Es sind keine einfachen Zeiten für Parteien. Immer weniger Menschen bekennen sich zu einem politischen Verein. Die Traditionsparteien verlieren an Rückhalt. Neue Kräfte tauchen auf. Der Rückwärtstrend erfasste auch die FDP. Jene Partei, die das Land und insbesondere den Kanton Solothurn wie keine andere prägte.

Im Bucheggberg aber, wo die Freisinnigen noch bis in die 1980er-Jahre 80 Prozent der Stimmen holten, halten sie sich sogar bei Nationalratswahlen als stärkste Kraft. Nur in zwei anderen Deutschschweizer Bezirken in Schwyz und Appenzell Ausserrhoden ist dies noch der Fall. Sämtliche Gemeindepräsidentinnen und Präsidenten des Bezirks sind in der FDP. Der Bucheggberg und der Freisinn können nicht ohne einander.

Eine Hochburg der FDP ist Schnottwil. «Wir sind hier die führende Partei», sagt einer, der es wissen muss. Stefan Fahrer ist Ortsparteipräsident, war 14 Jahre lang im Gemeinderat, davon 6 Jahre als Gemeindepräsident. Er ist in einem liberalen Haus aufgewachsen.

Der Vater betrieb einen Coiffeursalon, die Mutter ein Lädeli. In solchen Milieus bekam man in Schnottwil den Freisinn eingeimpft. Auch als Banker sieht der 51-Jährige heute seine Interessen gut von der FDP vertreten. Die politischen Kräfteverhältnisse offenbaren die Dominanz der Partei. Von sieben Gemeinderäten stellten die FDP stets fünf und die SP einen. Das Restmandat kippte jeweils nach links oder rechts.

Dass die SVP-Vorgängerpartei BGB im landwirtschaftlich geprägten, Bern nahestehenden Bezirk mit seinen Bauern und Kleingewerblern nie gefragt war, ist ein Phänomen. Ein Erklärungsversuch für die fortschrittliche Weltanschauung liegt im liberal gesinnten Bürgertum, das die attraktive Wohnlage auf dem Land sucht.

Eine zentrale Rolle spielt die Religion. Die Bezirksbewohner bekannten sich zum Protestantismus. Noch heute zehrt die FDP im Bucheggberg von ihrer reichen Geschichte. Doch allein mit der Tradition lässt sich ihr Erfolg nicht begründen. Dahinter steckt System.

Das FDP-Erfolgsgeheimnis

Wir treffen ein Urgestein des Schnottwiler Freisinns. Theodor Kocher bekleidete in der Gemeinde zwar nie ein öffentliches Amt. Doch er war 12 Jahre lang Ortsparteipräsident und sass ab 1997 im Kantonsrat. 2004 trat er wegen Herzbeschwerden zurück.

Inzwischen ist der 63-Jährige wieder gesund. «Wenn mich die Partei braucht, dann springe ich noch heute.» Der Anwalt und Chef der Immobilienfirma Espace Real Estate mit Sitz in Biel ist so etwas wie das Gewissen der Ortspartei. Kocher stammt aus einer freisinnigen Musterfamilie. Urgrossvater, Grossvater, Vater, sie alle waren Gemeindepräsidenten.

«In meiner Generation wurde diese Tradition erstmals unterbrochen.» Nicht, dass dieses Amt für ihn unerreichbar gewesen wäre. Doch seine Karriere führte ihn vorübergehend nach Basel. «Und überhaupt ist es nicht ideal, wenn die Macht in den Händen weniger Familien liegt.

Das goutieren die Leute nicht.» Dass in Schnottwil Sprösslinge der Kocher, Fahrer oder Willi oft das öffentliche Leben prägten, bleibt natürlich trotzdem eine Tatsache.

Theodor Kochers Eltern führten den Traditionsgasthof Krone. Dort wurde der Bub Zeuge des FDP-Erfolgsrezeptes. Das Geheimnis liegt in der personellen Breite und dem Verzicht auf eine Ideologie, die den Blick und das Wählerspektrum verengen würde.

«Bei uns fanden alle Platz, vom Arbeiter bis zum Fabrikanten.» In der «Krone» versammelten sich die unterschiedlichsten Organisationen. Die FDP natürlich, aber auch die SP, der Landesverband Freier Schweizer Arbeitnehmer als bürgerliche Gewerkschaft sowie die VHTL-Gewerkschaft. «Das hatte alles reibungslos nebeneinander Platz.

Weil man den verschiedenen Interessen aktiv Raum liess und diese pflegte.» Aufgrund ihrer offenen Gesinnung war die FDP im Bucheggberg eine Volkspartei. Anfang des 20. Jahrhunderts sogar mit 100 Prozent aller Stimmen.

