Am Limit

«Sie sind einsame Einzelkämpfer geworden»: Bauern arbeiten bis an ihr psychisches Limit

Bauern werden mit der Industrialisierung immer mehr zu Einzelkämpfern. (Symbolbild)

Bauern werden mit der Industrialisierung immer mehr zu Einzelkämpfern. (Symbolbild)

Grosser Andrang am Themenabend «Am Limit – psychische Belastung in der bäuerlichen Bevölkerung». Bauern leiden häufig an Burnouts.

«Zwölf Prozent der Landwirte zeigen Symptome eines Burnouts. Das ist etwa doppelt so viel wie im Durchschnitt der Bevölkerung.» Mit dieser Zahl schockierte Peter Brügger vom Solothurner Bauernverband die Zuhörer im Bienkensaal. «Ländlicher Raum ist eine heile Welt. Oder doch nicht?», leitete er mit einer rhetorische Frage sein Referat ein. «Bauern werden als Subventionsjäger, Tierquäler, Umweltverschmutzer und sogar als Verursacher des Klimawandels an den Pranger gestellt.»

Brügger fuhr fort: «Heute wird immer mehr Kapital eingesetzt, um mit Maschinen die Arbeitskräfte zu ersetzen. So ist der Bauer ein einsamer Einzelkämpfer geworden.» Als grosses Problem beschreibt der Bauernsekretär die schleichende Verarmung. «Schulden können nicht abgebaut werden und dann fehlen die Reserven, wenn Ersatzinvestitionen anstehen.» Der grosse Druck führe dazu, dass zuerst die administrativen Aufgaben vernachlässigt werden, was wiederum zu Einkommensverlusten führt, weil die Direktzahlungen gekürzt werden. Der Teufelskreis beginne oft unbemerkt mit mürrischem Verhalten, könne dann aber bis zum Burnout und zur psychischen Erkrankung führen. «Der Bauer ist selbstständig. Er handelt alleine und holt sich oft viel zu spät Hilfe.»

Bauernverband kann Hilfe leisten

Martina Iseli vom Berner Bauernverband beschrieb die Hilfsangebote, die zur Verfügung stehen. Im Kanton Bern gibt es eine Anlaufstelle «Überlastung Landwirtschaft», die helfen kann. Der Solothurner Bauernverband bietet eine schnelle Krisenintervention auf verschiedenen Ebenen an: Betrieb, Familie, Betriebsführung. Je nach Problem kann der Verband kurzfristig einen Betriebshelfer, eine Haushaltshilfe oder administrative Unterstützung anbieten. «Überforderung und Erschöpfung sind bei unseren Bäuerinnen und Bauern nicht selten», sagte Iseli, «aber Ängste, Hemmungen und Tabus setzen der Unterstützung Grenzen.»

Krankenkasse zahlt Betreuung

«Der Bedarf an ambulanter psychiatrischer Betreuung hat stark zugenommen», beschrieb Franziska Thomet von der Spitex Gäu die Situation in der Region. Dies aber nicht nur im bäuerlichen Umfeld, sondern ganz allgemein. «Wir trainieren mit psychisch erkrankten Personen neue Bewältiguns-Strategien und greifen bei Krisensituationen schnell helfend ein», erklärte die Pflegefachfrau Psychiatrie. Bei der Spitex Gäu arbeiten neun Personen. Sie betreuen rund 100 Personen und die Kosten werden durch die Krankenkassen gedeckt.

Wie eine ambulante Psychiatriepflege in der Praxis aussehen könnte, darüber referierte die Pflegefachfrau Nicole Blanc. «Ich spreche Depression, Todessehnsucht, Schulden und Familienprobleme an.» Der Weg aus einer Depression erfolge in kleinen Schritten, oft brauche es sogar Überwindung, wieder den Briefkasten zu leeren. Sie bestätigte, dass im bäuerlichen Umfeld die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, besonders gross sei. Bisher habe sie aber erst einmal einen psychisch angeschlagenen Bauern betreuen dürfen.

Im anschliessenden Podiumsgespräch unterstützte Martina Iseli diese These: «Eine direkt betroffene Person, die sich am Gespräch beteiligt hätte, konnten wir nicht finden. Das zeigt die Hemmungen und ich verstehe sehr gut, dass man nicht mehr über die schlechte Zeit reden will.» Peter Brügger zog eine positive Bilanz der Veranstaltung: «Ich habe heute gelernt, dass wir viel früher die Spitex einbeziehen können, damit dann vielleicht sogar die Krankenkasse gewisse Leistungen übernimmt.»

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