«Auf einen Kaffee mit...»
Sie stellt in der maskulin geprägten Handwerkerwelt jeden Tag ihren Mann

Heidi Bärtschi ist Malermeisterin und damit in einer eher von Männern geprägten Handwerkerwelt tätig. Zum Pinsel greift sie heute kaum noch. Umso mehr Zeit verbringt sie mit Verhandeln und Organisieren.

Theodor Eckert
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Heidi Bärtschi hat den Malerberuf von der Pike auf gelernt.

Heidi Bärtschi hat den Malerberuf von der Pike auf gelernt.

Thomas Ulrich

Regen und Kälte stehen nicht für Outdoor-Malerwetter. Doch für Arbeiten mit Roller und Pinsel im Freien ist jetzt Hochsaison. Sie dauert in der Regel von April bis November. Kein Wunder, sind derzeit viele Gerüste an Häusern auszumachen. Das Hantieren mit den Metallteilen erfordert Muskelkraft, entsprechend ist dies primär Männersache. Doch wenn die Dinger mal stehen und martialisch gegen Himmel ragen, sieht man zunehmend Frauen an der Arbeit.

Eine Frau geht ihren Weg

Heidi Bärtschi kann ein Lied davon singen. Sie hat in der maskulin geprägten Handwerkerwelt so etwas wie eine Tellerwäscher-Karriere hingelegt. Und das ging so: Gegen Ende Schulzeit liebäugelte sie mit der allseits beliebten kaufmännischen Ausbildung. Doch mit der passenden Lehrstelle wollte es nicht klappen. Also absolvierte sie ein zehntes Schuljahr.

Dann die entscheidende Weichenstellung. Ihr Trainer, ein Gipser, riet der Jungfussballerin zu einer Ausbildung in Weiss. Gesagt getan – Heidi Bärtschi, wie unschwer erkennbar keine Frau mit Entscheidungsdefiziten, stieg auf den Vorschlag ein und arbeitete kurzerhand als gipsende Hilfsarbeiterin auf dem Bau. Und sie fand Spass daran. Ein Test, der Lust auf mehr machte.

Zwar absolvierte sie in der Folge keine Gipserlehre, sondern entschied sich für die dreijährige Malerlehre. «Dabei muss Frau weniger schwere Kübel herumschleppen», erklärt sie schmunzelnd.

Bärtschi wusste ganz offensichtlich anzupacken und zeigte, was in ihr steckt. Es folgten die Vorarbeiterschule, Einsätze als Baustellenleiterin und um das Ganze abzurunden, der Besuch einer Bürofachschule.

Alles schön und gut, wird sie sich gesagt haben, dann geben wir doch noch einen drauf: Heute ist Heidi Bärtschi eidgenössisch diplomierte Malermeisterin und Chefin von bis zu 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zu Pinsel und Gipserkelle greift sie als Bereichsleiterin bei der Firma Menz in Luterbach höchstens noch zu Demonstrationszwecken. Heute sind verhandeln, organisieren, koordinieren und führen angesagt. Man könnte sie auch als Managerin für Verschönerungen am Bau bezeichnen.

Eine Chefin in einer eher rauen Männerwelt, wie funktioniert das, Heidi Bärtschi? Sie überlegt kurz: «Das geht», kommt es überzeugend. Dann fügt sie allerdings ergänzend an: «Als Frau wird dir nichts geschenkt. Du musst mehr Leistung bringen als männliche Kollegen in der gleichen Position, du darfst dir weniger Fehler leisten und darfst keine Schwächen zeigen.» Ja, dann gehe es. Und nicht unwichtig, der Chef müsse wenn nötig Rückendeckung geben, was in ihrer Firma zum Glück der Fall sei.

Aber unter uns: Lassen sich Männer auf dem Bau von einer Frau sagen, was Sache ist? Von einem milden Lächeln begleitet sagt sie, dass es durchaus langjährige Mitarbeiter gebe die glaubten, ihre Berufsjahre seien mit nichts aufzuwiegen und schon gar nicht von einer Frau. Aber irgendwann verschwinde auch diese Haltung unter einem frischen Farbanstrich.