Zwar hatten die mächtigen Freisinnigen mittels des früheren Solothurner Proporzverfahrens oft mitbestimmt, wer von der SP in die Kränze kam. «Die konnten aufstellen, wen sie wollten. Die FDPler wählten ihnen stets drein», erzählt Kocher. Doch immerhin: Man liess dem politischen Gegner Raum.

Sie rekrutieren Personal

Mittepartei ist die FDP in Schnottwil nicht bloss aufgrund ihrer Positionierung. Freisinnige Exponenten nahmen in der Gemeinde stets die Rolle von Mediatoren ein. «Wenn es einmal chrisaschtete, und das tut es nun einmal ab und zu in unserem Dorf, suchte ich stets das persönliche Gespräch», sagt Theodor Kocher. «Diese Aufgabe nahm ich sehr ernst.»

Dass er dabei mit vielen Leuten ins Gespräch kam, kam ihm zupass. So rekrutierte er gleichzeitig geeignetes Personal für öffentliche Ämter. Noch immer sehen es FDPler als eine Hauptaufgabe, Menschen für die Gemeindearbeit zu gewinnen.

Jedes der acht Vorstandsmitglieder erhält lange vor den Wahlen jeweils eine Namensliste und klappert diese persönlich ab. «Der breite und direkte Kontakt mit den Dorfbewohnern, also das Klinkenputzen, ist sehr wichtig», bestätigt Stefan Fahrer.

Damit fördere man systematisch die Integration der Neuzuzüger. Diese würden sich aus einem bestimmten Grund für das Leben in Schnottwil entscheiden. Deshalb seien sie stark daran interessiert, ihren Wohnort zu pflegen. «Und wenn sie nicht im Gemeinderat mitarbeiten wollen, dann vielleicht in anderen tragenden Funktionen wie einer Kommission», sagt Fahrer. «Oder sie wählen zumindest FDP.»

Bucheggbergerinnen haben Schlag

Mit Paul Jetzer, Theodor Kocher und Annekäthi Schluep waren Schnottwiler Freisinnige in jüngster Zeit stets im Kantonsrat vertreten. Aufgrund der starken Hausmacht konnten diese kaum verhindert werden. «Das Amt als Kantonsrat konnte man für die Gemeinde nutzbar machen», spricht Kocher aus Erfahrung.

Man habe Zugang zu Chefbeamten, konnte kleine Anfragen starten und Druck auf die Verwaltung ausüben. Heute, wo der Amtei-Wahlkreis bis in den Steinhof reicht, sei der sekundäre Aufwand für Legislativpolitiker, also die Wählerpflege, viel intensiver geworden. Das schrecke viele von einer Kandidatur ab. Trotz Bemühungen stellt sich heuer keine Schnottwilerin der Wahl in den Kantonsrat.

Dafür sind Fahrer und Kocher optimistisch, dass es bald wieder eine freisinnige Regierungsrätin aus dem Bucheggberg gibt. Die Wahlchancen von Marianne Meister schätzen sie aufgrund ihrer «fachlichen Qualitäten» als gut ein.

Zudem sei Meister bodenständig. «Und das ist in der heutigen Zeit nicht falsch», meint Kocher. Hinzu kommt die Tatsache, dass Bucheggbergerinnen im Kanton der Minderheiten bei vielen einen Schlag haben.

«Das wir eine politische und geografische Randerscheinung sind, ist ein gewisser Vorteil.» Auch ohne grossen politischen Rucksack habe man als Bucheggberger im Kantonsrat stets eine Stimme, die gehört wird.

Kritik an der eigenen Partei

Neben Lobpreisungen sparen Fahrer und Kocher aber nicht mit Kritik an der eigenen Partei. Auf Bezirks- und Kantonsebene hätten Freisinnige mitverursacht, dass Schnottwil ihre Primarschule verloren hat. Es ist bis heute ein Reizthema.

Auch der Wandel der FDP von der Sympathisanten- zur Mitgliederpartei kam auf dem Land nicht gut an. Damit wolle man bloss Beiträge generieren, und das könne nicht der Sinn der Übung sein, tönte es aus dem Bucheggberg. Viele bewährte Exponenten sind der FDP bis heute nicht beigetreten.

Das hindert die Schnottwiler nicht am vollen Einsatz für ihre Partei. Für die Gemeinderatswahlen stellt die FDP eine volle Liste, mit Stefan Schluep steht ein Kandidat für das Gemeindepräsidium aus den eigenen Reihen bereit. Sowohl Stefan Fahrer und Theodor Kocher hoffen, dass auch die SP wieder eine Liste stellt. Nur einmal sei es nicht dazu gekommen. «Das war überhaupt keine gute Sache», sagt Kocher.

Die Auswahl von Kandidaten und der Wettbewerb der Meinungen und Köpfe, sie sind dem Freisinn ein echtes Anliegen. Sachpolitik hin oder her. In Schnottwil beweisen die Freisinnigen, wie wichtig die Partei für das öffentliche Leben ist. Damit halten sie die Demokratie lebendig.