Solothurn
Sie zerstört täglich ein paar Träume der syrischen Flüchtlinge

Anna Sollberger kümmert sich um 61 besonders verletzliche Flüchtlinge aus Syrien. Sie kamen mit Träumen. Und wachten inmitten der Traumata auf, die sie erlitten hatten. Eine Geschichte über Stolpersteine, Hoffnung und Post-it-Zettelchen.

Lucien Fluri
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Anna Sollberger (rechts) kümmert sich im Auftrag des Kantons um 61 besonders verletzliche Flüchtlinge aus Syrien (Symbolbild).

Anna Sollberger (rechts) kümmert sich im Auftrag des Kantons um 61 besonders verletzliche Flüchtlinge aus Syrien (Symbolbild).

Keystone (Symbolbild) und az

Alle haben Träume. Aber wovon träumen Menschen, die erst noch durch zerbombte Städte in Syrien liefen?

31 von ihnen leben seit Mitte April im Durchgangszentrum auf dem Bleichenberg in Biberist. Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge hat sie aus der Krisenregion direkt in die Schweiz geflogen. Hier sollen sie für immer bleiben. Ein humanitärer Akt, den die Schweiz 500 Menschen zugesteht.

Anna Sollberger war dabei, als an einem Mittwoch im April die 19 Erwachsenen und 12 Kinder auf den Bleichenberg gezogen sind. Die Solothurner Sozialarbeiterin ist der Integrationscoach der besonders verletzlichen Syrien-Flüchtlinge. Sie soll ihnen helfen, die ersten Grundsteine für ein sicheres und freies Leben in der Schweiz zu legen. Kürzlich sass in ihrem Büro ein junger Mann, der ihr von einem seiner Träume erzählte. Er möchte später einmal mit einem grossen schwarzen Jeep durch die Schweiz fahren. Das hat er als Ziel in seine Integrationsplanung geschrieben. «Ich muss damit nicht einverstanden sein. Aber das ist seine Motivation», sagt Sollberger. Vorerst bleibt es nur ein grosser Traum.

Eine Art «Super Nanny»

Die Realität sieht nüchterner aus. Sie besteht aus kleinen Papierzetteln im Büro von Anna Sollberger. Darauf notiert sie sich, was ansteht: Sie hilft den Flüchtlingen bei der Wohnungssuche, ruft Vermieter an, organisiert Dolmetscher für Arztbesuche. Sie klebt die Post-it um, setzt Prioritäten. Das Kind, das zum Arzt muss, kommt vor die Sicherung, die es beim Staubsaugen raushaut. Sollberger spricht mit Gynäkologen, Augenärzten, Physiotherapeuten. Sie geht im März und September fast jeden Abend an Elterngespräche. Sie erklärt den Eltern Schulsystem, Konto, Sozialhilfe und Busfahrplan. Anna Sollberger ist so etwas wie die «Super Nanny» für 61 besonders verletzliche Syrienflüchtlinge im Kanton. Ihr Job ist es, deren Biografien auf den richtigen Weg zu bringen und ihnen einen Spalt weit die Türe zum Leben in der Schweiz zu öffnen. «Ich bin täglich daran, die Schweiz zu erklären», sagt Sollberger. «Und damit zerstöre ich täglich Wünsche und Seifenblasen.»

Die Realität. Neugierige und motivierte Menschen kamen. Menschen, die am liebsten arbeiten möchten. Doch die Praxis sieht anders aus. Sie haben ihr soziales Umfeld und ihren Status verloren, ihre Ausbildung wird nicht anerkannt, sie müssen Wohnungen finden und Mietkautionen bezahlen und können nicht für ihre Familien aufkommen. «Irgendwann platzen die Seifenblasen, weil die Schweiz ein Staat mit Regeln ist. Die Menschen sind an einen absolut neuen Ort verpflanzt worden, an dem alles anders ist», sagt Anna Sollberger. «Je weniger Informationen die Leute hatten, umso grösser ist die Traumblase. Wer keine Anhaltspunkte hat, malt sich eine ideale Welt aus.» Die Flüchtlinge merken bald: Niemand wartet hier auf sie. Auf die Freude in den ersten Tagen folgten bald die Stolpersteine.

Folter und Gefangenschaft

«Es sind Individuen, die Freiheit und Raum erwartet haben», sagt Anna Sollberger. Jetzt leben sie in einer Grossunterkunft, der Fastenmonat Ramadan hat begonnen und um zehn Uhr abends wollen alle gleichzeitig kochen. «Dazu braucht es ein Mass an Verständnis für andere und Toleranz, das bei den Flüchtlingen aufgebraucht ist. Sie haben gelernt, mit anderen Bandagen zu kämpfen.» Sieben Tage, 24 Stunden sind Betreuer im Bleichenberg. «Sie sind gefordert mit zwischenmenschlichen Problemen.» Denn Sollberger weiss: «Alle haben Sachen erlebt, die man nicht erleben sollte, bis hin zu Folter und Gefangenschaft.» Die Folge sind posttraumatische Belastungsstörungen.

Traumata. Gesundheitliche Fragen pflasterten die ersten Wochen zu. Rentner brauchten Diabetes-Spritzen, Kinder Impfungen. Doch nach wie vor sind posttraumatische Belastungsstörungen das grosse Problem. Betroffene können nicht schlafen, sind unruhig, lustlos oder haben Konzentrationsschwierigkeiten. Kleine Veränderungen können die Menschen stark verunsichern. Auch nach Jahren noch. «Kleinigkeiten lösen bei traumatisierten Menschen oft unverhältnismässige Überreaktionen aus», sagt Sollberger. Nicht jeder kann damit umgehen.

