Jeder Atemzug könnte ihr letzter sein. Eine weisse Decke verhüllt den abgemagerten Körper der Schlafenden. Mit ihren eingefallenen Wangen wirkt sie sehr alt, dabei wird sie an diesem Tag gerade erst 69. Es ist ihr fünfter Tag auf der Palliativabteilung des Kantonspitals Olten. Sie ist nicht alleine. Eine zehn Jahre jüngere Frau sitzt im Zimmer und behält die Patientin im Auge. Die Frau trägt keinen Spitalkittel, sondern Alltagskleidung. Sie gehört zum Team der Sitzwachen der Solothurner Spitäler (soH). 43 Freiwillige leisten in Olten und Solothurn unbezahlte Besuchsdienste an den Spitalbetten.

Per Telefon wurde die Sitzwache für ihren heutigen Einsatz angefragt, kurzfristig wie meistens. «Ich bin Krankenpflegerin und absolvierte später einen Kurs zur Sterbebegleiterin», erzählt die 59-Jährige, die anonym bleiben möchte, in einem andern Raum. Sie begleitete bereits eine Bekannte in den Tod. Und vor fünf Jahren zu Hause auch ihren Mann. «Ich merkte, ich möchte das weiter machen.» Da sie kaum mehr erwerbstätig ist, hat sie Zeit. «Ich finde es eine gute Sache und bin dankbar, dass ich das überhaupt tun kann. Ich möchte ja später vielleicht auch einmal, dass es Leute gibt, die hier sind, wenn es mir schlecht geht.» Sie ist auf der Palliativstation aktiv, doch: «Manchmal kann man mit den Kranken noch vollumfänglich kommunizieren. Oder Spiele machen und mit ihnen nach draussen gehen.»

«Sie entlasten»

Die Frau im Bett atmet ruhig und tief ein. Ihr Ausatmen gleicht einem lärmenden Seufzer – der «terminalen Rasselatmung» wegen, die Sterbende in den letzten Stunden oder Tagen zeigen, wenn sie schwach sind und Speichel nicht mehr reflektorisch schlucken können.

Es ist schon Nacht. Durch das geöffnete Fenster dringt letztes Vogelgezwitscher. «Oft sind Patienten unruhig und verwirrt. Die würden sonst ständig klingeln, weil ja nicht immer jemand von der Pflege im Zimmer sein kann. Sie werden ruhiger und haben Vertrauen, wenn jemand da ist», erklärt Barbara Camen, Pflegedirektorin der Solothurner Spitäler. Als Qualifikation für Sitzwachen nennt Camen Freude am vorurteilslosen Umgang mit Menschen, Zuverlässigkeit, Belastbarkeit und Ausgeglichenheit, eine gewisse Flexibilität. Auch müsse man die Schweigepflicht wahren können.

Die Zeit vergeht im Krankenzimmer nur sehr langsam. Das Zeitgefühl fehlt. Die heutige Sitzwache bereitete sich vor, indem sie sich am Nachmittag aufs Ohr legte und spazieren ging. «Ich mache oft die ganze Nacht von neun bis fünf Uhr.» Sie hat eine Zeitschrift dabei, in der sie später herumblättern kann. Möglich sei auch, dass sie in den Liegesessel wechsle und einnicke, wenn die Kranke ruhig sei. «Ich höre dann aber, wenn etwas los ist.»

Der Ehemann der Patientin erzählt gerührt von der Krankheitsgeschichte seiner Frau, die vor sieben Jahren begann. Wie sie dann genug hatte von den Krebs-Behandlungen und wie er und seine Kinder das akzeptieren mussten. Der 70-Jährige arbeitet noch. «Ich kann nicht rund um die Uhr hierbleiben. Da ich beruflich unterwegs bin, ist es wichtig für mich, dass ich nachts schlafen kann.» Die Söhne arbeiteten ebenfalls, die Tochter habe Familie. Lange Zeit leistete man die Betreuung zu Hause, auch mithilfe von Spitex und Sitznachtwachen der Krebsliga. «Die Sitzwachen hier sind wirklich etwas Phantastisches. Sie entlasten.» Dass immer jemand zugegen ist, ist für ihn wichtig: «Dass meine Frau ganz alleine wäre, hätten wir nicht gewollt.»

Auch der heutigen Sitzwache gehen die Schicksale oft nahe. «Aber ich glaube, man muss lernen, sich davon auch abzugrenzen. Das geht nun besser als am Anfang.» Die Betroffenen hätten oft Mühe damit, dass sie für diesen Dienst nichts bezahlen müssten und die Wachen keinen Lohn beziehen, sagt sie. Die Sitzwachen erhalten 50 Franken pro Nacht, 15 Franken für einen Kurzeinsatz. Am Inselspital bekommt man 25 bis 31 Franken pro Stunde, allerdings sind es dort Medizinstudenten. «Das ist ein anderes Konzept», sagt Camen.

Mit Herz, ohne Lohn

Monika Brogli hat vor viereinhalb Jahren die Oltner Freiwilligengruppe für die Palliativstation auf die Beine gestellt. Die Pflegefachfrau erzählt, wie das Spital bei der Rekrutierung einer zweiten Freiwilligengruppe 2016 per Inserat Freiwillige suchte und wie etliche die Verantwortlichen am Telefon angeschrien hätten, als sie erfuhren, dass es dafür keinen Lohn gebe. «Solche würden es nicht mit Herzblut tun.» Für die heutige Wache stimme es so, sie sei nicht auf ein Einkommen angewiesen. Doch könne sie sich vorstellen, dass manche um etwas mehr Geld froh wären.

Das spärliche Licht im Zimmer stammt vorwiegend von der Beleuchtung draussen. Alles erscheint in Grauschattierungen, Farben spielen nun sowieso keine Rolle mehr. Bald wird die weisse Rose im Glas welken. Die Patientin atmet am nächsten Nachmittag zum allerletzten Mal.