TOBS

Sie war eine Rebellin des Herzens: Theaterpremiere im Stadttheater Solothurn

Antigones (Miriam Joya Strübel) Konsequenz und Wucht tun fast physisch weh.

Antigones (Miriam Joya Strübel) Konsequenz und Wucht tun fast physisch weh.

«Antigone» von Sophokles ist heute noch aktuell. Die Tobs-Premiere begeisterte das Publikum.

Ödipus ermordet unwissentlich seinen Vater und heiratet seine Mutter. Aus dieser Liaison entspringen die vier Kinder Antigone, Ismene, Polyneikes und Eteokles. Als Ödipus, Herrscher über Theben, nach etlichen Jahren die Wahrheit erfährt, sticht er sich die Augen aus und geht in die Verbannung. Seine Frau, Mutter und Mutter seiner Kinder erhängt sich. Die Söhne regieren nun abwechselnd über Theben, bis Eteokles die Macht nicht mehr abgibt. Polyneikes zieht gegen ihn in den Krieg. Auf dem Schlachtfeld töten sich die beiden gegenseitig. Kreon, der Onkel der Geschwister und frühere Machthaber, kehrt auf den Thron zurück. Um die Ordnung im Staat wiederherzustellen, erlässt er bei Todesstrafe das Verbot, den gefallenen Polyneikes zu bestatten. Soviel zur Vorgeschichte.

Antigone stellt Liebe über das Gesetz

«Es war Krieg, schafft Vergessen jetzt!» Mit diesem Aufruf ans Volk soll gefeiert werden. Trommelmusik eröffnet das Stück. Antigone, aus der Verbannung zurückgekehrt, ist schockiert darüber, dass sie ihren Bruder nicht bestatten darf. Sie stellt ihre Liebe über das von Kreon erlassene Gesetz, nimmt von ihrem Bruder Abschied und beerdigt ihn.

Kreon lässt sich von ihrem schmerzvoll revoltierenden Herz nicht berühren («in seinem Haus muss der Mann Ordnung machen») und sperrt sie im Felsengrab ein. Sein Sohn Haimon liebt Antigone und kämpft erfolglos für ihr Leben. Erst die eindringliche Rede des alten blinden Sehers wühlt Kreon auf und lässt ihn umdenken. Doch er kommt zu spät: Antigone und sein Sohn haben sich bereits das Leben genommen.

Der griechische Dramatiker Sophokles gestaltete 422 v.Chr. diesen alten Mythos der Antigone. Sein Familien- und Politdrama ist heute immer noch höchst aktuell. Es behandelt einen menschlichen Urkonflikt: Sollen wir unserem Herzen und Gewissen folgen oder ordnen wir uns dem Gesetz unter?

Regisseurin Deborah Epstein und ihr präzise agierendes, wandelbares Ensemble bringen diese Tragödie in einer kompakten und kurzweiligen Inszenierung auf die Bühne. Epstein vertraut auf die Kraft der Rhetorik (Übersetzung: Alfred Kessler). Wie Haimon seinen Vater Kreon umzustimmen versucht, ist meisterlich geschrieben und brillant umgesetzt. Die konfliktreichen Dialogszenen werden durch Auftritte des Chors verbunden und reflektiert. Mit leichter Hand setzt Epstein hier in all dem abgründigen Drama komische Akzente. Slapstickartig wird hier gestorben, getrommelt, getanzt, der Schlagzeuger veralbert und am Bühnenbild gezupft.
Ebenfalls wohltuend komisch ist der Auftritt des Boten (Liliom Lewald), der Kreon den frevelhaften Verstoss gegen sein Verbot mitteilen muss. Epstein legt ihren Interpretationsschwerpunkt nicht so sehr auf den politischen, sondern auf den emotionalen Aspekt des Konflikts zwischen Antigone und Kreon.

Der Schlagzeugspieler schafft Atmosphäre

Antigones Konsequenz und Wucht sollen wehtun, diese Rebellin des Herzens soll uns erreichen und aufwühlen. Miriam Joya Strübel gibt sie geradlinig und mutig. Mit intensiver Leidensfähigkeit stattet Antonia Scharl ihre Ismene aus. Ernst C. Sigrist spielt Kreon souverän als Gefangenen seiner eigenen Sturheit.

Natascha von Steigers kongeniale Bühne gibt mit ihrem wandelbaren Gewand aus weissen Lastwagenplanen dem dramatischen Inhalt aktuelle Deutungsmöglichkeiten: griechische Säulengänge, sterile Operationssäle, Zeltplanen von Flüchtlingscamps oder herabfallende Todbringer. Der Schlagzeuger und Komponist Daniel D-Flat Weber wird ins Bühnengeschehen integriert und schafft mit seiner Liveperformance einen atmosphärischen Soundtrack. Eine in jeder Beziehung gelungene Bühnenproduktion.

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