Der achtjähriger Ali* stampft auf den Boden – und schleicht dann zur zwei Jahre älteren Semhar, die mit aufgesetzten Kopfhörern am Computer sitzt. In der Zuchwiler Integrationsklasse ist nicht etwa Pause, es wird gelernt. Auf spielerische Weise übt Ali gerade Verben, Semhar feilt am Computer an ihrer Aussprache. «Rrrraaaabe», sagt die Computerstimme. «Laaaabe», sagt das eritreische Mädchen. Das «R» bereitet ihr noch Mühe.

In der Integrationsklasse der Blumenfeldschule in Zuchwil üben Flüchtlingskinder und Kinder mit einem Migrationshintergrund an ihrem Deutsch. Zehn Lektionen pro Woche. Daneben besuchen sie die normale, dem Alter entsprechende Klasse. Sechs bis zwölf Monate darf ein Kind diese Deutschlektionen besuchen. Danach muss es den Platz frei geben für neue Schüler. «Wir stossen langsam an die Grenzen», sagt Stephan Hug, der Zuchwiler Schuldirektor.

Es gäbe eine Überbelegung. Monat für Monat kommen derzeit etwa drei neue Flüchtlingskinder nach Zuchwil. «Viele anerkannte Flüchtlinge ziehen dort hin, wo es billigen Wohnraum gibt. Das ist in Zuchwil der Fall», sagt Hug. Die Schule überlegt nun, mit anderen Gemeinden ein Sprachkompetenzzentrum zu schaffen. Welche Gemeinden das sind, möchte Hug aber noch nicht sagen. Das Projekt stehe erst in der Abklärungsphase.

Im Schulzimmer ist es unterdessen leise geworden. Die Kinder arbeiten mit ihren jeweiligen Lehrmitteln, jeder Schüler in seinem Tempo. Frontalunterricht gibt es hier nicht. Auch keinen Lehrplan. Christine Leuenberger, die Lehrerin, versteht sich eher als ein Lerncoach. «Ich versuche, auf jedes Kind individuell einzugehen. Hat eines gerne Fussball, überlege ich mir eine Übung zu diesem Thema.»

Eine individuelle Förderung ist in der Integrationsklasse zwingend. Denn die Kinder treten nicht nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein und aus, sie kommen auch aus unterschiedlichen Altersstufen; von der zweiten bis zur neunten Klasse. Und sie haben unterschiedliche Vorkenntnisse. 

Semhar etwa stiess im Frühling dazu. Sie hatte in ihrer Heimat kaum Schulbildung und sprach kein Wort deutsch. Zwar steht im Regal ein Wörterbuch «Tigrinia-Deutsch», doch die Viertklässlerin kann ihre Muttersprache nicht lesen. Umso wichtiger sind deshalb Computerprogramme. Nur: Semhar möchte in diesem Moment lieber Youtube Schauen. «Das ist aber nicht, was du machen solltest», greift Leuenberger ein, und hilft dann bei der Übung.

Keine Schule auf der Flucht

Ein anderes Flüchtlingskind brachte hingegen mehr Vorkenntnisse mit. Die 13-jährige Yara kam mit ihren Eltern aus dem Irak. Sie erlernte bereits in der dreimonatigen Schule des kantonalen Asyl-Durchgangszentrums erste Sätze auf deutsch. Das helfe enorm, sagt Leuenberger.

Yara ist glücklich, dass sie in der Schweiz nun die Schule besuchen darf. «Es ist schön», sagt sie. Während ihrer Flucht lebte sie für eineinhalb Jahren in der Türkei. Schule gab es für sie dort keine. Immerhin lernte Yara türkisch, so gut es ging. In Zuchwil lernt sie gerade, Verben zu steigern. «Teuer, teurer, am teuersten; weit, weiter, am weitsten.» Am Schluss fehle noch ein «e» sagt Leuenberger. «Sonst ist alles richtig, sehr gut.» Yara strahlt. Nach der Schulzeit möchte sie Coiffeuse werden – wie ihre Mutter.

«Zwei Klassen wären besser»

Christine Leuenberger leitet seit eineinhalb Jahren die Integrationsklasse. Diese wurde vor über zwei Jahren geschaffen; als die Flüchtlingsströme zunahmen. «Mit acht Kinder sind wir nun aber am Maximum», sagt sie. Eigentlich wäre es besser, zwei Klassen zu haben. Eine für die Jüngeren, eine für die Älteren. «Es ist schwierig, allen Kindern gerecht zu werden.»

Im Schulzimmer gibt es verschiedene Lernbücher, Lernspiele, Computer, CD’s. An den Wänden hangen Zettel mit den Wochentagen, mit ausgeschriebenen Zahlen, dem ABC, mit allerlei Illustrationen. Und: An jedem Gegenstand klebt ein Zettel – der Tisch, das Fenster, die Tür, der Laptop. Es ist kein Schulzimmer, es ist ein buntes Lernlabor.

Semhar sitzt nun wieder alleine vor dem Computer. Konzentriert starrt sie auf den Bildschirm. Die Computerstimme sagt «Frau». Semhar sagt «Flau.» Das «R» will ihr noch nicht gelingen. Doch zumindest das Wort tippt sie schon richtig in den Computer.

*Alle Namen der Kinder geändert