Gina Messerli trifft Leute auf einen Kaffee und schreibt darüber. Aber nicht etwa für die Rubrik «Auf einen Kaffee mit ...» dieser Zeitung. Sondern für ihren Blog «Daily Cup of Madness». Dafür trifft die 20-jährige Philosophie-Studentin Leute, die an einer psychischen Erkrankung leiden. Nicht unbedingt auf einen Kaffee, sondern auf das Lieblingsgetränk der Gesprächsperson.

Danach veröffentlich die Solothurnerin, die aus Halten stammt, Beiträge über Angststörungen, Depressionen oder Schizophrenie. Teilweise schicken ihr Betroffene auch Texte, die die Bloggerin redigiert und dann veröffentlicht. Immer zusammen mit einem Foto der Hände der jeweiligen Person, die eine Tasse mit Kaffee oder ihrem Lieblingsgetränk halten. «So kann man einschätzen, ob die Person ein Mann oder eine Frau ist und weiss, was sie am liebsten trinkt. Mehr nicht», erklärt Messerli. Das soll den Gesprächspartner auch einen lockeren Kontext bieten – im Sinne von «Komm, wir trinken Kaffee und reden darüber», so die junge Frau. Das ist denn auch das Hauptziel der Studentin, die im September ihr fünftes Semester an der Universität Zürich beginnt: reden.

Ein Tabu brechen

Den Blog hat Messerli vor rund zwei Monaten gestartet. Die Idee, psychische Erkrankungen zu thematisieren, habe sie aber schon länger gehabt. «Um mich herum gibt es viele, die damit Erfahrung haben, oder jemanden kennen, der betroffen ist», sagt die Solothurnerin. «Gleichzeitig spricht man aber wenig darüber» Oft sei das Thema für die Betroffenen auch mit Scham behaftet.

So hat Messerli Anfang Sommer begonnen, Inserate zu schalten und auf Betroffene in ihrem Umfeld zuzugehen. Sie hat erste Interview geführt und Blogeinträge gemacht. «Ich dachte, es wäre viel schwieriger, an Leute zu kommen», so die Studentin. Nun habe sie aber so viele willige Interviewpartner, dass sie immer mal wieder etwas schreiben könne.

Die Gesellschaft zeige im Vergleich zu früher schon mehr Akzeptanz. So gebe es beispielsweise ja auch Informationstage über das Thema. «Die Leute finden auch, dass man darüber reden sollte», berichtet Messerli über die Reaktionen aus ihrem Umfeld auf den Blog. Einmal sei sie aber auch als «Gafferin» bezeichnet worden, die psychisch Erkrankte so zur Schau stellt. Anderseits habe eine Psychologin, eine Bekannte von ihr, das Projekt ausdrücklich gelobt.

Reden, nicht therapieren

«Wenn man sich mit jemandem für solch ein ernstes Gespräch trifft, redet man irgendwie zuerst um die Sache herum, und beginnt erst am Schluss mit: ‹Hey wollen wir jetzt noch darüber reden?›», sagt die Bloggerin. Das sei teilweise etwas komisch. Schwer falle es ihr ansonsten aber nicht. Sie könne sich auch relativ gut davon abgrenzen. Die Ersatz-Psychiaterin spielt sie nämlich nicht. Je nach Gesprächspartner weise sie auf Beratungsstellen hin. Aber das sei dann eigentlich alles, was sie tun könne.

«Und ich glaube, für Viele ist das schon ein Anfang, wenn sie einfach mal ihre Geschichte erzählen können», weiss die Studentin. Zum Beispiel habe sie mal eine Person getroffen, die an einer Angststörung leidet. «Ihr hat es ganz gut getan, darüber zu reden.» Anders sei es bei Personen, die sich in einem schwer depressiven Stadium befänden. «In diesem Zustand ist es wohl schwieriger zu sagen, wie unglaublich toll man das Projekt findet.»

Und schliesslich ginge es ja hauptsächlich auch darum, das Thema öffentlich zu machen. «Es wäre schön, wenn die Gesellschaft offener damit umgehen könnte», sagt die Messerli, die sich im Nebenfach auch mit Politikwissenschaften befasst. «Ohne dann gleich immer sagen zu müssen: ‹Oh mein Gott, das ist ja so schlimm!›» Sie wolle das Thema normalisieren, ohne ein «Mega-Drama» daraus zu machen.

Die Bloggerin ist sich sehr wohl bewusst, dass eine Depression nicht vom einen auf den anderen Tag geheilt werden könne. «Und daran werde auch ich nichts ändern können, auch wenn das hart klingt», so Gina Messerli. Aber sie habe den Blog ja auch nicht mit der Mission gestartet, die Welt zu retten. Sondern mit dem Ziel, zu reden.

www.dailycupofmadness.com