Lehrlingsturnen

Sind Verstösse gegen Bundesvorgaben unter dem Sparzwang gerechtfertigt?

Gemäss der Bundesvorlage ist Turnunterricht auch in der Berufsschule Pflicht.

Gemäss der Bundesvorlage ist Turnunterricht auch in der Berufsschule Pflicht.

Seit Jahren verstösst der Kanton gegen Bundesvorgaben und streicht Turnunterricht. Das gab gestern im Kantonsrat zu reden. Argumente für das Handeln des Kantons fanden viele im Sparzwang unter welchem dieser steht.

Das Lehrlingsturnen ist eine Langzeitbaustelle im Kanton. Seit Jahren hält die Regierung die Bundesvorgaben nicht ein, zahlreichen Klassen wird der eigentlich obligatorische Sportunterricht vorenthalten.

Zuletzt strich der Kanton 2013 den Grenchner Abschlussklassen das Turnen vom Stundenplan. Und bald soll es auch in Olten keinen Unterricht für die Abschlussklassen mehr geben. Dort hat allerdings das Verwaltungsgericht das letzte Wort: 49 Schüler führen gegen den Sparentscheid der Regierung Beschwerde.

Aufgrund einer Interpellation von Mathias Stricker (SP, Bettlach) kam das Thema gestern im Kantonsrat zur Sprache. «Ich erwarte, dass sich die Kantone an Bundesvorgaben halten.

Warum haben wir sonst überhaupt Gesetze?», sagte Stricker. Wenig nachvollziehbar war für ihn das Argument, die Turnhallen lägen zu weit weg von den Schulhäusern. Denn gerade im Fall Grenchen habe der Kantonsrat zuvor beschlossen, sich im nahen Velodrome einzumieten, um das Problem zu lösen.

«Wenn wir sparen, dann korrekt», ergänzte Urs Huber (SP, Obergösgen). Es gehe nicht an, dass die Regierung von heute auf morgen ein Angebot streiche und dabei das Recht eigenmächtig und vorsätzlich verletze.

«Jede Sparmassnahme tut weh», sagte FDP-Sprecherin Verena Meyer (FDP, Mühledorf). Dennoch sei das Einsparen der Turnstunden unter dem Spardruck zu rechtfertigen. Und schliesslich dürfe man jüngeren Menschen durchaus zumuten, dass sie die Verantwortung für ihr Bewegungsverhalten übernehmen, wehrte Meyer Vorwürfe ab, die Regierung tue nichts gegen übergewichtige Solothurner Jugendliche. Auch Beat Künzli (SVP, Laupersdorf) fand, der Staat müsse sich nicht um jeden Menschen mit wachsendem Bauchumfang kümmern.

Zahlreiche Schüler wollen gar nicht

Doris Häfliger (Grüne, Zuchwil), sah in der Streichung der Turnstunden kein allzu gewichtiges Problem. Wenn sie selbst am Berufsbildungszentrum in Olten unterrichte, sei es mühsam, wenn die Schüler frühzeitig auf den Bus stressen müssten. Und den 49 Schülern, die Beschwerde eingereicht hätten, könne sie ganz schnell 49 andere Schüler entgegenhalten, die das Turnen frei wählen möchten.

Wenn die Schüler die Fächer frei wählen könnten, würden wohl 95 Prozent keine Französischlektionen mehr besuchen, konterte Beat Käch (FDP, Solothurn). «Was mich am meisten stört, ist die Bundesrechtswidrigkeit. Wie soll ich da den Schülern Rechtskunde unterrichten?», sagte der Prorektor der kaufmännischen Berufsfachschule.

Als «vertretbare» Massnahme bezeichnet René Steiner (EVP, Olten) das Streichen des Unterrichts für die Oltner Abschlussklassen. Kritischer beurteilte er die rechtlich ungeklärte Situation.

Es sehe so als, als ob die Regierung die rechtlich unklare Situation aussitzen wolle, hielt Steiner fest. Wer den Turnunterricht für unnötig halte, solle sich auf Bundesebene für eine entsprechende Gesetzesänderung aussprechen, sagte Felix Wettstein (Grüne, Olten). Der Kanton könne aber nicht einfach die Gesetze nicht beachten.

Teils Zuspruch, einige offene Fragen, viel Kritik, Unmut. Wie rechtfertigte der Bildungsdirektor den Verstoss gegen Bundesvorgaben? Remo Ankli liess die Diskussion an sich vorbeiziehen und verzichtete auf eine Stellungnahme.

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