Frau Maissen, was hält die Schweiz zusammen?

Sandra Maissen: Auf einen Nenner gebracht: der Föderalismus. Unser System ist bürgernah und erlaubt es, Macht auf verschiedene staatliche Ebenen zu verteilen. Das schafft Vertrauen, ermöglicht ein Handeln vor Ort und im Endeffekt ein friedliches Zusammenleben.

Die vier Landessprachen haben Sie nun nicht erwähnt. Sind diese eher ein trennendes Element?

Keinesfalls! Als Bündnerin etwa bin ich es mir seit je gewohnt, auf Minderheiten Rücksicht zu nehmen. Föderalismus erlaubt vielmehr den Schutz sprachlicher Minderheiten, die Vielfalt profitiert.

Die ch Stiftung fördert aus Solothurn «die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften und Kulturen sowie die Zusammenarbeit unter den Kantonen und mit dem Bund». Ist der Zusammenhalt der Schweiz in Gefahr?

Nein, aber wir müssen Sorge tragen. Es gibt einen gewissen Druck zur Zentralisierung, obwohl einheitliche Lösungen nicht a priori besser sind. Hinzu kommt, dass für die Kantone der Aufwand für den Vollzug von Bundesaufgaben in den letzten Jahren stark gestiegen ist, sodass die Handlungsspielräume für eigene Projekte deutlich kleiner wurden. Aktuell machen sich die Kantone darum zum Beispiel stark für eine grundlegende Überprüfung der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen. Eine Alternative zum Föderalismus gibt es für ein Land mit dieser grossen Vielfalt wohl kaum. Das erfahre ich etwa, wenn uns ausländische Gruppen besuchen, um unser System kennenzulernen.

Der Föderalismus steht vor allem finanziell unter Druck. Können wir uns die Vielfalt noch leisten?

Sicher kostet Vielfalt etwas. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, wir hätten ein effizientes System. Nicht zuletzt dank dem natürlichen Wettbewerb unter Gemeinden und Kantonen, wer welches Problem am besten löst. Und vergessen Sie nicht: Auch in einem zentralistischen System muss man ausgeschlossene Minderheiten teuer integrieren. Schlimmstenfalls kommt es sonst zum Konflikt.

Sie haben zuvor lange auch im Ausland studiert und gearbeitet: Ist die Schweiz wirklich so speziell?

Wichtig erscheint mir, dass der abstrakte Begriff Föderalismus nicht nur als System verstanden, sondern auch als Kultur gelebt wird. Wenn wir versuchen, bei Entscheiden alle Kräfte einzubinden, statt Minderheiten auszugrenzen, ist das eine besondere Leistung. Sicher kommt uns die Kleinräumigkeit entgegen. Zum Vergleich: Auch die EU versucht die Länder Europas sprachlich und kulturell einander näher zu bringen. Das erweist sich aber als ungleich schwieriger.

Trotz immer engerer Zusammenarbeit scheint es unvorstellbar, dass Kantonsgrenzen wegfallen?

Will das Volk etwas, sind Veränderungen möglich. Entscheidend ist, dass der Anstoss von unten kommt. Es scheint dafür derzeit aber keine Mehrheiten zu geben, wie Abstimmungen in Genf und Waadt sowie in beiden Basel gezeigt haben.

Obwohl klar deutschsprachig bezeichnet sich Solothurn als Brückenkanton. Sehen Sie den Röstigraben aus Ihrem Büro?

(Lacht) Nein, aber die Gleise vor dem Fenster führen direkt in die Romandie. Persönlich empfinde ich Solothurn als frankophilsten Kanton der Deutschschweiz. Zum einen spürt man bis heute die weltoffene Haltung der Ambassadorenstadt. Andererseits ist es – wie in Basel, Bern, Freiburg oder im Wallis – selbstverständlich, an der Sprachgrenze als erste Fremdsprache Französisch zu lehren.

Und wie kommt Solothurn zum Sitz Ihrer Stiftung der 26 Kantone?

Unter den Gründern waren Solothurner und zum Kanton wie zur Stadt pflegen wir sehr gute Kontakte. Zudem ist der Jurasüdfuss gut angebunden an die Romandie. Darum haben wir uns vor sieben Jahren, als in Bern das Haus der Kantone eröffnet wurde, auch ganz bewusst entschieden, den Sitz der ch Stiftung mit ihren vor Ort rund 50 Mitarbeitenden in Solothurn zu belassen.

