Solothurner Zeitungsarchiv
So berichtete die Zeitung von der Mümliswiler Katastrophe von 1915

Am 30. September 1915 brach über Mümliswil eine Katastrophe herein. Die Kammfabrik explodierte und forderte 32 Todesopfer. Ein Blick ins Zeitungsarchiv zeigt: Die Solothurner Zeitung berichtete ausführlich über das tragische Ereignis.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Zwei Tage nach dem Ereignis erschien zum zweiten Mal ein Front-Artikel.

Zwei Tage nach dem Ereignis erschien zum zweiten Mal ein Front-Artikel.

frb

Schon am Folgetag des Unglücks, auf der Frontseite der Ausgabe vom 1. Oktober 1915 und noch vor der täglichen Kriegsberichterstattung, titelte die Solothurner Zeitung: «Explosionskatastrophe von Mümliswil». Im Bericht ist zu lesen: «Mümliswil, das erst vor einem Jahre durch eine Wasserkatastrophe heimgesucht wurde, war gestern der Schauplatz einer grossen Explosionskatastrophe, die 40 Arbeiter und Arbeiterinnen das Leben kostete, 80 wurden verletzt».

Es folgt die Beschreibung des Unglücks mit den fett gedruckten Zeilen: «Bis abends 7 Uhr waren über 12 Tote ermittelt. Sie waren alle bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Es werden aber mindestens 20 Tote dazu kommen, da ein Keller der Fabrik immer noch in Flammen steht und in welchem im Augenblick der Katastrophe Arbeiter beschäftigt waren. Weitere 30 Personen sind schwer verletzt.»

Eine Fotoaufnahme vom Ort des schrecklichen Geschehens in Mümliswil.

Eine Fotoaufnahme vom Ort des schrecklichen Geschehens in Mümliswil.

zvg

Abgedruckt wurde auch ein telefonischer Bericht eines «der Zeitung nahestehenden Lesers», des Versicherungsagenten Gustav Ziegler. Er war einer der ersten Retter. «Starke, schwarze Rauchsäulen stiegen auf, und aus allen Fenstern der Fabrik schlug das Feuer», schildert er, als er mit seinen Nicht-Feuerwehrkollegen mit einem Hydrantenwagen auf den Platz kam. «Auf dem Weg begegneten uns Arbeiter und Arbeiterinnen mit verbrannten Haaren und Kleidern. Man ahnte, was da Schlimmes passiert war». Mit fünf Wasserleitungen, wird Ziegler zitiert, habe man das Feuer löschen wollen, doch dieses fand in der Fabrik mit dem Celluloid und dem Horn immer wieder Nahrung. «Männer suchten nach ihren Frauen, Frauen nach ihren Gatten, Eltern irrten in Todesangst umher auf der Suche nach ihren Kindern, Kinder schrien nach ihren Eltern. Das Herz blutete einem», schloss Ziegler.

Gemäss der Zeitung standen bald zehn Ärzte im Einsatz, und es spielten sich grauenvolle Szenen ab. Als Brandursache wurde schon von einer Celluloid-Explosion geschrieben. Landammann Schöpfer sei noch am Unglücksabend auf dem Brandplatz erschienen und habe den Mümliswilern rasche Hilfe versprochen. Und auch das wusste die Zeitung schon: «Die Firma wird zum sofortigen Wiederaufbau schreiten».

Am nächsten Tag

Am 2. Oktober, titelte die Zeitung «Die Brandkatastrophe von Mümliswil» und veröffentlichte die Namen der bisher bekannten Toten. «Heute findet die Beerdigung einer Anzahl von Opfern in einem Massengrab statt. Die letzten Opfer sind noch nicht geborgen», heisst es im Bericht. Man korrigierte auch die zunächst angenommene Opferzahl: «Glücklicherweise Korrektur: nicht 40, sondern 31 Tote und 5 Schwerverletzte.» Die Schadenssumme belaufe sich auf 200 000 Franken, weiss die Zeitung, und: «Glück hatten die Ramiswiler, die wegen ihres Feiertages St. Urs an diesem Tag nicht zur Arbeit kamen.»

Die Todesanzeige zum Unglück, welche die Gemeinde in die Zeitung setzte.

Die Todesanzeige zum Unglück, welche die Gemeinde in die Zeitung setzte.

frb

Sofort setzte im ganzen Kanton, gar im ganzen Land, eine grosse Solidaritätswelle ein. Die erste Gemeinde, die den Mümliswilern Hilfe versprach, war Grenchen. Man verzichtete dort auf das Einweihungsfest zur neuen Bahn und wolle eine Summe spenden, schrieb die Zeitung. Die Gesellschaft Passionsspielhaus Selzach und die Gemeinde Selzach spendeten als Erste 100 Franken, Hägendorf liess ebenfalls rasch 100 Franken schicken.

