Käseproduktion
Sie sind nur noch leere Hüllen: Käsereigenossenschaften verschwinden aus dem Kanton

Käsereien sind längst aus den Dörfern verschwunden – nun folgen auch die Käsereigenossenschaften. Der Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum Ertrag mehr.

Daniela Deck
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Ausnahmeerscheinung: Im Kanton gibt es nur gerade noch zwei produzierende Käsereien. Hier ein Blick in die Käserei im Reckenkien in Mümliswil, wo Käser Josef Fluri den Käse pflegt.

Ausnahmeerscheinung: Im Kanton gibt es nur gerade noch zwei produzierende Käsereien. Hier ein Blick in die Käserei im Reckenkien in Mümliswil, wo Käser Josef Fluri den Käse pflegt.

Bruno Kissling

Die Solothurner Bauern befreien sich von Ballast. Nach und nach lösen sich die lokalen Käsereigenossenschaften auf. In den letzten 20 Jahren waren das nämlich nur noch leere Hüllen. Käse entsteht hier schon lange nicht mehr. Aktuell folgen die Genossenschaften Unterramsern und Selzach dem Trend.

Käsereimilch, das heisst Milch ohne Silofutter, bringen die Landwirte heute schwergewichtig bei den Marken Le Gruyère und Emmentaler AOC unter, gefolgt von Raclette Suisse, Appenzeller und Tilsiter. Bei der restlichen Milch, der sogenannten Konsummilch, ist die Hofabfuhr der Standard. In grossen Kühllastern holen die Verarbeiter Emmi, Cremo, Elsa, Hochdorf und, in der Umgebung von Solothurn, Lanz, die Milch vom Stall und machen daraus Trinkmilch, Rahm und Butter, Joghurt und Glace.

Abgesehen von wenigen Nischenproduzenten ist die Zeit der Käseproduktion in den Dörfern vorbei. So gibt es im Kanton nur noch die zwei Käsereien von Marc Jakob in Kyburg-Bucheggberg und Hansjörg Stoll im Reckenkien (Mümliswil). Beide finden dank Spezialitäten und ausgefeilten Geschäftsmodellen ihr Auskommen.

Käseproduktion umgewälzt

«Kaum eine Branche wurde in den letzten 20 Jahren so durchgeschüttelt wie die Käseproduktion», sagt Peter Brügger, Sekretär des Solothurner Bauernverbandes. Nach den Käsereigenossenschaften Selzach und Unterramsern, deren Liquidation jüngst im Handelsamtsblatt publiziert ist, sind bei Brügger die nächsten drei Fälle hängig.

«In den nächsten paar Jahren werden mehrere Dutzend Genossenschaften folgen», nimmt er an. Zum Vergleich: Vor 40 Jahren gab es im Kanton Solothurn nach Schätzung des Bauernsekretärs 120 bis 130 Milch- und Käsereigenossenschaften. «Es ist Zeit für diesen Schritt. Das Verständnis dafür und die Entscheidung reifen vielerorts.» Oft sei der Auslöser reinen Tisch zu machen im Investitionsbedarf der Käsereigebäude zu finden.

Es sind immer weniger

Wer von der nostalgischen Vorstellung des Chäsi-Lädeli im Dorf Abschied genommen hat, versteht die Situation der Bauern. Einerseits nimmt die Zahl der Milchproduzenten ab, andererseits steigen die Anforderungen an die Qualität der Verarbeitung des Rohstoffs «Milch».

Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Genossenschaft mindestens sieben Mitglieder braucht. Ist diese Voraussetzung nicht mehr gegeben, kann jeder Genossenschafter die Auflösung verlangen. «Das Ziel der Genossenschaft ist die Selbsthilfe. Im Bereich der Käseproduktion ist, bis auf wenige erfreuliche Ausnahmen, die Zeit für diese Organisationsform vorbei», erklärt der Bauernsekretär.

Aufwand ohne Ertrag

Die Käsereigenossenschaften, die sich nun auflösen, hatten in den letzten Jahren hauptsächlich noch eine Aufgabe: die Vermietung oder den Verkauf der Käserei. «Wir sind keine Immobilienfirma», argumentiert der Präsident der Käsereigenossenschaft Unterramsern, Hanspeter Ziegler.

Für die letzten neun angeschlossenen Landwirte stand der Aufwand für die vorgeschriebenen Strukturen Generalversammlung, Rechnung und Revision in keinem Verhältnis zum Nutzen, zumal das Käsen in Unterramsern vor 20 Jahren aufgegeben und die Betriebe auf Hofabfuhr umgerüstet wurden. Hinzu kam – nach einer langjährigen guten Vermietung der Chäsi-Liegenschaft an eine grosse Familie – Ärger mit einem unkooperativen Folgemieter. «Wir haben es nie bereut, dass wir mit Käsen aufgehört haben», sagt Ziegler. «Nun ziehen wir mit der Auflösung der Genossenschaft und dem Verkauf des Gebäudes den Schlussstrich.»

Es geht auch anders

Einen anderen Weg als den Verkauf der Käserei hat letztes Jahr die Genossenschaft in Derendingen gewählt. Angesichts der zentralen Lage der Chäsi-Liegenschaft im Dorf an der Hauptstrasse entschieden sich die betroffenen neun Landwirte, das Gebäude nicht aus der Hand zu geben. Für Vermietung und Unterhalt wandelten sie die Rechtsform von der Genossenschaft zur GmbH um.

Präsident Hans Marti erklärt den Entschluss folgendermassen: «Uns ist es einerseits um die Fairness beim Genossenschaftsvermögen gegangen: Wer mit der Milchproduktion aufhört, wäre bei der Genossenschaft vom Vermögen ausgesperrt worden. Andererseits haben wir Respekt vor dem Werk unserer Väter und wollten darum nicht einfach verkaufen. Unsere Vorfahren haben das Käsereigebäude sorgfältig unterhalten. So ist es heute in einem guten Zustand.» Nach anderthalb Jahren unter den neuen Vorzeichen ist Hans Marti zufrieden mit der Entscheidung: «Die zwei Ladenlokale und drei Wohnungen sind vermietet – Wohn- und Gewerberaum an dieser Lage ist gesucht. Damit haben wir ein Polster, um Investitionen zu tätigen.» (dd)

Keine Verluste

Auch in Selzach ist die Trennung vom Gebäude der Auslöser für die Liquidation der dortigen Genossenschaft. Allein in diesem Dorf gab es einst drei solche Kooperativen: Selzach, Altreu und Haag – die beiden letzteren als Milchannahmestellen organisiert.

Bauernsekretär Peter Brügger gibt zu bedenken, dass die Bauern und auch die Gläubiger mit diesen Aufräumaktionen nichts verlieren: «Die Genossenschaften wurden früher sehr umsichtig geführt. Deshalb gibt es bei den Liquidationen keine Verluste.» Die letzten verbleibenden Genossenschafter bekämen nach Abzug aller Kosten meistens noch ein paar Franken in die Kasse.