Zurück zur Sprache als Mittel zum Zusammenhalt des Landes: Seit fünf Jahren fördert das Sprachengesetz unter anderem Sprachaustausche unter den Regionen. Kann man Kohäsion – also den Zusammenhalt des Landes – an Schulen lehren?

Nicht direkt, aber ein Bewusstsein kann man schaffen. Um sich gegenseitig verstehen zu können, muss man sich auch selber kennen. Zudem kann man mit Austauschen, individuell oder als Klasse, gute Erlebnisse auch mit anderen Landessprachen verschaffen.

Paris oder Colombier, Berlin oder Klingnau: Austausche in der Schweiz haben einen schweren Stand?

Unterschätzen Sie nicht Austausche in der Schweiz! Es ist aber klar, dass es die Jungen nach der obligatorischen Schulzeit gern ins Ausland zieht, erst recht Studierende. Aber auch dort ist die ch Stiftung involviert: Wir organisieren für den Bund die Übergangslösung für das EU-Programm «Erasmus +».

Die Zahlen jedoch scheinen ernüchternd: In den letzten drei Jahren verdoppelte sich die Zahl inländischer Austauschschüler von 8000 auf 15 000. Das Ziel war fast doppelt so hoch. Wäre ein Obligatorium nicht einfacher?

Klar könnten es immer mehr sein, aber eine Zunahme von rund 80 Prozent in drei Jahren ist doch recht gut. Auch wenn man bedenkt, dass wir fast keine Finanzierungsbeiträge ausrichten können. Setze ich die Zahlen zudem in das Verhältnis zum Geld (gut 1 Million Franken pro Jahr, Anm. d. Red.), das wir für die Organisation der Austausche erhalten, sehe ich es positiver. Positiv überrascht bin ich zudem von unserem neuen Projekt SchulreisePlus: Letztes Schuljahr trafen sich 170 Klassen oder rund 3000 Schüler ein bis zwei Tage mit einer Klasse von ennet der Sprachgrenze. Zudem haben wir in den letzten Jahren gemäss unserem Auftrag Online-Vermittlungsplattformen für Schulen aufgebaut und beraten Lehrpersonen in Projekten. Ein Obligatorium wäre eine politische Frage.

Oder wie wärs mit Gemeindepartnerschaften für Schüleraustausche? Eine solche, von der Hauptstadtregion initiierte Idee gingen eben als erste die Stadt Solothurn und Le Landeron ein.

Das ist eine Idee, die wir sehr begrüssen. Bezeichnenderweise kommt sie aus einer zweisprachigen Gegend, wo die Sensibilität für das Thema grösser ist.

Geht es um Sprachminderheiten, ist meist vom Röstigraben die Rede. Am lautesten beklagt sich derzeit aber das Tessin über mangelndes Gehör. Wie ist diese Sprachgrenze in der ch Sitftung Thema?

Wir wollen die italienische Schweiz auf natürliche Art bei uns integrieren. Darum ist die italienische Schweiz auch in allen Stiftungsgremien vertreten, ebenso in unserer ch-Reihe.

Als drittes Standbein – neben Austauschen, der Pflege des Föderalismus und der Erbringung von Dienstleistungen für die Kantone – übersetzt die ch Stiftung seit 1974 Literatur in andere Landessprachen. Wie unterscheidet sich diese Sprachgrenze von jener im Alltag?

Es ist nicht nur eine Sprach-, sondern auch eine Kulturgrenze. Man muss sie daher ganz bewusst pflegen, kann nicht nur Wörter übersetzen. Man muss den neuen Lesern auch die Kultur vermitteln. Darum ist die ch-Reihe als Brücke zwischen den Sprach- und Kulturräumen auch umso wichtiger.

Die ch Stiftung gibt es seit bald 50 Jahren: Warum braucht es sie auch in Zukunft noch?

Als Willensnation muss der Zusammenhalt der Schweiz immer wieder von neuem bestätigt werden. Darum gehen auch unsere drei Aufgabenbereiche unvermindert weiter; vielmehr verstärken sich die Diskussionen zur Kohäsion in letzter Zeit.

Die erschienen Teile der Sommerserie zum Nachlesen: 

Teil 1 befasste sich mit dem Jura als Grenze

Teil 2 über die Siky Ranch in Crémines

Teil 3 zur Sprachgrenze zum Französischen

Teil 4 zum Frühfranzösisch im Kanton Solothurn