Kanton Solothurn
So geht Wahlkampf: Kandidaten wetteifern um jede einzelne Stimme

Seit Wochen tobt der Kampf um die Wählerschaft. Wir zeigen vier Beispiele aktiver Kandidatinnen und Kandidaten aus unserem Kanton. Den Anfang machen Marianne Meister und Barbara Wyss Flückiger. Wie sieht die Strategie der beiden Damen aus?

Lucien Fluri
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Wie betreiben Barbara Wyss Flückiger und Marianne Meister Wahlkampf?

Wie betreiben Barbara Wyss Flückiger und Marianne Meister Wahlkampf?

Solothurner Zeitung

Strampeln, schwitzen, kämpfen

Marianne Meister: Wenn Wahlkampf durch den Körper geht: Marianne Meister will das Rennen um den Ständeratssitz machen. Und tritt dafür kräftig in die Pedale.

Marianne Meister, FDP-National- und Ständeratskandidatin, unternahm mit ihrem Ehemann Ruedi Meister eine Wahl-Velo-Tour durch den Kanton.

Marianne Meister, FDP-National- und Ständeratskandidatin, unternahm mit ihrem Ehemann Ruedi Meister eine Wahl-Velo-Tour durch den Kanton.

Lucien Fluri

Es ist 33 Grad und Marianne Meister drückt in die Pedale. Beharrlich kämpft sich die FDP-Ständeratskandidatin die Teerstrecke zwischen Herbetswil und Welschenrohr hoch. Der Asphalt brennt, die Schweissperlen rinnen die Schläfen runter.

Jeder Pedaltritt ist anstrengend, der Wahlkampf geht durch den Körper. Von Subingen über Olten, Schönenwerd, Gempen und Balsthal bis Gänsbrunnen strampelt sie eine Juniwoche lang für den Ständeratssitz durch den Kanton. Entlang von Aare, goldenen Ährenfeldern, hartem Strassenbelag und Industriegebiet.

Mühe geben sich alle Kandidaten, aber Marianne Meister muss sich noch etwas mehr anstrengen. Ihr Vorhaben ist kühn, sie tritt gegen zwei bisherige Ständeräte an. Die Erfolgschancen sind eher gering, doch Meister ist ehrgeizig. Ob sie es schafft oder nicht, ist das eine.

Aber ihr Einsatz entscheidet, ob die FDP-Kandidatur als Alibi-Übung angesehen wird oder ob die Partei als starke Kraft wahrgenommen wird. Und da lässt die Präsidentin des kantonalen Gewerbeverbandes nichts auf sich sitzen. «Am Wahlabend will ich mir nichts vorwerfen», sagt die 53-Jährige. Sie trägt Velohelm und Sonnenbrille.

250 Kilometer auf dem Sattel

Freitagmorgens in Balsthal. Die ganze Woche schon sind Marianne und Ehemann Ruedi Meister mit dem Velo durch den Kanton gefahren. Medienansturm gibt es nicht, die Kandidatin ist locker. Sie war auf Bauernhöfen im Schwarzbubenland und hat gesehen, wo im Gäu wirtschaftlich «die Post abgeht». Rund 250 Velokilometer kommen zusammen. Meisters besuchen Bekannte, die sie schon lange nicht mehr gesehen haben.

Sie pflegen unterwegs Freundschaften. Purer Wahlkampf ist das nicht – auch sonst gehören Veloferien bei Meisters zum festen Jahresprogramm. Doch Meister mobilisiert auf der Tour auch die Wähler, die ihr wohlgesinnt sind. Und sie sieht neue Seiten des Kantons.

Ruedi Meister hat acht Jahre im Wallierhof gearbeitet. Er kennt viele Bäuerinnen und Bauern, die sie besuchen. Und es kommt zu spontanen Begegnungen unterwegs.

In Balsthal haben sie im Hotel Kollegen ihres Vaters getroffen. In Laupersdorf schaut Meister, selbst Inhaberin eines Denner-Satelliten, im dortigen neuen Denner vorbei. «Wir haben von der Tour gelesen», sagt Inhaberin Ruth Meister (nicht verwandt). Und unterwegs gibt es bei den Kantonsratskolleginnen Karin Büttler und Rosmarie Heiniger Kaffee.

Am Bahnhof Gänsbrunnen wird Meister angesprochen. «Auf Wahlkampftour?», fragt ein Mitarbeiter der Kantonsverwaltung. Ein kleines Gespräch über den Moutier-Tunnel. Und dann fährt der Zug mit den verladenen Velos los, bald ist Meister zu Hause. «Wir sorgen jetzt hier für etwas Frequenz», sagt sie im Zugabteil. Es ist noch Vorwahlkampf.