Es war denn auch vor allem in diesem Punkt, in dem der Kanton überfordert war, als er im Dezember 2013 als erster aller Kantone eine Gruppe von 30 besonders verletzlichen Syrienflüchtlingen aus der Krisenregion aufgenommen hat: «Plötzlich hatten wir 20 Anmeldungen und brauchten Plätze beim Psychiater», sagt Anne Birk vom Amt für soziale Sicherheit. Doch die Fachleute sind nicht einfach zu finden. Beim Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes in Bern beträgt die Wartezeit aktuell rund zwei Jahre.

«So selbstständig wie möglich»

Ist der Job anstrengend? Sollberger sperrt ihre Augen weit auf, hebt die Augenbrauen in die Höhe und deutet an: Meint er die Frage ernst? «Zum Glück bin ich schon Realistin und muss das jetzt nicht mehr lernen», sagt sie, die zuvor auf dem Bieler Sozialamt gearbeitet hatte. Die zierliche Frau erklärt Männern, warum sie ihnen die Integrationszulage streicht, wenn sie nicht in die vorgeschriebenen Kurse gehen. Sie diskutiert in langen Gesprächen, warum ein Asylsozialhilfebezüger kein Auto haben darf, auch wenn ihm dies ein Bekannter schenken möchte. «Verhandeln ist fester Bestandteil meines Jobs», sagt sie. «Aber Probleme müssen sie grundsätzlich selbst lösen. Sie sollen so selbstständig wie möglich sein, sonst mache ich sie von mir abhängig», erklärt die studierte Sozialarbeiterin. «Es geht eigentlich darum, mich überflüssig zu machen.» Sie verspricht nichts und beschreibe die Realität vorsorglich schon mal als hart. Gradlinig und transparent soll ihre Kommunikation sein.

Die Hoffnung. 31 Syrien-Flüchtlinge leben auf dem Bleichenberg im Asylzentrum. 30 weitere hat der Kanton schon im Dezember 2013 aufgenommen. Sie haben bereits Wohnungen, die Kinder gehen zur Schule, die Eltern besuchen Sprachkurse und Programme zur Arbeitsmarktintegration. «In der ersten Gruppe hatte es viele Goldschmiede aus Damaskus, die sich nun in der Metallbearbeitung weiterbilden lassen», sagt Sollberger. Einige machen bereits Praktika. Die zweite Gruppe wird bald mit dem Suchen beginnen. Sie werden bei der Wohnungswahl mehr Freiheiten haben als die erste Gruppe – damit sie mehr Verantwortung übernehmen und mit dem Resultat zufriedener sind. Doch die Wohnungssuche geht weniger schnell als erwartet. Sozialhilfebezüger und Flüchtlinge sind nicht die Lieblinge der Vermieter.

Zum Schluss erzählt Anna Sollberger Lebensgeschichten – vom Familienvater, der Analphabet ist und sich zurechtfinden muss. Vom Knaben, der im neuen Schulsystem hier richtig gefördert wird und aufblüht. Von Flüchtlingen, bei denen erste gesundheitliche Massnahmen bereit zu grossen Erfolgen führen. Und sie erzählt vom Mann, der bereits ein sehr gutes Sprachniveau erworben hätte und in einem Arbeitspraktikum ist. «Er hat die Chance gehabt, sich mit der Realität zu engagieren.»

Pionier Kanton Solothurn: Der direkte Weg aus dem Flüchtlingslager in die Schweiz

Sie mussten kein langes Asylverfahren durchlaufen: Im Kanton Solothurn leben 61 Flüchtlinge, die direkt in der Krisenregion vom UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) ausgewählt und in die Schweiz «umgesiedelt» worden sind. 500 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen gewährt die Schweiz dieses Privileg, quasi als humanitäre Geste. In der Schweiz erhalten sie zudem spezielle Integrationsmassnahmen. Chancen auf das Programm haben Familien, Kranke, Betagte, Traumatisierte oder Behinderte. Der Bund leistet pro Flüchtling einen Sonderbeitrag an den Kanton. Solothurn hat als erster Kanton im Dezember 2013 eine Gruppe von 30 Flüchtlingen aufgenommen. Im April 2015 folgte eine zweite Gruppe. Zufrieden mit dem bisherigen Projektverlauf ist Anne Birk vom kantonalen Amt für soziale Sicherheit. Als Pilotkanton hatte Solothurn aber auch mit Problemen zu kämpfen. So fehlte die Struktur für die traumatisierten Menschen. Es sei nicht einfach, plötzlich 20 Plätze bei Psychiatern zu finden, sagt Birk.
Die Menschen der ersten Gruppe leben inzwischen in eigenen Wohnungen. Einige lernen noch Deutsch, andere sind schon in Berufspraktika. Die zweite Gruppe erhält mehr Freiheiten bei der Wohnungssuche. Sie sollen nicht nur selbstständiger Wohnungen suchen, sondern dann auch zufriedener mit der selbst gewählten Unterkunft sein. Der Kanton unternimmt spezielle Integrationsmassnahmen für die Flüchtlinge – baut dazu aber keine speziellen Programme auf. Ziel ist es, bestehende Angebote auszubauen oder zu optimieren. Für die Betreuung ist die externe Firma ORS AG zuständig, die auch sonst die Betreuung der Asylsuchenden im Kanton besorgt. Integrationscoach Anna Sollberger ist denn auch bei der ORS AG angestellt. Das Programm wird wissenschaftlich durch das Staatssekretariat für Migration ausgewertet, sodass das Pilotprojekt dem Kanton auch längerfristig Wissen über erfolgreiche Integrationsmassnahmen liefern soll. Die 61 Personen, die der Kanton aufnimmt, werden ihm an sein vom Bund vorgeschriebenes Asyl-Aufnahmekontingent angerechnet. (lfh)

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