Es ist Sonntag, und das Wetter zeigt all seine Facetten. Mit einer Zürcher Freundin besuche ich eine wunderschöne Kunstausstellung in Niederbipp. Diese dichten Stunden verbinden sich auf eigenartige Weise mit den eindrücklichen Begegnungen nur wenige Tage zuvor:

Mit einem Dutzend anderer Menschen sitze ich an diesem riesigen Tisch. Es ist «Tag der offenen Tür» in der lokalen Stiftung für Menschen mit einem Handicap. Perlen von Menschen. Jede Person ist eine eigene ganze Welt, in die hinein wir Gäste warmherzig und ohne jedes Vorurteil empfangen werden. Sie integrieren mich sofort, bedienen mich mit allerlei Leckereien und zeigen mir fachkundig ihren Alltag. Käthi, Roxanne und Helene Fischer – die mit den Starallüren – gehören zur Tagesstätte und sind die wohl glücklichsten Hühner des Landes. Ihre Eier werden in Cakes verwandelt. Die selbst gemachte Zwetschgenkonfi ist legendär. Erdbeeren, Salate und Kräuter wachsen im eigenen Garten. Hier erlebt man mitten in der Stadt den Kreislauf der Natur, kann sich kreativ ausdrücken und darf auch einfach einmal «sein».

Es ist toll, hier Gast zu sein! Es ist so ganz anders. So wesentlich. So echt. Die beiden Augen meines Gegenübers schauen zwar nicht in dieselbe Richtung; der Rücken ist vielleicht etwas gekrümmt; die Sprachfähigkeit eingeschränkt. Na, und? Hier ereignet sich echte menschliche Präsenz, pure Begegnung. Hier wird keine Maske getragen, um wichtiger oder gescheiter zu wirken, als der Nächste. Allesamt bestechen sie durch ihr Wesen, durch ihr unvoreingenommenes Lächeln und durch ihre versteckten Talente. Anders sind diese Persönlichkeiten, ja.

Sie haben in ihrem Leben erfahren, was existentiell wichtig ist: Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf und eine sinnvolle Beschäftigung sind elementar. Freundschaft. Dazugehören. Wichtig sein. Lieben und geliebt werden. Die grosse Sehnsucht eines jeden Menschen.

Sogenannt «Gesunde», sogenannt «Normale» können hier Vieles lernen. Wir dürften ein bisschen mehr haben von diesem «Anderssein»: Etwas weniger Maske und mehr Authentizität. Etwas mehr Empathie und weniger Konkurrenz. Eine andere Prioritätenliste, was wichtig ist im Leben und was weniger. Dieser Perspektivenwechsel würde das Zusammenleben und -arbeiten normaler machen, menschlicher.

Irgendwo hörte ich: Die Behinderung der «Behinderten» sind die «Nicht-Behinderten». Noch immer liegt in unserem Land so Einiges im Argen bezüglich Gleichstellung und Unterstützung für ein möglichst würdevolles, autonomes Leben. Trotz Bundesverfassung und Behindertengleichstellungsgesetz zeigen sich erhebliche Mängel im geltenden Recht und seiner Umsetzung. Die Lobbystimmen in diesem Bereich unserer Gesellschaft haben wenig Kapital und begrenzte Wirkkraft. Dabei könnte es jeden von uns treffen – täglich neu. Ein Unfall mit Hirn- oder Rückenmarksschädigung. Ein Sauerstoffmangel bei der Geburt, ein Baby mit Trisomie 21. Ein Kind mit einer Form von Autismus. Eine Augenkrankheit, die rasch zur Erblindung führt. Glücklich, wer unversehrt und unabhängig leben kann!

Hier, an diesem Tisch wird mir klar: Eine menschliche Gemeinschaft ist so stark, wie ihr Umgang mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen – mit denen, die unfreiwillig gegen den Strom schwimmen. So heilsam gegen den Strom!

Ich nahm ein Aquarell mit nach Hause. Es leuchtet in den schönsten Farben. Dieses Bild offenbart die Pracht der Seele ihrer Schöpferin. Schade, hat sie ihren Namen nicht darunter gesetzt. Eines Tages wird sie das tun – wie jede andere Künstlerin auch.