Wenn im Büro Ventilatoren kaum noch helfen, und die Hitze klares Denken trübt, dann bleibt zumindest eines: der Griff in die Tiefkühltruhe zur Glace. Manche mögen sich dabei vorstellen, selber kurz in die Gefriertruhe zu steigen. Genau das haben wir getan. Sozusagen.

In Neuendorf steht das Tiefkühllager der Migros – eine Halle, grösser als zwei Fussballfelder, in der stets arktische Temperaturen herrschen. Von hier aus werden täglich schweizweit über 500 Migros-Filialen mit Tiefkühlwaren beliefert. Pro Schicht arbeiten zehn Personen – bei minus 26 Grad. Einer von ihnen ist Andreas Henzi aus Günsberg.

Bevor wir ihn jedoch an seinem Arbeitsplatz treffen und er erzählen kann, wie er die Arbeit in der Kälte aushält, schlüpfen wir in der Garderobe in Wärmejacken und setzen Helme auf.

Der Eintritt in den Tiefkühler ist ein kleiner Schock. Von der Sommerhitze direkt in den tiefsten Winter – ein Temperaturgefälle von fast 60 Grad. Die Kälte beisst in der Nase, fährt in die Glieder, der Atem kondensiert.

Manche gehen nach 30 Minuten

Marc Leuenberger, der Abteilungsleiter, geht voraus, eingepackt in seinem Wintermantel und mit tief ins Gesicht gezogener Mütze unter dem Helm. Normalerweise arbeitet er im Büro ausserhalb des Tiefkühllagers, doch ab und an muss auch er hinein zu den Anlagebetreuern.

Es sei nicht einfach, gute Mitarbeiter zu finden sagt er. Diese müssten etwas von Logistik und Technik verstehen, vor allem aber die eisigen Temperaturen aushalten.

Deshalb absolvieren Anwärter auf eine Stelle mehrere Probetage in den verschiedenen Schichten. «So spürt jemand, was es heisst, bei Kälte und im Schichtbetrieb zu arbeiten.» Es hätten auch schon Leute nach einer halben Stunde aufgeben müssen.

Der 46-jährige Andreas Henzi gehört nicht dazu. Seit 16 Jahren arbeitet er im Tiefkühllager. Zu seinem Arbeitsplatz geht es eine Metalltreppe hoch, vorbei an zig Förderbändern, die hinter Gittern Paket um Paket wegtransportieren. Menschen sind kaum zu sehen. Unten schwenken sieben aneinandergereihte Roboter ihren Arm hin und her. In hohem Tempo greifen sie Pakete von den Förderbändern und stapeln diese auf Paletten zum Abtransport. In der Halle gibt es kein Tageslicht, es rauscht, zischt und brummt wie in einem Güterbahnhof. Wer einen Science-Fiction-Film drehen möchte, fände hier eine passende Kulisse.

Ein Rekord bei Glacen

Henzi zieht zur Begrüssung seine Handschuhe aus, er hat warme Hände. Während der letzten Hitzetage sei er fast lieber hier gewesen. «Ich habe einen klimatisierten Arbeitsplatz», sagt er und lacht. Henzis Aufgabe: Neu ankommende Paletten so vorbereiten, dass der Roboter übernehmen kann. Sobald er Folien, Klebstreifen und Lieferscheine entfernt hat, gibt er der Maschine den Befehl. Wenn es gut laufe, schaffe er pro Stunde über 60 Paletten.

Henzi überwacht zuweilen auch die Anlage. Er muss dann nur eingreifen, wenn die Maschinen und Roboter nicht tun, wie sie sollten. Fast alles läuft automatisch. Sobald ein Artikel unter einen bestimmten Lagerbestand fällt, wird er direkt nachbestellt. Derzeit etwa Glacen. Die Auslieferungen stiegen in der Spitzenwoche um 30 Prozent. Ein absoluter Rekord, sagt Leuenberger, der Abteilungsleiter.

Die Lust nach Glacen aber vergeht einen im Tiefkühllager schnell. Bereits nach einer halben Stunde ist die Kälte kaum noch auszuhalten. Überhaupt fällt es schwer, sich nach einer Weile wieder in Bewegung zu setzen. Die Beine sind steif. Henzi hat diese Probleme nicht. «Man gewöhnt sich daran», sagt er auf dem Weg aus der Halle. Meistens arbeitet er 90 Minuten und macht dann eine 30-minütige Aufwärmpause. Diese haben sie vom Arbeitgeber zugute. Im Aufenthaltsraum erhalten sie Tee, Kaffee und Suppen. Auf den Lohn gibt es eine Kältezulage von rund 10 Prozent.

«Die erste Stunde ist happig»

Draussen in der Wärme zieht Henzi sofort seine Jacke aus. «Ich schwitze sogar im Tiefkühllager», sagt er. Bevor der Günsberger in Neuendorf begann, arbeitete er in einer Käserei. Doch der vier Grad warme Kühlraum dort ist kaum ein Vergleich zum Lager in Neuendorf. Doch Henzi ist ein robuster Mann, einer der sich nicht schnell beschwert. «Ich habe nie daran gedacht, etwas anderes zu suchen», sagt er. Die erste Stunde eines Arbeitstages sei zwar happig. Dann aber gehe es. Ob er denn schon Erfrierungen erlitt? Henzi verneint. Aber erkältet sei er wohl ständig? «Im Gegenteil. Ich werde kaum krank», sagt er und ergänzt: «Manchmal läuft vielleicht die Nase ein wenig. Ein, zweimal im Jahr.»

Dann trinkt Henzi seinen Tee aus, zieht die Jacke über und verschwindet wieder in den Winter. Es scheint, als sei er tatsächlich froh, der Hitze zu entfliehen.