«Wir wissen noch lange nicht alles», sagt Othmar Wey vom Archäologischen Institut der Universität Bern. Er leitet ein dreijähriges Forschungsprojekt zu den Pfahlbauten am Burgäschisee. Nun steht er über einem 4 Quadratmeter grossen Graben am Nordufer des Sees. 50 Besucher der ersten Führung betrachten interessiert den Dreck und lauschen seinen Erklärungen, während es anhaltend regnet.

Anlässlich des heutigen Unesco-Welterbetages zeigt das Grabungsteam die Forschungsarbeit, welche letztes Jahr im März begann. Ja, wir im Solothurnischen sind auch «weltbedeutend». Seit 2011 nämlich sind die Pfahlbau-Fundstellen des Burgäschisees als Weltkulturerbe anerkannt, gleichzeitig mit 110 andern solcher Fundstellen rund um die Alpen.

Feuchtigkeit konserviert

«Wir haben generell Interesse an Grabungen», begründet Mutter Sperisen aus Herzogenbuchsee ihr Erscheinen. «Man kann hier einmal in Ruhe verfolgen, wie sie vorgehen. Uns interessiert, wie die Menschen damals lebten.» Der 12-jährige Sohn Camillo habe die Pfahlbauer in der Schule bisher kaum durchgenommen: «Aber ich war schon in Museen. Am liebsten möchte ich selber graben.» Buddeln kann man zwar nicht. Doch man ist ganz nah dran, sieht deutlich die Erdschichtung.

In der helleren Schicht hat es Seekreide, also anorganisches Material. Nur die dunkle Schicht enthält Organisches. Dort könnten Gegenstände aus Holz oder Knochen gefunden werden. In 30 Zentimeter Tiefe. Ausgegraben wurden hier etliche Keramikscherben oder Steinklingen. Überraschend für Wey: «Wir haben Keramikscherben mit Einritzungen gefunden, die man von der Cortaillod-Kultur kannte. Die fand man bisher nur im Zürichseegebiet.» Bei der Keramik habe man Gestaltungsspielraum. Könne die Töpfe grösser oder kleiner machen, sie verzieren. «Damit fühlt man sich einer Gruppe zugehörig.»

Allgemein gebe es in Gebieten mit «Feuchtbodenerhaltung» mehr Erkenntnismöglichkeiten. Denn mit Wasser bedeckte Gegenstände konservierten auch Holz und Knochen. Wey zeigt eine Rekonstruktion eines Beils. «Oft findet man nur noch die Steinklinge. In Feuchtgebieten entdeckt man aber auch den Holzgriff und Knochenteile.» Das Beil hat ein Zwischenteil aus Geweih. Das verhindert, dass die Klinge sich in den Griff bohrt. So ist das Beil länger haltbar.

Vom Leben der «Ur-Aeschianer»

Rund 3600 Jahre vor Christus lebten die «Ur-Aeschianer» schon hier. «Ein Pfahlbauhaus hält etwa zehn bis zwanzig Jahre», so Wey. «Die Pfahlbauer suchten sich dann wohl einfach ein anderes Plätzchen am See.» Etwas Besonderes am Projekt ist die Interdisziplinarität. Aus einem 10 Meter langen Bohrkern von der Seemitte war vieles aus den Umweltdaten und Aktivitäten der Anwohner in den vergangenen Jahrtausenden in Erfahrung zu bringen. Erika Gobet vom Institut für Pflanzenwissenschaften der Uni Bern gibt einen Einblick in das, was sie aus den Pollen und Pflanzensedimenten erfuhr.

Ab wann Ackerbau betrieben wurde beispielsweise. «Sehr interessant», fasst Jürg Häfeli, ein ehemaliger Lehrer aus der Innerschweiz, seine Eindrücke zusammen. Durchs Mikroskop hat es soeben Pollen aus dem Bohrkern betrachtet, unter dem Arm trägt er vier Pfahlbau-Schriften. Das Interesse der Besucher ist riesig. «Es wurde nicht bloss oberflächlich informiert, ich hörte gerne zu», meint eine Einwohnerin von Aeschi.

Obwohl man die Pfähle im Burgäschisee nicht mehr sehen kann, ist es ein gelungener Anlass, der auch viele Sachkundige anlockte. Etwa Giorgo Nogara aus Solothurn, selber Archäologe, der früher in Ägypten forschte. Schnell nimmt noch jemand einen der beiden Holzpfosten in die Hand, Teile echter Pfahlbauten. «Iii, glitschig und weich», lautet der Kommentar, aber die einmalige Gelegenheit darf man sich nicht entgehen lassen. Vorerst sind keine weiteren Besuchstage geplant. Jedoch könnten für Vereine oder Schulen Führungen organisiert werden.