Lehrplan 21

Sind unsere Lehrmittel neutral? FDP fordert eine Überprüfung

Die Regierung soll das umstrittene Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel» analysieren – unter anderen. Symbolbild

Die Regierung soll das umstrittene Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel» analysieren – unter anderen. Symbolbild

Ein Zürcher Sek-I-Lehrmittel führt auch hier zu Diskussionen: Ein Sek-Lehrer spricht von linker Propaganda – der Lehrerverband von einer infamen Unterstellung. Die FDP fordert eine Analyse.

Schon im Kanton Zürich und im Aargau sorgte es für Aufsehen: Das Sek-I -Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel» (GIW). Laut der Beschreibung der Zürcher Lehrmittelverlags – Herausgeber von GIW – handelt es sich um ein zeitgemässes Lehrmittel für Geschichte und Politik, welches den Lehrplan 21 konsequent umsetze. Laut Kritikern hingegen ist es linkslastig. Als störend empfunden wird etwa die Aussage in einem Kapitel über die Lohngleichheit, Frauen verdienten im Schnitt 20 Prozent weniger als Männer. Quelle: Unia – ohne Gegendarstellung. In der Online-Version folgt ein Video von demonstrierenden Frauen, die sich über Ungleichheit beschweren. Ein Filmbeitrag der Unia – ohne Gegendarstellung.

Um die politische Neutralität des Lehrmittels sei es «mässig bestellt», heisst es nun auch von der Solothurner FDP-Fraktion, die einen Vorstoss zur Überprüfung der kantonalen Lehrmittel eingereicht hat. Ein Vorstoss, den Rolf Löffler begrüsst. Er unterrichtet Sek B und E in Langendorf, nicht aber mit dem umstrittenen Lehrmittel. «Dieses Lehrmittel würde ich nur sehr zurückhaltend – wenn überhaupt – verwenden», sagt er. Das Lehrmittel, mit dem er sich im Rahmen einer Weiterbildung beschäftigt hat, sei klar unausgewogen. Propaganda – dieses Wort verwendet auch Löffler – habe im Klassenzimmer nichts verloren.

Von Kommission empfohlen

Laut dem Solothurner Lehrerinnen und Lehrerverband (LSO) ist GIW auch nicht so weit verbreitet in Solothurner Klassenzimmern, da es noch relativ neu ist. Der Lehrplan 21 gilt zwar auch hier seit diesem Schuljahr. Das umstrittene Lehrmittel ist aber nicht obligatorisch, dafür über den Solothurner Lehrmittelshop bestellbar und von der kantonalen Lehrkommission empfohlen.

Beim Bildungsdepartement von FDP-Regierungsrat Remo Ankli gibt es keine genauere Auskunft zum GIW oder inwiefern man sich damit befasst habe. Dazu könne man sich nicht äussern, bis sich der Kantonsrat mit dem Thema befasst habe. Der Departementssekretär Adriano Vella weist aber darauf hin, dass GIW im Kanton nicht obligatorisch ist. Lehrer entscheiden selbst, ob sie damit arbeiten.

Das löse aber das Problem nicht, findet Sek-Lehrer Löffler. Das sei Schönfärberei. Es liege auch – aber nicht nur – beim Lehrer, für einen neutralen Unterricht zu sorgen. Klar müsse auch er bei seinen Lehrmitteln «zwischen den Zeilen lesen» oder mit anderen Quellen ergänzen.
Bei GIW würde dies laut Löffler aber den Rahmen sprengen – eine Lehrperson könne kein ganzes Lehrmittel hinterfragen. Zu viele Artikel seien zu unkritisch, Inhalte würden zu ungefiltert wiedergegeben.

«Eine infame Unterstellung»

Ganz anders schätzt die Präsidentin des LSO die Situation ein. Laut Dagmar Rösler ist GIW derzeit das einzige Lehrmittel, das Geschichte und Politik miteinander verbindet. Zu den kritisierten Beiträgen über die Gewerkschaften sagt Rösler, dass die Organisation der Arbeiterschaft eben Inhalt des Lehrplans sei und obligatorisch behandelt werden müsse. Lehrpersonen hätten zudem den Auftrag «multiperspektivisch» zu unterrichten – Inhalte von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

«Von einer linken Propaganda im Schulzimmer kann keine Rede sein», sagt Rösler. Sie spricht weiter gar von einer «infamen Unterstellung gegenüber den Lehrpersonen.» Diese seien so ausgebildet, dass sie «einen unabhängigen und untendenziösen Unterricht» gestalten und damit Schülerinnen und Schüler zum selbstständigen Denken anregen könnten.

Auch Sponsor-Material prüfen

Ob das Lehrmittel neutral ist, soll laut FDP-Vorstoss der Regierungsrat analysieren. Dafür muss der Auftrag zuerst noch im Kantonsrat gutgeheissen werden. In diesem Fall würden auch die restlichen Lehrmittelempfehlungen – und die Methoden, wie diese überhaupt zustande kommen – unter die Lupe genommen. Laut Vorstoss würden nämlich auch andere Lehrmedien von Verbänden und Organisationen– nebst denjenigen staatlicher Verlage für Diskussionen sorgen.

So ist es kein Geheimnis, dass etwa Unterlagen von Swissmilk, Nestlé oder Pharmasuisse gesponsert werden – zu den Themen Milch, Kakaobohnen und Medikamenten. Das sind im Gegensatz zu GIW gesponserte Lehrmittel, die es nicht beim kantonalen Verlag gibt, sondern über private Plattformen. Dort kaufen Lehrpersonen und Schulen eigenständig ein.
Das hat auch Löffler schon gemacht. Aus seiner Sicht sei das aber etwas anderes, denn: «Der Verfasser mit seinen Interessenten wird transparent gemacht», er könne seinen Klassen jeweils erklären, wer hinter dem Material stehe. Bei einem offiziellen Lehrmittel wie «Gesellschaften im Wandel» jedoch, kämen die Inhalte als neutrale, redaktionelle Beiträge daher – was sie aus Sicht des Sek-Lehrers nicht sind.

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