Übergewicht
Sind die Solothurner die dicksten Schweizer?

Die Universität Zürich analysierte Resultate der Stellungspflichtigen – Kantonsarzt Christian Lanz relativiert die Schlüsse. Er sagt, die Solothurner seien doch nicht die korpulentesten Schweizer.

Noëlle Karpf
Drucken
Teilen
Die Studie erfasste nur die Indexe von stellungspflichtigen Männern. Frauen oder Ausländer waren nicht Teil der Erhebung.

Die Studie erfasste nur die Indexe von stellungspflichtigen Männern. Frauen oder Ausländer waren nicht Teil der Erhebung.

KEYSTONE

Neun Jahre lang befasste sich die Universität Zürich mit dem Thema Übergewicht und untersuchte Stellungspflichtige der ganzen Schweiz. Die Studie zeigt: Im Kanton Solothurn ist der Anteil an «Übergewichtigen» (BMI höher als 25) mit 8,94 Prozent am höchsten.

«Diese Studie hinterlässt diverse Fragezeichen», relativiert der Solothurner Kantonsarzt Christian Lanz auf Anfrage dieser Zeitung. Ziel der Untersuchung war, «regionale und sozio-ökonomische Unterschiede im Body-Mass-Index (BMI)» aufzuzeigen. Um diesen Index zu berechnen, wird das Körpergewicht durch die Körpergrösse im Quadrat geteilt.

BMI nicht zwingend zuverlässig

«Der BMI kann nicht zwischen «Bodybuilder-Figur und Bierranzen unterscheiden», bringt es der Kantonsarzt auf den Punkt. «Wer viel trainiert, wird nach seinem BMI als übergewichtig eingestuft.»

Ein Schwinger könne aufgrund seiner vielen Muskeln einen hohen BMI erreichen. «Aber wenn ich zu einem solchen Sportler gehe und ihm sage, er solle sich mehr bewegen, dann lacht der mich bloss aus», sagt Christian Lanz. «Und ein tiefer Wert, wie der einer Magersüchtigen, steht nicht für ein optimales Gewicht.»

Laut dem Kantonsarzt sind die Hauptgründe für Übergewicht mangelnde Bewegung oder Fehlernährung, was anhand des BMI nicht aufgezeigt werden kann. «Entweder wird zu viel oder einfach das Falsche gegessen», sagt der Fachmann. «Und denjenigen, der nur vor dem Fernseher sitzt und genau das tut, den finde ich aufgrund dieser Studie nicht.»

Zudem könne die Differenz zwischen dem Kanton, der in der Studie am besten dasteht, und jenem Kanton, in dem die meisten Übergewichtigen leben sollen, nicht allzu gross sein. «Im Kanton Appenzell Innerrhoden, der auf Platz eins steht, werden kaum nur schlanke Marathonläufer leben – wie bei uns ja nicht nur dicke Sumoringer.»

Erst wenn es in einem Gebiet über Jahre hinweg sehr viele, extrem Übergewichtige geben würde, sei ein echtes Problem vorhanden. «Bis dann wird nur ein Pseudoproblem aus der ganzen Geschichte gemacht», ist der Fachmann überzeugt.

Breitere Datenerfassung

Was braucht es denn für eine verlässlichere Studie? «Man müsste sicherlich zuerst einmal alle Personen untersuchen, die in der Schweiz leben», sagt der Kantonsarzt – also auch Frauen und Ausländer. «Vielleicht war die Studie mit den Stellungspflichtigen vor 50 Jahren noch aussagekräftig», meint Christian Lanz, «heutzutage aber bestimmt nicht mehr.» Das liege daran, dass es mittlerweile deutlich mehr Ausländer in der Schweiz gebe, die nicht zur Rekrutierung aufgeboten würden.

Wenn die Studie mehr Fragen als Antworten aufwirft – was bringt sie dann? «Gute Frage», sagt der Kantonsarzt und lacht. «Tendenziell», meint er, «zeigt sie, dass sozial Bessergestellte weniger übergewichtig sind. Das ist eine Tatsache, die schon lange bekannt ist, das ist auf der ganzen Welt gleich.»

So sei anhand der Studie nicht direkt auf Handlungsbedarf zu schliessen, das wäre «voreilig». Sinnvoller könne sein, die Resultate der Fitnesstests der Stellungspflichtigen zu analysieren. Dies hielt auch bereits die Universität Zürich in ihrer Studie fest.

Sportlich wie die Nachbarkantone

Gesagt, getan: Der Kantonsarzt wirft für diese Zeitung einen Blick auf die Homepage des Bundesamtes für Sport (Baspo), wo die Fitnesstest-Resultate der Aushebungen von 2010 bis 2013 aufgelistet sind. Bei diesem Test können die Rekruten in fünf verschiedenen Disziplinen je maximal 25 Punkte erreichen.

Was dem Fachmann dabei auffällt: Das Zentrum Windisch, wo unter anderen die Stellungspflichtigen aus den Kantonen Solothurn, Aargau und den beiden Basel die Tests absolvieren, schneidet in jedem der vier Jahre etwas schlechter ab als die übrigen Standorte.

Vergleicht man diese Kantone untereinander, so ist der Unterschied der jeweiligen Ergebnisse nicht erheblich: Die Solothurner Stellungspflichtigen sind somit nicht weniger fit als die jungen Aargauer oder Basler.

«Die Frage, die sich nun stellt» ist laut Christian Lanz: «Wird im Aushebungszentrum Windisch strenger bewertet?» Das könne den Unterschied zu anderen Zentren erklären. Er wage jedenfalls zu bezweifeln, dass dieser auf Übergewicht oder Unsportlichkeit zurückzuführen sei.

«Diese Auswertungen sind für mich stimmiger als die der Studie der Universität Zürich», erklärt Christian Lanz. Man müsse aber beachten, dass die beiden Untersuchungen nicht das gleiche Ziel verfolgen würden. So versuchte die Universität Zürich vor allem die Abhängigkeit des BMI von Region und sozialem Status aufzuzeigen.

Die Tabellen des Baspo halten dagegen BMI, Körpergrösse und -gewicht der Stellungspflichtigen sowie die erreichten Punktzahlen in den fünf Sportdisziplinen fest. Gemäss diesen Fitnesstest-Resultaten scheinen die Solothurner doch nicht die korpulentesten Schweizer zu sein. «Wenn Solothurn sportlich auch untendurch wäre», fügt Christian Lanz hinzu, «dann müsste man vielleicht in Betracht ziehen, eine Sportstunde mehr in den Lehrplan aufzunehmen.»

Aktuelle Nachrichten