«Wie lange machst du das nun schon?», fragte mich vor Kurzem eine Freundin und meinte damit mein Engagement als Muslimin. Ich überlegte kurz, kam aber nicht dazu zu antworten, denn sie stellte mir bereits die nächste Frage. «Und wie lange machst du das noch?» Ich war zugegeben etwas vor den Kopf gestossen. Sollte ich etwa aufhören zu vermitteln, zu erklären, zu vertiefen, zu kritisieren zu analysieren, zu Verständigung beizutragen, nach Lösungen für Probleme zu suchen? Wollte meine Freundin, dass ich resigniere? Dass ich mir und anderen eingestehe, die ganze Arbeit sei für die Katz gewesen, hätte nichts nachhaltig bewirkt und sei bloss kräftezehrend? Zweifel überkommen mich.

Abraham als Stammvater

Natürlich hatte ich ihr berichtet, wie bedenklich ich es finde, dass die Sekundarlehrpersonen die ich kürzlich an einer Weiterbildung hatte, allesamt keine Ahnung mehr hatten, warum Abraham eigentlich Stammvater von Judentum, Christentum und Islam genannt wird. Und dass sie trotz aller Ahnungslosigkeit selbstbewusst behaupteten, Kain und Abel seien die Söhne Abrahams, und seine beiden Frauen seien Sarah und Rahel gewesen. Aber das ist ja auch alles gar nicht von Belang. Wichtig sei schliesslich, dass wir Schweizer unsere christlichen Werte und Traditionen pflegen und selbstbewusst verteidigen.

Natürlich hatte ich meiner Freundin berichtet, mit welch unvorstellbaren Grausamkeiten sich Christen unterschiedlicher Konfession vor vierhundert Jahren in Europa drei Jahrzehnte lang gegenseitig abgeschlachtet und ausgehungert hatten und durch Seuchen millionenfach verreckt waren. Ganze Landstriche waren entvölkert worden durch das Massentöten und Massensterben. Das haben die Christen in Europa ganz allein geschafft, auch unter Mitwirkung von Kirche, Pfarrer und Bibel. Ganz ohne Terroristen und schwertschwingende Muselmanen aus dem Osten. Aber das ist alles nicht von Belang.

Wichtig ist, dass das Christentum die Religion der Liebe und Gewaltlosigkeit ist - ganz im Gegensatz zum Islam. Der Koran strotze nur so vor Aufrufen zu Hass und Unterdrückung und fordere zu nichts anderem auf, als zu Gewalt. Das durfte ein Kabarettist unlängst wieder einmal im CLUB auf SRF ungebremst äussern. Moderiert, also mildernd oder mässigend eingegriffen, wurde da nicht. Warum auch? Es ist ja bloss eine Meinungsäusserung. Selber schuld, wer glaubt das seien Fakten.

«Sache Islam»

Und natürlich hatte ich meiner Freundin auch davon erzählt, wie unsensibel ich es fand, dass die nationale Tagung der SP Schweiz zum Thema Islam und unter Mitwirkung von Muslimen just auf die islamischen Feiertage nach dem Fastenmonat angesetzt wurde. Das ist vergleichbar, als ob man eine Tagung auf den 2. Weihnachtstag legt. Das zeugt nicht von böser Absicht aber von wenig Kenntnis der Materie. Und das ist das Problem. Man kann sich nicht mit der «Sache Islam» beschäftigen und die Menschen – die Muslime – dabei ausser Acht lassen.

Aber ich bin schon wieder dabei zu analysieren, zu kritisieren und zu erklären. Und so wird es auch bleiben, solange die Notwendigkeit besteht und die Geschichte von Abrahams Söhnen, Ismael und Isaak nicht (mehr) bekannt ist. Aus der Nachkommenschaft Ismaels, dessen Mutter Hagar war, leiten sich die Muslime her. Aus der Nachkommenschaft Isaaks, dessen Mutter Sarah war, die zwölf Stämme Jakobs und somit Juden und Christen. Ja, so nah sind wir uns!