Sie stellt sich bei jedem Besuch aufs Neue vor. Sameiro Lopes, 55, lange Haare, dunkle Augen, gebürtige Portugiesin. Mit Besuch ist Arbeit gemeint. Lopes ist Helferin beim Roten Kreuz Kanton Solothurn. Jede Woche besucht sie eine Seniorin – nennen wir sie Martha – alle 14 Tag einen Senior – Paul. Beide dement.

«Das Wichtigste ist», sagt die Oensingerin, führt Zeigefinger und Daumen zusammen, und beugt sich ein Stück vor, «sich immer Zeit für die Begrüssung zu nehmen.» Damit die beiden Senioren merken, dass es Lopes ist, die wieder einen Nachmittag vorbeikommt. Und damit Lopes spürt, wie es den Senioren an diesem Tag geht.

Je nach Befindlichkeit ändert sich nämlich das Programm. Jeweils einen Nachmittag verbringt Lopes mit den Demenzkranken, die zu Hause wohnen. Zusammen bügeln, Wäsche waschen, einkaufen, spazieren gehen, Brettspiele spielen. Oder einfach zuhören.

15 Fr. für eine Stunde Entlastung

Entlastungsdienst – Dementia Care heisst das Programm, für welches die ausgebildete Fachfrau Betreuung arbeitet. 17 demente Menschen im ganzen Kanton werden durch Mitarbeiter des SRK Kanton Solothurn betreut. Der Stundentarif beträgt 15 Franken. In dieser Zeit sollen die Betreuten aktiviert, die Angehörigen, die die Demenzerkrankten pflegen, entlastet werden (siehe auch «Nachgefragt»).

Im Fall der beiden Senioren Martha und Paul sind das die Ehefrau und der Ehemann. Die kümmern sich – trotz fortgeschrittenen Alters – noch um den jeweiligen Partner. «Ein 24-Stunden-Job», wie Lopes sagt.

Sie arbeitet seit einem Jahr beim SRK, hat aber schon länger Erfahrung mit Demenzerkrankten. Jahrelang hat sie in Heimen gearbeitet. 8,5-Stunden-Schichten, immer auf Achse, mit Bewohnern, die nach Hause wollen, verwirrt sind, manchmal auch aggressiv. So erleben die Partner Martha und Paul auch zu Hause, wo sie rund um die Uhr mit ihnen Zeit verbringen.

«Viele Angehörige machen zu viel», weiss die Pflegerin. Sie geben sich vollständig auf. «Sie gehen vergessen.» Nicht aber, wenn die Mitarbeiterin des SRK kommt. «Dann», sagt sie, und fährt mit der Handfläche bestimmend durch die Luft «übernehme ich das Kommando», sie stoppt die Hand, einige Zentimeter über der Kaffeetischplatte, «100 Prozent.» Die Angehörigen geben Verantwortung ab, können ausgehen, haben Zeit für sich.

Kleine Krisen, grosse Geschichten

Während der Besuche erlebt Lopes jeweils auch kleinere Krisen. Wenn sie davon erzählt, beugt sie sich vor, senkt die Stimme fast zu einem Flüstern. «Ich bin dumm», sage etwa Martha manchmal, wenn sie etwas sagen will, aber nicht mehr weiss, wie sie sich ausdrücken soll. Paul zeige Unverständnis darüber, warum er kein Bier mehr trinken darf – schliesslich ist er ein erwachsener Mann.

Lopes erlebt aber vor allem schöne Momente. Sie lehnt sich zurück, lächelt und erzählt ausführlich davon. Dass sie zum Beispiel mit Paul oft Karten spielt, und er immer gewinnt, weil er die Karten zählt. Oder dass Martha stundenlang alte Geschichten über Solothurn erzählen kann. «Das Kurzzeitgedächtnis ist weg», sagt die Oensingerin. Aber im Langzeitgedächtnis sind noch ganze Kapitel aus der Kindheit genau gespeichert.

Zu Hause alt werden

«Ich mache die Arbeit mit ganzem Herzen», sagt die 55-Jährige mit ihrem portugiesischen Akzent. Sie lebt seit 1985 in der Schweiz, wo sie ihre Tochter grösstenteils alleine grossgezogen hat. Ihr Vater ist vergangenes Jahr verstorben, die Mutter lebt nach wie vor in Portugal. Lopes telefoniert jeden Tag mit ihr und besucht sie in den Ferien. «Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen», sagt sie. Weil sie nicht jeden Tag dort ist.

In der Schweiz hat Lopes auch ihre Ausbildung und Weiterbildungen gemacht. Hier kümmere sich die Gesellschaft heute mehr um ihre Alten, glaubt Lopes. Mit Spitex, freiwilligen Betreuern und Angehörigen könnten Betagte oft bis zum Schluss zu Hause bleiben. Schade findet sie es, wenn Angehörige Demenzerkrankte in einem Heim abgeben, dann nicht mehr zu Besuch kommen, weil sie Angst haben, nicht mehr erkannt zu werden. Und Angst haben, selber mal krank zu sein? Lopes überlegt. «Man weiss halt nie, was kommt.»

Sie selbst habe keine Angst – sondern Respekt vor der Krankheit. Die Berufswahl habe sie nie angezweifelt. «Ich bin glücklich.» Das wolle sie mit ihrer Arbeit weitergeben. Das, und die Möglichkeit, zu Hause alt zu werde. Zu Hause – so etwas vergesse man nicht. Ebenso wenig Familienangehörige, auch wenn die Namen den Erkrankten manchmal entfallen oder gar nicht mehr in den Sinn kommen. Auch an sie erinnerten sich Martha und Paul bei den Besuchen schliesslich. «Ah, da ist ja Frau Lopes.»