Inzwischen sind die Temperaturen nicht mehr bei 33 Grad, doch die Wahlkampfphase ist heisser geworden. Meister gibt weiter Gas. Wahlkampf ist jetzt ihr Full-time-Job. Seit Mitte August lässt sie ihren regulären Job ruhen.

Zehn Minuten Strassenkampf für eine Unterschrift

Barbara Wyss Flück: Sie ist die Strassenkämpferin unter Solothurns Politikern – und sucht die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.

Barbara Wyss Flück, Nationalratskandidatin der Grünen, scheut beim Unterschriften- und Stimmensammeln keinen Aufwand.

Barbara Wyss Flück, Nationalratskandidatin der Grünen, scheut beim Unterschriften- und Stimmensammeln keinen Aufwand.

Lucien Fluri

«Grüessechwohl. Ich sammle Unterschriften» – «Merci, ich habe schon.» – «Darf ich Ihre Kollegin fragen? Es geht um faire Lebensmittel.»
Die grüne Fahne weht auf dem Grenchner Marktplatz, die Sonne brennt und Barbara Wyss Flück kämpft an diesem Samstagmorgen um jede Unterschrift für die grüne Fair-Food-Initiative.

Stunden, vielleicht Tage steht Barbara Wyss Flück in diesem Wahlherbst auf der Strasse und markiert für ihre Partei Präsenz. Mehr als ein persönliches Spitzenresultat wird sie am Ende trotzdem nicht erreichen – ein Nationalratssitz liegt für die Grünen dieses Mal ausser Reichweite.

Doch Wyss Flück zögert keine Sekunde. «Ich bin stolz, dass wir mitbestimmen können. Umso wichtiger ist es hinzustehen, auch wenn die Chancen gering sind.»

Die 52-jährige Fraktionschefin der Grünen im Kantonsrat ist so etwas wie die Strassenkämpferin unter Solothurns Politikern. Sie packt die grüne Fahne ans Velo und fährt den slowUp ab, nur um einige Unterschriften zu sammeln.

Sie steht stundenlang auf Strassen, und sie sucht die Auseinandersetzung mit Passanten oder beim politischen Gegner. Wird sie vom Gewerbeverband an eine Versammlung eingeladen, geht sie schon mal hin, auch beim bürgerlichen Erzgegner AVES (Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz), obwohl ihr dort keine Stimmen winken. «Ich schätze die Auseinandersetzung», sagt sie. «Die Gegner prägen auch meine Argumente.»

Grüne Fahne als «rotes Tuch»

Unterschriftensammeln ist politischer Nahkampf. «Für jede Unterschrift brauchst Du ein Gespräch», sagt Wyss Flück. Unterschriftensammler lernen: Freundlich grüssen ist auch schon eine gute Tat. Männer schütteln den Kopf, Frauen laufen weiter.

In der Uhrenstadt ist die grüne Fahne für einige Passanten ein rotes Tuch, seit die Pistenverlängerung heiss diskutiert wird. 3500 Unterschriften müssen die Solothurner Grünen beisteuern. Fünf bis zehn Minuten braucht es pro Unterschrift im Schnitt. «Wir sind auf der Zielgeraden», sagt Wyss Flück.

Leben, was man fordert: Wyss Flück, im Kampf gegen Gösgen politisiert, versucht, das umzusetzen. «Du musst authentisch sein und dich zeigen. Darum wählen mich die Leute.» Nur einmal nahm sie im vergangenen Jahr den Zug, um zur Arbeit in Gerlafingen zu fahren. Sonst sieht man sie täglich auf dem Velo.

Steht sie auf die Strasse, geht es ihr um die grüne Gesamtbewegung und den zweiten linken Sitz. «Wir Grünen können es uns nicht leisten, nicht mitzumachen», sagt sie. Sie selbst kann sich «Politik aber leisten».

Die Sozialarbeiterin, deren Mann ebenfalls politisch aktiv ist, setzt rund 4000 Franken für den Wahlkampf ein. 100 Plakate gehören dazu. Den Grossteil des Geldes wirft sie aber in einen Topf der Partei. «Damit alle davon profitieren können.» Ihre Mandatsabgaben gibt sie grösstenteils an Organisationen weiter. Schreibt sie eine Kolumne über die Witi, erhält der Witi-Verein das Geld. «Ich sehe mich als Multiplikator», sagt Wyss Flück. Doch vorerst geht es ums Unterschriftensammeln.

«Grüessechwohl. Ich sammle ...»

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