Idylle pur, da und dort ein Buur. Es riecht nach frisch geschnittenem Gras vermischt mit einer Brise Stallmist. In Messen steht die Kirche noch im Dorf. Die Uhr schlägt halb zwei. Mittagsruhe ist auf dem Lande kein leeres Wort. Der Dorfladen ist geschlossen. An der Türe gut sichtbar das Schild «Videoüberwachung» – Idylle pur? Kein Strassenschild. Wo gehts denn hier zum Kaffee? Ah, dort könnte es sein.

Wird es dem arg gebeutelten Solothurner Freisinn im kommenden Herbst gelingen, den vermeintlich abonnierten und unter misslichen, wenn auch selbst verschuldeten Umständen verlorenen Ständeratssitz wieder zurückzuerobern? «Mission impossible», tönt es selbst bei freisinnigen Ultraoptimisten. Bittere Niederlagen haben eben ihre Spuren hinterlassen. Was nicht bedeutet, dass damit sämtlicher Kampfgeist den Bach runtergegangen wäre. So kam es denn auch, dass eine bürgernahe, bodenständige Frau her musste, um das bisherige, Mitte-links positionierte Männerduo aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Etwas, das Marianne Meister nicht so rasch passiert. Sie, die mit beiden Beinen im Leben steht. Dabei lastet einiges auf ihren Schultern: Sie ist Gemeindepräsidentin, sitzt im Kantonsrat, präsidiert den kantonalen Gewerbeverband, ist zu sechzig Prozent im eigenen Detailhandelsgeschäft anzutreffen, wirkt seit 25 Jahren als Gymnastiklehrerin und hat drei Kinder grossgezogen. Traumtänzerinnen haben eine andere Biografie.

«Kannst du das denn überhaupt?»

Angesprochen auf ihre Erfolgschancen als Ständeratskandidatin gegen drei national bekannte Politiker lächelt sie nachsichtig und erklärt: «Die Partei hat mich für diese schwierige Aufgabe angefragt. Ich habe Ja gesagt, und wenn ich etwas mache, dann tue ich es richtig. Halbe Sachen gibt es bei mir nicht.» Sie haben darauf gewartet? «Überhaupt nicht, es war überraschend und ich habe mit mir gerungen.» Selbstverständlich habe sie auch im Familienkreis das Für und Wider eingehend besprochen. Eines der Kinder habe dabei spontan gefragt: «Kannst du das denn überhaupt?»

Gute Frage, was haben Sie geantwortet? «Dass ich es mir zutraue.» Sie bezeichnet sich denn auch als neugierig, offen und aktiv. Nein, eine Verlegenheitskandidatin sei sie nicht. Neue Aufgaben und Herausforderungen würden sie reizen. So ist sie der Überzeugung, dass an Dynamik verliert und Staub ansetzt, wer zu lange in derselben Position verharrt. Das Wort Sesselkleber umschifft sie dabei geschickt. Dass sie von diesen nicht allzu viel hält, spürt man jedoch heraus. Frau Meister, wie lange sind Sie denn schon Gemeindepräsidentin in Messen? Sie lacht herzhaft und fügt an: «2017 wird Schluss sein.»

Männer machen ihr keine Angst

Zurück zum Sprung ins Stöckli, Marianne Meister. Wie wollen Sie gegen die gewieften Männer punkten? Sie schmunzelt. Sie, die als Gewerbepräsidentin sehr viel Erfahrung in Männerwelten hat. Diese schreckten sie beileibe nicht. Gleichzeitig ist Meister Realistin. Sie habe kein grosses Budget, um mit Werbung überall präsent zu sein, also müsse sie den geringeren Bekanntheitsgrad durch persönliche Präsenz wettmachen. Nicht zuletzt durch ihre Arbeit bei den Gewerblern komme sie im ganzen Kantonsgebiet herum. Zudem verrät sie, seien diesen Sommer Veloferien mit ihrem Mann im Kanton Solothurn geplant.

Kontakte mit der Basis knüpfen stehe auf dem Programm. «Ich betrachte mich als Volksvertreterin.» Sie liebe die Menschen und schätze direkte Begegnungen. Ob das denn nicht alle Politiker vorgeben, fragen wir nach. Meister pariert mit einem Lächeln und fügt an, dass sie diese Aufgabe absolut ernst nehme: «Ich werde mich nicht verbiegen, nicht schauspielern und schon gar keine Ansagen machen, die sich nicht mit meinen Auffassungen decken.» Verraten Sie uns zumindest eine Schwäche? Sie überlegt nicht lange und gesteht: «Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Lange Sitzungen und endloses Geschwafel liegen mir gar nicht.»

Der Vater hat sie geprägt

Meister ist bereits im Elternhaus vom aktiven Vater politisiert worden. Das hat sie später in ihre eigene Familie mitgenommen. Eine wichtige Oase der Ruhe, wo sie auch schon mal aufgefordert werde, «herunterzukommen», ihr Temperament zu zügeln.

Vor vier Jahren hat sie sich bereits einmal für den Nationalrat aufstellen lassen. Die Spielregeln des Politbetriebs sind ihr bestens vertraut, deshalb lässt sich von den vielen Einflüsterern und Ratgebern, die ihre Nomination auf den Plan gerufen haben, nicht im Geringsten beeindrucken. «Ich bin ich, will mit meinem Engagement der Partei einen Dienst erweisen und nicht zuletzt Frauen Mut machen, sich in der Politik zu behaupten.»

Und, ist der aktuelle Wahlkampf tatsächlich ein Warmlaufen für den Sprung in die Kantonsregierung? «Ha, die Leute reden viel.» Das sei heute überhaupt kein Thema, sie habe auch keine diesbezüglichen Zusagen gemacht.» Meister gibt sich zuversichtlich und kämpferisch. Sollte es nicht klappen, falle sie aber bestimmt nicht in ein Loch.