«Hülfestellung» des Staates

Am Montag, 4. Oktober, ist nachzulesen, dass die Regierung der schwer heimgesuchten Gemeinde «Hülfestellung» des Staates zukommen lasse. Eine kantonale Sammlung – bei der Sammlerinnen von Tür zu Tür gingen – wurde angeordnet. «Herz und Hand auf, liebe Leute», stand deshalb in der Zeitung. Spendengelder gingen aber auch direkt ans Oberamt in Balsthal, und in den kommenden Tagen veröffentlichte die Zeitung immer wieder die gespendeten Beträge: «Einwohnergemeinde Solothurn 1000 Franken; Solothurner Kantonalbank 1000 Franken; Einwohnergemeinde Olten 1000 Franken, Stadt Grenchen 2310 Franken – wobei 2000 Franken an Mümliswil und 310 Franken an drei brandgeschädigte Familien in Balsthal gingen, denen etwa zur gleichen Zeit das Haus abbrannte. Kleinere Beträge von Vereinen und Firmen gingen ein, und auch in der Region diensttuendes Militär spendete.

Der Beileidsbrief, den Bundespräsident Giuseppe Motta dem Kanton Solothurn und der Gemeinde Mümliswil zukommen liess, wurde vollumfänglich abgedruckt, und schon am Montag, 4. Oktober, ist einem Inserat in der SZ zu entnehmen, dass im Solothurner Kino «Hirschen» in einem Dokumentarfilm Szenen aus der Explosionskatastrophe zu sehen seien. Gemäss einem Zeitungsbericht vom Dienstag, 5. Oktober, pilgerten am vorherigen Sonntagnachmittag rund 2500 Personen zu Fuss, per Velo und Automobil von Balsthal her nach Mümliswil, zum Ort der Tragödie. Es seien zudem übers Wochenende weitere 16 Leichen gefunden worden, wobei nur eine zu erkennen gewesen sei. «Von den anderen gab es nur noch Teile».

Immer wieder veröffentlichte die Solothurner Zeitung auch die Spendengelder, die durch andere Zeitungen eingesammelt wurden: Die NZZ stellte den Rekord mit rund 10 000 Franken, die Basler Nationalzeitung sammelte 2000 Franken. Gespendet hat auch die Italienische Gesandtschaft, nämlich 500 Franken, oder eine Schulklasse im zürcherischen Horgen.

Die Schuldfrage

Nach dem grossen Schock ging es dann in der Presse auch um die Schuldfrage. So veröffentliche die Solothurner Zeitung am 12. Oktober ein Communiqué der Arbeiterschaft der Kammfabrik, welches sich gegen einen Artikel in der Oltner «Neuen Freien Zeitung» richtete. Unter dem Titel «Die Schuldfrage in Mümliswil» wurde dort der Firmenleitung grosse Mitschuld am Unglück gegeben. Die Mümliswiler wehrten sich und schrieben: «Wir erklären, dass die dortige Darstellung vollständig unrichtig ist und dass wir sie in keinem Falle gelten lassen.» Es gebe bei der Katastrophe keine Schuldfrage zu verdecken, wie dies die Zeitung schrieb, und dass der Pfarrer die Fabrikanten-Familie Walter-Obrecht in grösster Trauer angetroffen habe, sei keine Verhöhnung der Arbeiter. Zudem sei es unwahr, dass in der Kammfabrik einer, der sich über die Gefährlichkeit des Betriebes äusserte, seinen Arbeitsplatz verloren hätte. «Richtig ist, dass solche Reklamationen, wenn je eine laut wurde, sofort ihre Berücksichtigung fanden.»

Die Solothurner Zeitung verstärkte aufgrund dieser Katastrophe ihre Werbebemühungen um die Abonnenten-Versicherung und warb dafür mit Mümliswiler «Schadenfällen». Ein Beispiel: «Es wird bestätigt, dass die Angehörigen des anlässlich der Explosionskatastrophe in Mümliswil tötlich verunglückten Abonnenten Herrn Erwin Walter von der tit. Schweizerischen Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft in Winterthur aus der Abonnentenversicherung der Solothurner Zeitung Fr. 1500.-- erhalten haben, womit seitens der Versicherungsgesellschaft allen Ansprüchen voll und ganz Genüge geleistet worden ist.»