Interessant in diesem Zusammenhang sei übrigens, dass sich der Malerberuf zunehmend zu einer Tätigkeit für Frauen wandle. Mittlerweile sei das Geschlechterverhältnis bei den Berufseinsteigern halbe halbe.

Und wenn es Katzen hagelt?

In diesen Tagen herrscht auf Baustellen Kaiserwetter, doch wie ist es, wenn es morgen wieder Katzen hagelt? Dann gelte es halt, schnell umzudisponieren und andernorts Arbeiten in Innenbereichen zu forcieren. Wenn man mehrere Baustellen zu betreuen hat, sei letztlich Flexibilität gefragt, erklärt Bärtschi. Sie ist denn auch eine treue Kundin bei Meteo Schweiz. Die Wetterapp hat sie permanent im Auge: «Zu 80 Prozent stimmt die Voraussage tatsächlich», fügt sie mit einem schelmischen Lachen an.

Dass die Arbeit mit Farbe ihre Tücken haben kann, kommt im Verlauf des Gesprächs ein erstes Mal zu Ausdruck, als es um passende Farbtöne geht. Bei einer Kirchensanierung habe sie tatsächlich sieben Mal die Farbe neu mischen müssen. Das hätten auch grossflächige Muster nicht verhindern können. Lichteinfall, Schattenwurf und Sonneneinstrahlung, dies alles habe einen grossen Einfluss auf die Wahrnehmung. Letztlich habe man es aber doch noch hingekriegt.

Apropos Farbe, so schön es manchmal wäre, kreativer zu sein, so erweise sich der Spielraum oft als begrenzt. Denkmalschutz oder auch Gestaltungspläne würden da entsprechende Leitplanken setzen. Im Kanton Solothurn habe sie zudem die Erfahrung gemacht, dass die Kunden mehrheitlich keine gewagten Experimente wünschen. Sie setzten vielmehr auf Solides, Bewährtes, eben nichts Extravagantes.

Auf die Gesundheit achten

Ein anderes, heikles Thema in Sachen Malerei ist die Gesundheit der Berufsleute. Der Arbeitsschutz geniesse einen hohen Stellenwert, hält Heidi Bärtschi fest. So könne das Tragen von Handschuhen Hautausschläge verhindern helfen und das Anziehen von Schutzmasken Atemprobleme, Schwindel oder Krämpfe. Darauf gelte es tagtäglich zu achten. Dass das Hantieren mit Malerutensilien böse Folgen haben kann, hat sie am eigenen Leib erfahren. Ein Behälter mit Nitroverdünner ist ihr einmal im Auto nicht nur umgekippt, sondern gar ausgelaufen. Trotz intensivster Reinigung habe sich in der Folge über Tage ein Dampfnebel gehalten. Wer nicht high werden wollte, musste das Fahrzeug entweder bei Durchzug oder mit Schutzmaske bewegen.

Von einem Profi, der sich ständig in der Praxis bewegt, wollen wir natürlich noch etwas über den Preiskampf und Lohndumping auf Baustellen wissen. Beides mag Bärtschi nicht wegdiskutieren. Sie staune manchmal schon, wie seriös gerechnete Offerten anderweitig noch um 20 Prozent unterboten würden. Qualitätsarbeit habe jedoch ihren Preis und viele Kunden setzten darauf. Bezüglich Niedriglöhne sieht sie eher grenznahe Region betroffen, doch auch im Mittelland habe sie schon Situationen erlebt, als sich beim Auftauchen von Polizei eine Baustelle wie von Geisterhand geleert hat.

Erneut gleitet ein Schmunzeln über ihr Gesicht. Wie auch immer, sie liebe ihren Beruf und könne ihn allen handwerklich interessierten und begabten jungen Frauen nur empfehlen.

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