Immer mehr Bürger zahlen ihre Steuern nicht. Und weil immer mehr kleine und mittlere Gemeinden damit überfordert sind, lagern sie das Inkasso aus. Jüngstes Beispiel: Schnottwil. Da die Bewirtschaftung der Verlustscheine zu aufwendig wurde, hat der Gemeinderat kürzlich beschlossen, die Angelegenheit an ein Inkassobüro abzutreten. Seither werden Schnottwils Guthaben von Bern aus, von der Inkasso Küng AG, eingetrieben (wir berichteten).

Fragt sich: Was können die Privaten besser als die öffentliche Hand? Rémy Küng, mit seiner Schwester in zweiter Generation Chef des Familienunternehmens, drückt zur Begrüssung fest die Hand. «Wir sehen uns nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung», erklärt der 40-Jährige zu Beginn des Gesprächs im schlicht eingerichteten Sitzungszimmer. Auch wenn es meist unangenehme Situationen seien, in denen seine Firma zum Zug kommt, habe er keinen Einfluss auf die Schulden oder das Konsumverhalten der Schuldner. «Spätestens nach ein paar heftigen Worten finden die Mitarbeitenden daher oft auch einen Draht zu den Leuten», so der Inkasso-Chef. «Unser oberstes Ziel ist es nämlich, mit den Schuldnern einen anderen Ausweg als den Rechtsweg zu finden.» Das gelinge auch in knapp zwei Dritteln der Fälle.

«Kein ‹Moskau Inkasso›»

Obwohl die Gemeinden wie alle anderen Gläubiger der Inkasso Küng AG eine Grundgebühr von 310 Franken pro Jahr zahlen müssen, steht es ihnen frei, wann sie die Inkassofirma beiziehen wollen. «Einige übergeben uns bereits das Mahnwesen, andere kommen erst, wenn es zur Betreibung kommt», sagt Rémy Küng. «Auf jeden Fall melden wir uns jeweils als erstes noch einmal mit einem Schreiben bei den Schuldnern.»

40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt die Inkasso Küng AG in einem unscheinbaren Gebäude im Lorrainequartier. 35 000 Fälle sind laut Rémy Küng jeweils pendent; die Summe eines durchschnittlichen Inkassoauftrages liege bei 4500 Franken. Der Grossteil der Recherchearbeit geschehe vom Bürotisch aus, im Kontakt mit Amtsstellen oder via Internet. «Wir betreiben kein ‹Moskau Inkasso›», verwahrt sich Küng gegen schwarze Schafe der Branche. Denn bei ihm treten die Gläubiger ihre Ausstände nicht an die Inkasso-Firma ab, sondern diese lebt von der Provision bei einer erfolgreichen Eintreibung. Die Rede ist von einem Drittel. Dazu, wie auch zu den Kunden, schweigt Rémy Küng jedoch. «Die Branche und auch wir sind äusserst zurückhaltend.» Das habe nicht mit Geheimniskrämerei zu tun, sondern mit der in der Schweiz seit Jahren gelebten Diskretion. «Und wir, wie auch unsere Kunden und deren Schuldner, könnten unter zu viel Öffentlichkeit leiden.»

Rechtzeitiges, straffes Inkasso

Apropos Gemeinden und Steuern: Viel zu reden gab zuletzt der Fall Egerkingen. Da verlas die Gemeindepräsidentin vor der Versammlung jahrelang säumige Steuerzahler. Dies brachte zwar einige Steuersünder zum Nachzahlen; andererseits der Präsidentin und FDP-Kantonsrätin Johanna Bartholdi aber auch eine Verurteilung wegen Amtsgeheimnisverletzung. Doch in Zukunft will die Gemeinde Egerkingen nun ebenfalls auf ein externes Inkasso setzen (siehe auch Text unten).

Fragt sich: Wie schlimm ist die Situation wirklich unter den Solothurnischen Einwohnergemeinden? «Die Zahlungsmoral hat spürbar nachgelassen», sagt darauf angesprochen Thomas Blum. Allerdings hat auch der Geschäftsführer des Gemeindeverbandes keine vollständige Übersicht über alle Gemeinden. Dennoch ist für Blum laut den jüngsten Rückmeldungen aus den Reihen seiner Mitglieder klar: «Ein rechtzeitiges und straffes Inkasso sowie die professionelle Bewirtschaftung von Verlustscheinen werden immer wichtiger für Gemeinden.» Und die zweite Schiene betreffe den Kanton: «In den meisten Fällen sind die Veranlagungen durch die Behörden zu hoch.» Die Abschreiber, welche für die Gemeinden daraus resultierten, nützten dann niemandem etwas, weil wirklich nichts zu holen sei. Daher habe der Gemeindeverband in den letzten Wochen mit der Steuerverwaltung auch das Gespräch gesucht: «Der Kanton und die jeweilige Gemeinde müssen sich besser austauschen, damit die Steuerveranlagungen einigermassen den Tatsachen entsprechen», appelliert Thomas Blum.

«Wir kennen unser Metier»

Zurück zur Inkasso Küng AG in Bern, die für immer mehr Gemeinden in den Kantonen Solothurn, Freiburg und Bern unter anderem ausstehende Steuern eintreibt. «Wenn man die Bonität der Schuldner regelmässig prüft, und auch das Zustandekommen der Schulden anschaut, fallen einem fragwürdige Forderungen sofort auf», so Chef Rémy Küng. Zum Beispiel eben von den Behörden zu hoch eingeschätzte Steuerpflichtige. Ebenso fänden sich bei verschiedenen Kunden immer wieder dieselben Schuldner, was einen weiteren Effizienzgewinn bringe gegenüber der öffentlichen Hand. Denn 2017 werden die ersten Schuldscheine verfallen, weil dann die neue Verjährungsfrist erstmals greift. Und ein dritter Punkt, weshalb Küng mit seiner privaten Inkassofirma die Schulden der Gemeinden effizienter eintreiben kann: «Als Spezialisten mit einem sehr hohen Automatisierungsgrad kennen wir unser Metier.»