verlierer längerer Öffnungszeiten sind damit auch die Kunden.
Meister: Wenn die grossen Läden die Konsumenten in die Stadt locken, dann wird es doch auch für kleinere Läden attraktiv, ihre Geschäfte zu öffnen. Und wenn ein Kleiner sagt, es rentiert für mich nicht, dann ist das seine Entscheidung.
Baumann: Wer macht den Umsatz? Es geht bei einer Verlängerung der Ladenöffnungszeiten doch um eine Verlagerung von den kleineren Läden hin zu den Grossverteilern. Ich kann nicht verstehen, dass Sie als Gewerbeverbandspräsidentin das unterstützen. Im «Gäupark» zum Beispiel bestimmen die Grossen, wie es läuft. Sie werden sicher bis 20 Uhr öffnen und alle kleineren Läden müssen nachziehen, egal, ob sich das für sie lohnt oder nicht.

Markus Baumann: In vielen Kantonen sind die Ladenöffnungszeiten bereits liberalisiert, offenbar besteht ein Bedürfnis. Wollen Sie diesen Trend einfach nicht wahrhaben?

Baumann: Ich glaube nicht, dass das Bedürfnis wirklich besteht, es wird vielmehr herbeigeredet. Im Kanton Baselland zum Beispiel könnten die Läden sogar 24 Stunden offen haben, machen es aber nicht. Auch wenn in einem Haushalt beide Partner einer Erwerbstätigkeit nachgehen, haben sie immer noch die Möglichkeit, über Mittag einzukaufen. Man kann das Einkaufsverhalten auch etwas steuern. Wenn ich Heizöl einkaufen will, weiss ich auch genau, wann ich das machen kann und richte mich entsprechend ein. Das halbe Leben hängt von bestimmten Öffnungszeiten ab.
Meister: Es stehen mir die Haare zu Berge, wenn Sie sagen, wir könnten das Kundenverhalten steuern. Die Konsumentinnen und Konsumenten gehen dann einkaufen, wenn sie dies wollen und nicht dann, wenn es ihnen verordnet wird. Und wenn in anderen Kantonen die Läden länger offen haben, dann geben sie das Geld dort aus und nicht mehr im Kanton Solothurn.
Baumann: Längere Öffnungszeiten gehen zulasten einer Personengruppe, nämlich des Verkaufspersonals, und dagegen wehre ich mich. Das Verkaufspersonal muss einmal mehr noch flexibler werden. Wir bewegen uns hier in einem Tieflohnsegment. Mit längeren Öffnungszeiten werden die Arbeitsbedingungen noch unattraktiver. Damit aber wird es immer schwieriger werden, qualifiziertes Verkaufspersonal zu finden. Wir waren in der Vergangenheit bereit, zu einer gewissen Anpassung Hand zu bieten, aber nur unter der Bedingung, dass klare Regelungen für das Personal bestehen. Leider war der Gewerbeverband nicht in der Lage, die Sozialpartner an einen Tisch zu bringen.

Werden die Arbeitsbedingungen nicht tatsächlich immer unattraktiver?

Meister: Ich kann diese Angst aufseiten der Angestellten nachvollziehen. Die Bedingungen für den Detailhandel werden immer schwieriger und damit steigt auch der Druck. Wir müssen mit sehr tiefen Margen arbeiten, davon müssen wir alle Ausgaben zahlen. Die Personalkosten sind der grösste Posten. Trotzdem haben wir ein grosses Interesse, die Arbeitsplätze wenn immer möglich zu erhalten. Flexiblere Öffnungszeiten helfen uns dabei, den dafür nötigen Umsatz zu generieren.
Baumann: Gerade die kleineren Läden sind angewiesen auf qualifiziertes Verkaufspersonal. Durch immer schlechtere Arbeitsbedingungen wird der Nachwuchs aber zunehmend fehlen. Die gewünschte Flexibilität bei den Ladenöffnungszeiten wird unter anderem zu immer mehr Arbeit auf Abruf führen.
Meister: Arbeit auf Abruf finde ich auch absolut nicht in Ordnung. Ich glaube aber nicht, dass eine Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten darauf einen Einfluss haben wird. Das ist vielmehr eine Sache der Firmenkultur.
Baumann: Sie als Geschäftsfrau wissen doch ganz genau, dass die Margen im Verkauf sehr eng sind. Mit längeren Öffnungszeiten werden die Margen und auch der Umsatz nicht grösser. Die dadurch entstehenden höheren Kosten aber müssen anders verteilt werden.

Andererseits: Bieten flexiblere Öffnungszeiten dem Verkaufspersonal nicht auch gewisse Chancen?

Meister: Natürlich. Für Studierende könnte es interessant sein, in den Abendstunden zu arbeiten. Aber auch für Frauen, deren Männer am frühen Abend auf die Kinder aufpassen können.
Baumann: Längere Öffnungszeiten erschweren das Engagement in Vereinen. Zudem werden auch das soziale Leben und das Familienleben eingeschränkt. Es ist ja nicht gerade sehr attraktiv, in Schicht Kinder zu erziehen.
Meister: Die Kinder geniessen es womöglich, für einmal mit ihrem Papi alleine zu sein. Und ganz wichtig: Die Arbeitszeiten für das Verkaufspersonal müssen eingehalten werden. Aber von wann bis wann dies geschieht, ist doch egal. Wir brauchen diese Flexibilität.

Markus Baumann: Eigentlich müssten Sie das ganze Gesetz ablehnen: Auch die von Ihnen bevorzugte Variante sieht nämlich am Samstag und auch am Sonntag gewisse Liberalisierungen vor ...

Baumann: Wir hatten im Gewerkschaftsbund eine kontroverse Diskussion. Ein Nein zum ganzen Wirtschafts- und Arbeitsgesetz würde uns aber um Jahre zurückwerfen. Ein grosser Vorteil des neuen Gesetzes ist die Regulierung der Sexarbeit. Damit kann der Schutz der Arbeitnehmenden enorm verbessert werden. Dafür sind wir bereit, die Kröte, dass die Läden neu am Samstag bis um 18 Uhr geöffnet haben können, zu schlucken. Damit aber haben wir einen Schritt gemacht. Jetzt wäre es an der Zeit, dass auch das Gewerbe auf uns zukommt…
Meister: Es ist wichtig, mit den Sozialpartnern zusammenzuarbeiten und das machen wir auch. Aber ein Gesamtarbeitsvertrag, wie ihn die Gewerkschaften fordern, hätte zur Folge, dass viele Läden geschlossen werden müssten.
Baumann: Wenn das wirklich stimmen würde, hätte die ganze Industrie, gerade auch die Bauwirtschaft untergehen müssen. So anders sind die Bedingungen im Verkauf dann doch wieder nicht.
Meister: Ich persönlich wäre sogar für eine noch weitergehende Liberalisierung. Mit Regulierung nimmt man dem Gewerbe die Motivation und die Eigenverantwortung. Das ist Gift für die Wirtschaft.
Baumann: Eine komplette Deregulierung schürt sozialen Unfrieden. Das sehen wir im Kanton Zürich. Hier kommt es seit der kompletten Liberalisierung zu mehr Auseinandersetzungen zwischen Ladenbesitzern und Gewerkschaften.